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So sieht sie aus, die Stevia-Pflanze.

Süßkraut statt Rauschkraut

Stevia-Süßstoff: Kalorienfrei und zahnschonend

Die Zulassung von Stevia-Süßstoff in der EU verschafft Boliviens Bauern eine neue Einnahmequelle – als Alternative zum Koka-Anbau.

Von Sebastian Erb

Für den Kleinbauern Rolando Cucho Sanga sind es zwei Dinge, die Stevia so attraktiv machen: Zeit und Geld. Bis eine Kaffeepflanze Ertrag bringt, dauert es mindestens drei Jahre, bei Orangenbäumen gar fünf. Stevia kann er schon nach wenigen Monaten das erste Mal ernten. Und er verdient damit sogar mehr als mit Koka.

Don Rolando ist 30 Jahre alt, ein schmaler Mann, er trägt einen Hut aus Jeansstoff. Von seinem Haus aus läuft er die paar Meter aufs Feld. Er deutet nach unten. Zwischen Baumstümpfen und Bananenstauden wächst es, das süße Kraut: Stevia rebaudiana. Es sieht aus wie Unkraut. Beißt man auf ein Blättchen, entfaltet sich sofort eine intensive Süße im ganzen Mund. Stevia kann deshalb als Alternative zu Zucker genutzt werden.

Für Don Rolando ist Stevia vor allem eine lukrative Alternative zu seinem Hauptanbauprodukt, dem Kaffee. Dass das Süßkraut auch eine Alternative zum Koka-Blatt ist, macht die Sache noch interessanter. Koka hat in Bolivien eine große Tradition, das Andenland ist der weltweit drittgrößte Produzent. Das Koka-Blatt ist den Ureinwohnern heilig, aber international ist es geächtet, denn es ist der Grundstoff für Kokain. Der Anbau ist staatlich streng reglementiert, jede Familie darf nur einen Cato anpflanzen, das sind 40 mal 40 Meter. Der Export der Blätter ist ohnehin verboten.

Eines verschafft den Stevia-Anhängern seit kurzem zusätzlichen Rückenwind: Die EU hat Süßstoffe aus Stevia, sogenannte Steviolglykoside, als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen. Das lässt die jetzt schon große Nachfrage weiter steigen.

Die Provinz Caranavi, in der Don Rolando lebt, liegt vier Autostunden nordöstlich von La Paz. Anders als dort im Anden-Hochland ist es hier angenehm warm. Die Agraringenieurin Delia Cruz fährt mit ihren Kollegen von der Stiftung Uñatatawi im Geländewagen die Sandpiste entlang. Vor einigen der Häuschen aus Lehmquadern trocknen Koka-Blätter auf Plastikplanen. Delia Cruz und ihre Kollegen wollen die Bauern davon überzeugen, Stevia anzubauen, und bieten ihnen ihre Unterstützung an.

In dem Weiler Tupac Katari sind die Dorfbewohner zusammengerufen worden. Sie sitzen auf Holzbänken im schlichten Versammlungshaus mit unverputzten Wänden. Stevia, erklärt Delia Cruz den Dorfbewohnern, sei ein zukunftsträchiges Produkt. Wie schon beim Kaffee werde sich die lokale Genossenschaft um den Weiterverkauf kümmern. Die Bauern schauen ein bisschen skeptisch. Was bringt es?, fragen sie. Wie viele Pflanzen kann man auf einem Cato pflanzen? „Wenn wir ihnen erklären, dass sie mit Stevia mehr verdienen können als mit Koka, dann sind sie schnell motiviert“, sagt Delia Cruz.

Es gibt noch weitere Vorteile: Stevia kann – wie Koka – mehrfach im Jahr geerntet werden. Und die Pflanze wächst auch im Schatten von Kaffee, Tee oder Kochbananen. Koka hingegen braucht viel Sonne, es zieht Nährstoffe aus dem Boden, lässt ihn erodieren. Sein Anbau ist umweltfeindlich.

Bei Stevia ist das anders. „Die Anbaubedingungen sind in vielen Gegenden Boliviens ideal“, sagt Rafael Pando, Präsident des nationalen Stevia-Verbandes. Regen, Temperatur, Boden – alles passt. Pando ist einer der Stevia-Pioniere in Bolivien, sein Verband hat 200 Mitglieder, die meisten kleine Produzenten, er sitzt im Vorstand der US-amerikanischen Stevia-Vereinigung, er hat seine eigene Firma in Santa Cruz, im bolivianischen Tiefland.

300 Mal stärker als Zucker

Panda rechnet vor: Auf einem Hektar Land könne man 3?000 Kilogramm Stevia im Jahr ernten und 8?000 bis 12?000 Dollar damit verdienen. Schon jetzt kämen die Bauern der Nachfrage gar nicht hinterher. Das meiste verkaufen sie nach Paraguay, wo die Stevia-Blätter weiterverarbeitet werden. Dort gibt es das Know-how, denn von dort stammt Stevia ursprünglich. Dort wird die Pflanze seit Jahrhunderten als Süßungsmittel genutzt und großflächig angebaut.

In Bolivien ist alles noch überschaubar. In Cochabamba, dem Tor zum Koka-Anbaugebiet Chapare, zieht sich Huáscar Velásquez Latexhandschuhe und einen Mundschutz über und zeigt sein kleines Labor. Hier wird der Süßstoff aus dem Blatt extrahiert. Er ist rund 300?Mal süßer als Zucker. Gemischt mit Maisstärke wird das weiße Pulver am Ende in Papiertütchen abgefüllt. Noch ist alles mehr oder weniger Handarbeit, aber Velásquez plant eine kleine Fabrik im Industriegebiet der Stadt. Auch wenn sein Familienunternehmen wächst und er jetzt den Markt in Übersee im Blick hat, eines ist Huáscar Velasquez wichtig: organische Produktion. Die extensive Landwirtschaft habe schon zu viel kaputtgemacht, sagt er. „Wir müssen Pachamama, die Mutter Erde, respektieren.“

Die Kleinbauern in Caranavi verkaufen ihr Stevia bisher auf dem nationalen Markt und ins Nachbarland Chile. Ana María Condori, Leiterin der Stiftung Uñatatawi, peilt ein neues Ziel an. Sie weiß, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die fair gehandelte Produkte kaufen. Sie weiß auch, dass es dort Stevia-Fans gibt, die schon seit Jahren die Zuckeralternative konsumieren – wegen der fehlenden Lebensmittelzulassung als Badezusatz verkauft. Die unverarbeiteten Stevia-Blätter dürfen in der EU aber nach wie vor nicht als Lebensmittel verkauft werden. Deutsche Fair-Trade-Unternehmen überlegen nun, zumindest aus Stevia gewonnen Süßstoff zu vertreiben.

Der Bauer Don Rolando will auf jeden Fall seine Anbaufläche vergrößern. „Es lohnt sich“, sagt er. In seinem Haus gibt es bisher kein fließendes Wasser, seine beiden Kinder müssen eine Stunde zur Schule laufen. Don Rolando setzt auf die Globalisierung – der sanften Art, wohlgemerkt. Er will, dass sein Stevia möglichst bald auch nach Europa verkauft wird. „Dann hätten wir mehr Sicherheit und würden ein bisschen mehr verdienen.“

Die Stevia-Pflanze, auch Honig- oder Süßkraut genannt, gehört zur Familie der Korbblütengewächse und stammt ursprünglich aus Paraguay. Dort wurden ihre Blätter schon vor Jahrhunderten zum Süßen verwendet.

Industrielle Stevia-Produkte sind in den USA und Japan schon länger auf dem Markt. Seit Anfang Dezember dürfen auch in der EU aus Stevia gewonnene Süßstoffe in Lebensmitteln verwendet werden.

Das Süßungsmittel (E-Nummer 960), das es flüssig, als Pulver oder Tablette gibt, ist fast kalorienfrei und für die Zähne schonender als Zucker oder Honig.

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