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Neuropsychologin Rebecca Böhme im Interview.

Interview

Positive Strategien helfen: „Bereits ein Baby kann lernen, mit Stress umzugehen“ 

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Stress kann Krisen auslösen. Resilienzforscherin Rebecca Böhme spricht über positive und negative Strategien - und wie man gelassener wird.

Frau Böhme, warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf Stress und Krisen? Manche verfallen in tiefe Depressionen, während andere sich nach kurzer Zeit wieder berappeln.

Wir sind alle Individuen und haben unterschiedliche Lebensgeschichten. Von Natur aus sind wir mit verschiedenen Genen ausgestattet. Wie empfindlich jemand auf Stress reagiert, hängt auch vom genetischen Hintergrund ab. Zudem erlernen wir vielfältige Strategien, um Krisen zu bewältigen. Und Menschen können ja sogar trainieren, besser auf stressige Situationen zu reagieren. Schon Kinder entwickeln Muster, um Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten. Das führt letztendlich dazu, dass wir Menschen individuell sehr unterschiedlich mit Krisen umgehen.

Wie läuft typischerweise eine Krisensituation ab? Wann kommt dabei die psychische Widerstandskraft ins Spiel?

Im Fall eines negativen Erlebnisses ist es normal, sich zunächst in einem akuten Stress- oder Schockzustand zu befinden. Das Stresssystem ist dann aktiv, Stresshormone werden ausgeschüttet. Der Körper bereitet sich biologisch gesehen darauf vor, auf eine Bedrohung zu reagieren – entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Mit der Zeit baut der Körper diese Hormone wieder ab und reguliert so die Stressreaktion von selbst herunter. Es ist weniger Cortisol im Blut und dadurch beruhigt man sich wieder. Es ist wichtig, dass unser Körper über diesen eingebauten Mechanismus verfügt.

Stress: Diese Strategien können sinnvoll sein 

Welche Bewältigungsstrategien sind längerfristig sinnvoll?

Diese Strategien können individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Positiv sind aktive Coping-Mechanismen, bei denen man sich aktiv mit dem Problem auseinandersetzt und an einer Lösung arbeitet. Nicht so gut funktionieren passive Verhaltensweisen. Dabei versucht man das Problem zu vermeiden, sich abzulenken oder zieht sich auch aus dem Sozialleben zurück. Manche greifen dann zu Drogen oder trinken Alkohol, andere spielen nur noch oder schauen exzessiv TV.

Warum ist chronischer Stress so gefährlich für die Gesundheit?

Bei chronischem Stress ist das Problem, dass unser Stresssystem die ganze Zeit über aktiv bleibt. Wir sind einfach nicht dafür gemacht, ständig Stresshormone im Blut zu haben. Es ist zwar zunächst positiv, wenn unser Stresssystem angeregt wird. Bleibt es jedoch dauerhaft aktiv, funktionieren schließlich die Rückkopplungsmechanismen nicht mehr, um die Stressreaktion wieder herunterzuregeln. Unser Körper und unsere Psyche benötigen zwischendurch immer wieder Ruhephasen, um sich zu erholen und um das Erlebte zu verarbeiten. Kürzere, stressige Phasen hingegen tun uns oft sogar gut.

Wie lang sollten denn die Ruhephasen sein?

Das kann im Prinzip jeder für sich herausfinden. Wer sich mit seinen eigenen Reaktionen auseinandersetzt, kann das gut lernen. Wenn man seinen Körper wahrnimmt und in sich hineinfühlt, merkt man, wann man eine Pause braucht oder sich mal etwas gönnen sollte. Das kann ein Spaziergang sein, anderen tut es gut, sich auf der Couch auszuruhen. Sind die Batterien aufgeladen, ist man wieder bereit.

Stress: Lernen, mit negativen Erlebnissen umzugehen

Was macht uns resilienter? Welche Faktoren helfen uns, besser mit negativen Erlebnissen umzugehen?

Zur Person

Rebecca Böhme,33 Jahre, ist Neuropsychologin und arbeitet am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften in Linköping, Schweden. Sie forscht zu sozialer Interaktion, Interozeption (Wahrnehmung des Körperinneren und des Selbst) bei Autismus, ADHS, Anorexie, Schizophrenie und Depression. Im C.H.Beck-Verlag ist ihr Buch „Resilienz. Die psychische Widerstandskraft“ in der Reihe „Wissen“ erschienen (9,95 Euro). 

Es gibt viele Faktoren. Anfangen kann jeder bei den ganz elementaren Grundlagen, etwa auf eine gesunde Ernährung zu achten. Aber auch genug und regelmäßig schlafen und ausreichend Sport treiben, ist wichtig. Es klingt so simpel, aber nur dann haben der Körper und die Psyche die Kapazitäten, um mit einem stressigen Ereignis umzugehen. Sport ist darüber hinaus durchaus eine Art Training für unser Stresssystem: Eine lange Runde zu joggen – das stellt einen Stressfaktor für den Körper dar. Sportler schütten zwar die gleiche Menge an Stresshormonen wie Nichtsportler aus, aber das Stresslevel wird bei ihnen effektiver und schneller herunterreguliert. Das ist sehr spannend – und gilt übrigens auch für psychische Stressoren.

Welche Bedeutung hat die Kindheit für die Resilienz?

Eltern können schon früh anfangen, wenn sie die Resilienz beim Kind fördern möchte. Bereits ein Baby kann lernen, dass es Stress nicht passiv oder schutzlos ausgesetzt ist. Ist das Baby hungrig und man lässt es schreien, weil es gerade nicht passt, lernt es, dass es keine Kontrolle hat. Experten sprechen in dem Fall von erlernter Hilflosigkeit. Reagiert man hingegen auf die Bedürfnisse des Babys, wenn es sich nicht wohlfühlt, hilft das ihm, später selbst einmal resilient mit negativen Erfahrungen umzugehen.

Stress: Eltern können ihre Kinder unterstützen

Wie können Eltern ihre Kinder zudem unterstützen, schwierige Situationen zu meistern?

Neuropsychologin Rebecca Böhme im Interview.

In der Kleinkindphase können Eltern ihre Vorbildfunktion nutzen, um den Nachwuchs bei der Emotionsregulierung zu unterstützen. Eltern sollten durchaus zeigen, dass sie Gefühle haben und nicht unberührt von der Außenwelt sind, aber in der Lage sind, damit umzugehen. Zugleich kann man mit dem Kind sprechen, wenn es sich ärgert und aktiv mit ihm trainieren, eine Lösung dafür zu finden. Wichtig ist auch, dass Kinder genug autonom draußen spielen – ohne dass die Eltern ständig auf sie aufpassen. Wenn Kinder auf einen Baum klettern, fordern sie sich selbst heraus und lernen auch ihre Grenzen kennen.

Welche Risikofaktoren gibt es?

Das können psychische Erkrankungen der Eltern oder schwierige sozioökonomische Verhältnisse sein, wenn die Eltern sehr gestresst und viel mit sich selbst beschäftigt sind, wenig Zeit haben und nicht viel mit den Kindern unternehmen können. Durch äußere Faktoren kommt in diesem Fall die Vorbildfunktion kaum zu tragen – und das Kind bekommt zu wenig Zuwendung.

Schon in der Schwangerschaft kann sich heftiges Stresserleben der Mutter negativ auf das Ungeborene auswirken. Worauf sollten Schwangere achten?

Biologisch gesehen macht es Sinn, dass die Stresssysteme von Mutter und Kind zusammenhängen. Es von Vorteil, wenn das Kind empfindlicher auf Stress reagiert, wenn die Mutter in einer gefährlichen Umgebung lebt. Das bedeutet nicht, dass das Kind sensibler ist, sondern nur wachsamer. In unserer abgesicherten Gesellschaft ist es aber nicht gut, wenn das Kind sehr empfindlich ist. Das mütterliche Stresserleben, aber auch die Ernährung und Ruhephasen haben einen großen Einfluss auf das Ungeborene. Allerdings sollte man den Müttern nicht eine allzu große Verantwortung aufbürden. Nicht alle schaffen es, Achtsamkeitsmeditationen in den Alltag einzubauen. Vor allem die Gesellschaft ist daher gefragt, schwangere Frauen gut zu unterstützen – und gerade diejenigen, die ökonomisch nicht so gut gestellt sind.

Können auch ältere Menschen lernen, besser mit schwerwiegenden Krankheiten oder Verlusten umzugehen?

Wissenschaftlich ungeklärt ist, ob Menschen im Alter noch Neues lernen können. Ich persönlich denke, wenn man offen für neue Herausforderungen ist, ist es möglich, aktiv und damit auch resilienter zu bleiben.

Interview: Franziska Schubert


Der Mechanismus kann für den Menschen gefährlich sein. Die Rede ist von Stress.

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