Ein Baby an der Brust: Die dadurch gegebene Schutzwirkung vor Krankheiten ist enorm.
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Ein Baby an der Brust: Die dadurch gegebene Schutzwirkung vor Krankheiten ist enorm.

Stillen

Die Vorteile der Muttermilch

Obwohl Stillen die einfachste Art ist, die Gesundheit zu fördern, wird es immer noch zu wenig genutzt. Ein Gastbeitrag von Kinderarzt Michael Krawinkel.

Auch 2020 werden weltweit längst nicht alle Neugeborenen und kleinen Säuglinge von ihren Müttern gestillt oder von Spenderinnen mit Brustmilch versorgt. Es war im Jahr 1990, als die Weltgesundheitsorganisation und die darin zusammengeschlossenen Regierungen die ‚Innocenti‘-Deklaration beschlossen. Sie hat zum Ziel, dass alle Kinder – bei denen es nicht durch Krankheit der Mutter oder des Kindes ausgeschlossen ist – in den ersten sechs Monaten des Lebens nur mit Muttermilch ernährt werden, um den unter Armutsbedingungen lebensbedrohlichen Infektionen vorzubeugen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Stillen auch in Deutschland zugenommen, sodass nach einer Übersicht von Anke Weißenborn aus dem Jahr 2015 über verschiedene Erhebungen 72 bis 97 Prozent aller Kinder nach der Geburt gestillt werden; danach kommt es allerdings zu einem raschen Rückgang, sodass nach der gleichen Übersicht im Alter von sechs Monaten nur noch etwa die Hälfte der Kinder überhaupt gestillt wird. Eine neue Untersuchung unter Leitung von Mathilde Kersting ergab eine Stillhäufigkeit von zunächst 82 Prozent, bestätigt aber die früheren Befunde – nur 56 Prozent der Babys werden vier Monate nach der Geburt ausschließlich gestillt.

Stillen: Ernährung mit Muttermilch für Säuglinge optimal

Auf die Frage, warum das Stillen in Deutschland nicht noch mehr verbreitet ist, gibt es eine Reihe von Antworten, mit denen sich gesundheits- und ernährungspolitisch Verantwortliche deutlich intensiver auseinandersetzen müssten. Denn das Stillen ernährt nicht nur den Säugling optimal, sondern es entfaltet auch langfristige Gesundheitswirkungen, für die es mehr und mehr Evidenz gibt. Zum Beispiel hat das Stillen in der Vorbeugung von allergischen Erkrankungen, aber auch von Übergewicht und Fettsucht eine Schutzwirkung, die sich dann auch auf die Folgeerkrankungen auswirkt – wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Zuckerkrankheit und eine Reihe von Krebserkrankungen.

Schon 1984 wurde eine Arbeit veröffentlicht, die eine Minderung des Risikos für die Zuckerkrankheit Typ 1 durch das Stillen zeigte. Seitdem sind unzählige Studien dazu gekommen. Also gute Gründe, das Stillen in der Bevölkerung massiv zu fördern, gibt es genug. Aber warum kommt Stillförderung nur sehr langsam voran oder stagniert ?

Mit Muttermilch-Ersatz lässt sich Geld verdienen - mit Stillen nicht

Um das zu verstehen, sei an erster Stelle ein wirtschaftlicher Grund genannt: Stillen ist zwar gesundheitlich, aber nicht ökonomisch eine Quelle der Wertschöpfung. Im Gegensatz zu industriell hergestellten Muttermilch-Ersatznahrungen entsteht kein wirtschaftlicher Ertrag und es fällt nicht einmal Mehrwertsteuer an. Stillende Mütter erbringen eine enorm nützliche Dienstleistung für die Gesellschaft; sie haben aber selbst keinen wirtschaftlichen Vorteil davon. Im Gegenteil, die stillende Mutter benötigt – nach Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung – mehr Nahrung, um ihr Kind mit zu versorgen. Lediglich durch den Nutzen für die eigene Gesundheit bringt das Stillen auch den Müttern einen Vorteil: Eine Übersicht aus dem Jahr 2017 beschreibt eine Senkung des Brustkrebsrisikos um 28 Prozent, wenn Frauen zwölf Monate oder länger gestillt hatten.

Zur Person

Michael Krawinkel ist Kinderarzt und Professor i. R. am Institut für Ernährungswissenschaft der Uni Gießen.

Das Problem: Die Mehrheit der Kinder wird in Deutschland nach der Geburt gestillt, im Alter von sechs Monaten aber nur noch etwa jedes Zweite.

Bei der Stillförderung wird zwischen sogenannten verhaltensorientierten und verhältnis-orientierten Maßnahmen unterschieden. Verhaltensorientierung richtet sich an die Familien und zielt darauf, sie zu motivieren, ihr Kind optimal zu stillen. Die Informationen und abgestimmten Handlungsempfehlungen dazu verbreitet seit vielen Jahren das Netzwerk „Junge Familie“. Zitat: ‚Eine Menge an Vorteilen für die Gesundheit von Mutter und Kind sind durch zahlreiche Studien belegt. Besonders viele gute Effekte gibt es für die Gesundheit des Kindes. … Vor allem, wenn Kinder ausschließlich gestillt werden, lassen sich die Zusammenhänge sehr gut belegen. Aber selbst, wenn Säuglinge kürzer oder nur teilweise gestillt werden können: Jedes Stillen ist wertvoll für die Kindergesundheit, auch wenn bereits andere Nahrung zugefüttert wird. Optimal ist, bis zur Einführung der Beikost (spätestens Anfang siebter Monat) ausschließlich und danach weiter zu stillen.‘ Abgestimmt sind diese Empfehlungen von den Berufsverbänden der Gynäkologie und Geburtshilfe sowie der Kinderheilkunde, den Hebammen und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung; veröffentlicht werden sie im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft durch die Bundesanstalt für Lebensmittel und Ernährung. Zielgruppe der Veröffentlichungen sind Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammen und Ernährungsberaterinnen und -berater. Offensichtlich bisher nicht erreicht werden Pflegekräfte und Krankenhausmanager, denn es ist immer noch nicht ausgeschlossen, dass in Abteilungen der Geburtshilfe gesunden Neugeborenen rasch Fertignahrungen angeboten werden.

Dieser Aspekt leitet über zu den Maßnahmen der Verhältnis-orientierten Stillförderung. Die Umstände, die das Stillen begünstigen oder eher zur zweiten Wahl der Eltern machen, finden bislang wenig Aufmerksamkeit. Zum Schutz der wirtschaftlichen Interessen der Hersteller von Säuglingsmilchen hat Deutschland auch nach fast 40 Jahren die freiwilligen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation zur Vermarktung von künstlichen Säuglingsnahrungen nicht voll in die eigene Politik, etwa durch Werbeverbote, übernommen.

Stillen in der Öffentlichkeit: In Deutschland immer noch ein Thema

Um es praktisch zu machen: Stillräume sind die große Ausnahme, wenn man in Behörden und öffentliche Einrichtungen schaut. Auf den Piktogrammen in Flughäfen oder Bahnhöfen gibt es Hinweise auf Toiletten und Wickelräume, aber keine Stillräume. Selbst Gesundheitsämter haben in der Regel keine Stillräume. In Kaufhäusern und Einkaufszentren wird man vergeblich danach suchen.

Dass die Akzeptanz des Stillens in der Öffentlichkeit in Deutschland immer noch ein Thema ist, haben die Rausschmisse stillender Frauen und ihrer Begleiter aus Lokalen und Restaurants in den vergangenen Jahren gezeigt. Mehr Information der Bevölkerung ist offensichtlich vonnöten, um auch das Stillen in Bus und Bahn selbstverständlich zu machen.

Eine Studie zum Stillverhalten türkischer Frauen in Deutschland ergab, dass diese Gruppe hierzulande viel weniger Stillförderung und -unterstützung erfährt als in der Türkei. In Anbetracht des Bevölkerungsanteils von zugewanderten Familien muss hier deutlich mehr geschehen.

Die neue Studie ‚Becoming Breastfeeding Friendly‘ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft geht immerhin bei den Themen‚ Vermarktung von Muttermilchersatznahrungen‘ und ‚Vereinbarkeit von Stillen und Beruf‘ auf die Verhältnis-Orientierung ein und empfiehlt eine konsequente Ausrichtung auf die Förderung des Stillens. Deutschland hat noch einiges zu tun, um sich als stillfreundliches Land zu qualifizieren.

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