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Studieren in der Corona-Krise: Instabiles W-Lan ist in fast jeder Video- Zusammenkunft ein Thema.

Gastbeitrag

Was Studierende jetzt wirklich brauchen

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In Zeiten großer Ungewissheit ist es besonders wichtig, dass Lernende auf ihre Dozierenden bauen können. 

Studierende haben es nicht immer leicht. Wer selbst mal studiert hat, weiß das. Die vielen Gründe sind überfüllte Seminaren, fehlender Wohnraum und finanzielle Existenznot. Die Corona-Krise verschärft die Situation noch. Besonders spannend dabei ist, wie mit dieser Herausforderung umgegangen wird. Es stellt sich also die Frage: Was brauchen Studierende eigentlich?

In den vergangenen zwei Monaten sahen sich Studierende wie auch Lehrende mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. Die plötzliche Umstellung auf Online-Lehre war eines davon. Mittlerweile können wir sagen: Es läuft zwar teils schlecht, teils aber auch schon richtig gut. In der Lehre gilt: Für jeden Unterrichtenden, der darauf besteht, ein Seminar auf Instagram abzuhalten (didaktisch und datenschutzrechtlich nicht wirklich toll) und die Anwesenheit zu erheben, gibt es positive Gegenbeispiele, wo man sich gemeinsam mit den Studierenden bemüht, technische Möglichkeiten, Datenschutz und Arbeitsaufwand in einen für alle Beteiligten erträglichen Einklang zu bringen.

Dabei sind die Schwierigkeiten, die sich für Studierende (und oftmals auch für Lehrende) auftun, vielfältig. Instabiles W-Lan ist in fast jeder Video- Zusammenkunft ein Thema. Die Erfolgsquote dieses Unterfangens wird umso schlechter, je mehr Menschen in einer WG gleichzeitig an Seminaren teilnehmen möchten. Das Beispiel setzt voraus, dass überhaupt W-Lan und entsprechende Endgeräte vorhanden sind. Teilweise fehlt es Studierenden schon an eigentlich selbstverständlichen Dingen wie beispielsweise Schreibtischen.

Die vielfältigen Probleme reichen derzeit von Pflegeaufgaben, die sich mit normaler Uni-Arbeit kaum vereinbaren lassen, über unerträgliche Bedingungen zuhause bis zum Verlust des Jobs oder sogar der Aufenthaltsgenehmigung. Studierende, die nicht zumindest mit ihrer Motivation oder dem W-Lan zu kämpfen haben, gibt es kaum. Die meisten kämpfen jedoch mit weit ernsteren Problemen.

Amanda Steinmaus ist Mitglied im Vorstand des FZS.

Durch die Eile, mit der die Umstellung von Präsenz- auf Online-Lehre stattgefunden hat, lassen sich manche Fragen erst nach und nach klären. Für den Umgang mit so viel Ungewissheit ist es besonders wichtig, dass Studierende auf ihre Dozierenden bauen können. Im Gegenzug ist es an den Studierenden, den Dozierenden nicht bloß Fehler nachzusehen, sondern aktiv das Seminar mitzugestalten. Offener Dialog ist gefragt, die jeweiligen Kapazitäten und Interessen müssen auf den Tisch. Die demokratische Lehre, von der wir in normalen Zeiten träumen, kann jetzt beginnen, und sie kann helfen.

Der bewundernswerte Einsatz vieler Dozierender und die Offenheit der meisten Studierenden spiegelt sich auch in Hochschulleitungen, Senaten und Studierendenvertretungen. AStA-Vorsitzende werden teils ganz selbstverständlich in Corona-Task-Forces integriert und können dort viel beitragen. Doch zur Wahrheit gehört auch: An manchen Hochschulen werden Studierendenvertretungen noch nicht einmal über Entscheidungsprozesse informiert, sondern hinterher vor vollendete Tatsachen gestellt. Es reicht übrigens nicht, dass Studierende ihre Meinung auch mal sagen dürfen. Sie müssen einen Platz am Tisch haben, sie müssen in Entscheidungsprozesse ganz selbstverständlich einbezogen werden.

Und wenn das nicht passiert? Der Blick auf die Bundesebene sagt alles. In den vergangenen Wochen haben sich Studierendenvertreter die Finger wund getippt und die Ohren heiß telefoniert, um den Studierenden in Existenznot eine Stimme zu geben. 57 000 Studierende haben eine Petition für finanzielle Soforthilfe unterzeichnet, 20 000 von ihnen haben Kommentare hinterlassen und ihre Situation geschildert. Eine deprimierende Lektüre. Dass es in der Regierung kein Verständnis für die Dringlichkeit und das Ausmaß des Problems zu geben scheint, weist auf grundlegende Probleme in der Beteiligung hin.

Das Verhindern von zahllosen Studienabbrüchen sollte eigentlich im Interesse der Bildungsministerin sein. Doch alle konstruktiven Vorschläge werden ignoriert statt debattiert. So gerät die Bundesebene zum Negativbeispiel: Selbst rudimentäre Zusammenarbeit wird ausgeschlagen, Entscheidungen werden in Nacht- und Nebelaktionen geschnürt. Kritik aussitzen statt Zusammenarbeit zulassen, ist die Devise. Vergangene Woche hat der Bundestag dieses Vorgehen dann abgesegnet. Um die finanzielle Grundversorgung der Studierenden sicherzustellen, werden nicht etwa das Arbeitslosengeld II oder das Bafög geöffnet. Es wird das althergebrachte KFW-Darlehen empfohlen; der Bund trägt im ersten Jahr die Zinsen. Dass das nur etwa 130Euro sind und den Studierenden in den Folgejahren bis zu 3500 Euro allein an Zinslast drohen, wird ignoriert.

Zurück zur Anfangsfrage. Was brauchen Studierende? Eigentlich nicht viel. Eine Wohnung, einen Tisch, W-Lan, einen Laptop. Geld für Nahrungsmittel. Lehrende und Prüfungsordnungen, die auf ihre Lebensumstände Rücksicht nehmen. Menschen, die für ihre Interessen einstehen. Hochschulleitungen und Politiker*innen, die verstehen, dass studentische Interessen den ihren nicht entgegenstehen. Kurzum: Studierende brauchen zu allererst Vertrauen. Und wenigstens genügend finanzielle Mittel zum Überleben.

Amanda Steinmaus studiert Lehramt an der Universität Duisburg-Essen und ist Mitglied im Vorstand des fzs, des überparteilichen bundesweiten Dachverbands der Studierendenvertretungen.

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