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Sind Mädchen für unsere Schulwirklichkeit besser gerüstet als Jungen?

Schule

Systematisch benachteiligt

Warum Jungen anders lernen als Mädchen: Ein Gastbeitrag über gemeinsamen Unterricht und unterschiedliche Lerntypen.

Von Peter Struck

Weltweit gesehen sind vor allem Mädchen benachteiligt, wenn es um Bildung geht. So weist der UNESCO-Weltbericht zur Lage der Kinder darauf hin, dass 220 Millionen Kinder der Erde überhaupt nicht zur Schule gehen, und davon sind 150 Millionen Mädchen. Die meisten von ihnen wären heilfroh, wenn sie wenigstens in dürftig ausgestatteten Räumen mit 80 Mitschülern lernen könnten. In Deutschland ist es anders: Einerseits passen sich die Mädchen den schulischen Erwartungen besser an als die Jungen, andererseits fühlen sie sich nicht selten von den Jungen „untergebuttert“, und das gilt vor allem für Fächer wie Physik, Chemie und Sport.

Martin Luther hatte bereits 1524 eine Schulpflicht für alle Kinder gefordert, die aber erst 1592 im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken als erstem Territorium der Welt eingeführt wurde, und zwar zunächst für Jungen. Sie blieb aber bis 1717 nur eine Absichtserklärung, denn es fehlte durchweg in allen deutschen Landen an Schulgebäuden und Lehrkräften. Als dann König Friedrich Wilhelm I. für Preußen die allgemeine Schulpflicht einführte, blieb es noch lange unbestraft, wenn Mädchen auf dem Lande nicht zur Schule geschickt wurden. 1698 gründete dann August Hermann Francke in Halle die erste deutsche Mädchenschule, und erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Eltern bestraft, die ihre Töchter nicht zur Schule schicken.

Die Einführung der Koedukation war ein großer Fortschritt in der Schulgeschichte. Denn es ist gerade mal 120 Jahre her, dass in Deutschland kaum ein Mädchen zum Abitur kam. Erst mit der emanzipatorischen Erziehungsbewegung um Helene Lange und Gertrud Bäumer entstanden um das Jahr 1900 herum aus den „Höheren Töchterschulen“ die ersten Lyzeen als Gymnasien für Mädchen, und erst in den 1950er Jahren begann man – regional unterschiedlich –, gemeinsame Klassen für Jungen und Mädchen auch in weiterführenden Schulen einzurichten.

Mittlerweile dreht sich jedoch die Entwicklung ein wenig zurück. Einige Politiker wie die ehemalige nordrhein-westfälische Schulministerin Gabriele Behler (CDU) fordern eine „partiell aufgelöste Koedukation“, damit die Mädchen in denjenigen Fächern, in denen sie lieber unter sich bleiben wollen, von den Jungen getrennt lernen können, und zwar bei ansonsten koedukativer Einrichtung von Klassenverbänden. Im niedersächsischen Landerziehungsheim Marienau und in Bremen, Schleswig-Holstein sowie Nordrhein-Westfalen ist daher die Möglichkeit geschaffen worden, Mädchenlerngruppen in Sport, Physik, Chemie, Technik und Informatik einzurichten.

Darüber hinaus gibt es in einigen Städten wie Bonn und München immer noch reine Mädchengymnasien, weil einige Eltern ein solches Angebot wünschen. Erfahrungen wie die im Münchener St.-Anna-Gymnasium zeigen auch, dass Mädchen in speziell für sie geschaffenen Lerngruppen bessere Leistungen in Chemie erzielen und viel häufiger ein Chemiestudium beginnen. Sie haben bei Abwesenheit der Jungen mehr Mut und Lust, sich zu melden, Fehler zu machen und sich aktiv mit Experimenten auseinander zu setzen.

Klischees stimmen nicht mehr

Andererseits stimmen die früheren Klischees schon lange nicht mehr: Mädchen arbeiten inzwischen häufiger und länger am Computer oder Tablet als Jungen, während Jungen mehr damit spielen; Frauen haben in der Arbeitswelt häufiger mit Computern zu tun als Männer; obwohl es unter der Gesamtschülerzahl von etwa zehn Millionen in Deutschland weniger Mädchen als Jungen gibt, sind Mädchen ab Klasse 8 in den Gymnasien zahlreicher vertreten; sie erreichen eine um 0,8 bessere Abiturdurchschnittsnote; 58 Prozent aller Abiturienten sind Mädchen, nur noch 42 Prozent Jungen, während in den Hauptschulklassen – sofern es sie überhaupt noch gibt – nur noch 33 Prozent Mädchen sind; zwei Drittel der Sitzenbleiber und Rückläufer sind Jungen; von den zehn Prozent aller Schüler, die es nicht einmal bis zum Hauptschulabschluss schaffen, sind 72 Prozent Jungen; und in den Schulen für Verhaltensgestörte, die inzwischen Schulen für Erziehungshilfe oder für emotional und sozial Benachteiligte heißen, sind fast 95 Prozent Jungen.

Die britische Behörde für Bildungsstandards hat ermittelt, dass Jungen den Erwartungen ihrer Lehrer häufiger ausweichen (keine Hausaufgaben machen, nicht für Klausuren lernen, notwendige Bücher und Materialien nicht mitbringen, abgelenkt sind), dass sie dazu neigen, Lernerfolge zu minimieren, um nicht als „Streber“ zu gelten, und dass sie viermal häufiger als „verhaltensoriginell“ auffallen als Mädchen, die ordentlicher und bemühter sind, sich bei ihren Lehrkräften beliebt zu machen und die sich eher mit ihrer Schule identifizieren. Eigentlich müssten also vor allem die Jungen vor der Koedukation geschützt werden!

Dieses alles gilt aber nur für stark lehrerzentriert, also frontal geführte Klassen, denn im Rahmen von offenem Unterricht, von selbstständigem und jahrgangsübergreifendem Lernen sowie bei Partnerarbeit mit ganz vielen handlungsorientiert genutzten Lernmaterialien gibt es dagegen fast keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Lernerfolgen zwischen Jungen und Mädchen, wie uns etwa die skandinavischen Länder zeigen.

Der bekannte französische Pädagoge Jean-Jacques Rosseau war Ende des 18. Jahrhunderts wie heute noch die Taliban in Afghanistan und Pakistan der Meinung, Mädchen bedürften keiner höheren Bildung, und Papst Pius XI. formulierte selbst 1929 noch in einer Enzyklika: „Abwegig und gefährlich für die christliche Erziehung ist das sogenannte Koedukationssystem“.

Für unsere immer noch vorherrschende Schulwirklichkeit, die einmal für Kinder und Werte früherer Zeiten, die es heute nicht mehr gibt, gestaltet wurde, sind Mädchen jedenfalls viel besser gerüstet als Jungen. Das immer noch schlecht Gemachte liegt aber weniger an der Koedukation, es liegt vor allem am Verhalten der Lehrkräfte und an den von ihnen gewählten Methoden:

- Jungen werden im Unterricht doppelt so häufig angesprochen wie Mädchen,

- Jungen werden häufiger sowohl gelobt als auch getadelt; sie erfahren also mehr Beachtung,

- Mädchen werden häufiger unterbrochen, und zwar sowohl von Lehrkräften als auch von Jungen,

- Lehrkräfte halten Jungen mit guten Leistungen eher für intelligent und aufgeweckt, während sie Mädchen mit guten Leistungen eher für fleißig und ordentlich halten.

Seit dem „PISA-Schock“ des Jahres 2001 ist nun endlich in einigen deutschen Schulen vieles besser geworden, weil wir einerseits den Blick über den Tellerrand hinaus in besonders erfolgreiche Länder wie Kanada, Finnland, Schweden und die Niederlande richteten und weil andererseits die Hirnforscher sowie Lern- und Entwicklungspsychologen begannen, uns zu sagen, was eigentlich beim Lernen im Kopf unserer Schülerinnen und Schüler passiert: Lernen im Sinne von Verstehen und Begreifen können wir vor allem nachts.

Was tagsüber wahrgenommen und in den beiden Hippocampi zwischengespeichert wird, wird in den nächtlichen Tiefschlafphasen, zumal in den REM-Phasen, in die Großhirnrinde transportiert und dort als Lernen eingebaut. Deshalb ist der Satz „Schlaf noch mal drüber!“ so richtig. Was wir nachts begriffen haben, müssen wir vormittags anwenden und einüben. Gute Schulen beginnen also morgens mit einem „Lernbüro“. Neues hingegen muss man vor allem nachmittags einführen, was uns zur Ganztagsschule zwingt. Neues am Vormittag einzuführen und nachmittags über Hausaufgaben einüben zu lassen, ist also „das Pferd falsch herum aufgezäumt“.

Außerdem lernen intelligente Kinder langsamer als gering begabte, weil sie mit ihren vielen Assoziationen so viel zu bedenken haben. Und intelligente Kinder lernen Einzelheiten schneller, brauchen aber mehr Zeit für das Begreifen von Zusammenhängen. Kinder wollen vor allem lauter Einzelheiten lernen, Jugendliche wollen hingegen eher Zusammenhänge begreifen. Bis zum zehnten Lebensjahr nimmt die Fähigkeit, sich Einzelheiten merken zu können, permanent zu, nach dem zehnten Lebensjahr nimmt sie bis etwa zum 17. Lebensjahr ab. Während die Fähigkeit, Zusammenhänge zu begreifen, etwa vom 14. Lebensjahr an permanent bis etwa zum 45. Lebensjahr zunimmt.

Am schlechtesten können sich 17- bis 19-Jährige Einzelheiten merken, genau dann betreiben wir Oberstufen an Gymnasien und Gesamtschulen sowie Berufsschulen. Wir nennen die 17- bis 19Jährigen daher auch die „vergessliche Generation“, die aber mehr als alle anderen Generationen gegenläufig bemüht ist, zu begreifen „wie der Hase auf der Erde läuft“. Grenzübertritte sind für Pubertierende wichtig, weil sie erst über das, was danach passiert, beginnen Zusammenhänge zu begreifen. Wir müssen uns also freuen, wenn junge Menschen durch Ausprobieren lernen wollen.

In der Kindheit wird eine Unmenge von Nervenverbindungen im Hirn, die wir Synapsen nennen, zunächst zweckfrei zur Verfügung gestellt; in der Pubertät geht es dann ans Aufräumen; unnötige Synapsen verschwinden wieder; es bleiben nur diejenigen erhalten, die sich als bedeutsam herausstellen. Lebensleitende Interessen werden also vor allem in der Pubertät geprägt und nicht, wie früher geglaubt wurde, in der Kindheit.

Kinder bis etwa zum 13. Lebensjahr lernen mehr, wenn sie keine Noten bekommen, sondern differenziertere Feedbacks. Jugendliche vom 14. Lebensjahr an aufwärts lernen hingegen mehr, wenn sie Noten bekommen. Wenn man einem Achtjährigen bereits Noten gibt, lernt er ausschließlich für diese Noten; er lernt dann nicht für sich, nicht für die Sache, um die es geht, und schon gar nicht für seine Zukunft, allenfalls noch, damit Mama nicht schreit oder weint. Deshalb beginnen die Noten in Norwegen und Schweden erst mit Klasse 9, in Dänemark aber schon mit Klasse 8.

In Partnerarbeit lernen

Zudem lernen Schüler von anderen Schülern doppelt so viel wie von noch so guten Lehrkräften; am meisten lernen sie in Partnerarbeit, also mehr als allein, in Gruppenarbeit oder im Klassenverband. Und Jungen lernen anders als Mädchen: Alle Menschen lernen am allerbesten – sagen uns die Lernpsychologen – durch Handeln, Ausprobieren, Fehlermachen und nebenbei. Nebenbei bedeutet, dass man auch dann etwas lernen kann, wenn es gerade niemand beabsichtigt.

Aber dabei gibt es einen dramatischen geschlechtsspezifischen Unterschied, den wir bislang zu wenig beachtet haben. Etwa 60 Prozent aller Mädchen und Frauen können nur gut durch Handeln, Ausprobieren, Fehlermachen und nebenbei lernen, was umgekehrt bedeutet, dass etwa 40 Prozent aller Mädchen und Frauen zur Not auch durch Lesen, Zuhören und Zusehen etwas lernen können.

Bei Jungen und Männern haben wir jedoch ganz andere Zahlen. Etwa 90 Prozent aller Jungen und Männer – auch der intelligenten – können nur gut lernen durch Handeln, Ausprobieren, Fehlermachen und nebenbei, was umgekehrt heißt, dass nur etwa zehn Prozent aller Jungen und Männer auch durch Lesen, Zuhören und Zusehen lernen können. Wenn also viermal so viele Mädchen wie Jungen durch Lesen, Zuhören und Zusehen lernen können, dann begünstigt eine Schule, die beim Lernen im wesentlichen auf diese drei Methoden vertraut, die Mädchen und benachteiligt gezielt die Jungen.

Früher war das gar nicht feststellbar, denn in den 1960er Jahren kamen nur 6,5 Prozent eines Schülerjahrgangs zum Abitur. Das waren nicht mal die zehn Prozent, die so lernen konnten, wie es die Schulen damals machten. Heute gehen in weiten Teilen Deutschlands schon mehr als 50 Prozent aller Viertklässler später zum Gymnasium, so dass wir es mit dem Lernen anders machen müssen als vor 50 Jahren, weil sonst allzu viele Jungen scheitern.

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