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Stephen Hawking im April 2007 vor dem Kennedy Space Center in Cape Canaveral.
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Stephen Hawking im April 2007 vor dem Kennedy Space Center in Cape Canaveral.

Physik

Stephen Hawking wird siebzig

Stephen Hawking erklärt nicht nur das Universum, er ist auch ein medizinisches Wunder. Gefesselt an den Rollstuhl meistert er sein Leben - privat und beruflich.

Von Frank Grotelüschen

Stephen Hawking erklärt nicht nur das Universum, er ist auch ein medizinisches Wunder. Gefesselt an den Rollstuhl meistert er sein Leben - privat und beruflich.

Der Kuppelsaal in Amsterdam, eine ehemalige Kirche, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Dort, wo einmal der Altar gestanden hat, sitzt er: Stephen Hawking, der prominenteste Physiker unserer Zeit, an den Rollstuhl gebunden durch eine unheilbare Krankheit. Seinen Vortrag kann Hawking nur per Sprachcomputer halten, mit einer synthetischen Stimme. Und die erzählt von unvorstellbaren kosmischen Katastrophen, vom Urknall und von Schwarzen Löchern, jenen galaktischen Monstern, die kraft ihrer gewaltigen Schwerkraft alles verschlingen, was ihnen zu nahe kommt. Die Menschen lauschen andächtig, als würde ihnen ein Hohepriester unumstößliche Wahrheiten verkünden.

Gelächter beim Vortrag

Doch dann erscheint auf Hawkings Gesicht ein Grinsen, verschmitzt und überraschend breit. Er erinnere sich an ein Seminar in Paris, in dem er über Schwarze Löcher vorgetragen habe, schnarrt sein Computerorgan.

Doch das Seminar wurde zum Misserfolg: Damals bezweifelte man in Paris, dass es Schwarze Löcher überhaupt gibt. „Vielleicht“, so spekuliert Hawking, und sein Grienen wird immer breiter, „lag es ja am Namen. Der nämlich hatte für die Franzosen etwas Obszönes an sich, und sie wollten ihn offenbar nicht in den Mund nehmen.“ Das Publikum lacht auf – und merkt: Hier thront kein entrücktes Genie auf seinem Elfenbeinturm, sondern ein Physiker, der sich mit britischem Humor bemüht, dass seine Botschaften verstanden werden.

Geboren wird Hawking am 8. Januar 1942 in Oxford. Seine Forscherkarriere aber beginnt mit einem Schicksalsschlag. 1962 – gerade hat er seine Doktorarbeit begonnen – zeigen sich erste Anzeichen einer fatalen Rückenmarkserkrankung, der amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Bald fesselt ihn die Krankheit an den Rollstuhl. Er verliert seine Stimme und muss eine Maschine für sich sprechen lassen. Zunächst kann er den Sprachcomputer mit zwei Fingern seiner linken Hand bedienen. Später werden auch die Finger zu schwach. Seitdem steuert Hawking den Rechner mit einem Infrarotsensor an seiner Brille.

Hawking meister sein Leben - privat und beruflich

Trotz seiner Behinderung meistert der Physiker sein Leben – sowohl privat, wovon zwei Ehen und drei Kinder zeugen, als auch beruflich. Als Student sei er begabt gewesen, aber faul, sagt Hawking über sich selbst. Erst nach Ausbruch der Krankheit habe er sich voll auf seine Forschung konzentriert. 1979 wird er Professor in Cambridge – auf eben jenem Lehrstuhl, den einst der legendäre Isaac Newton bekleidete.

In Cambridge entwickelt Hawking seine beiden wichtigsten Beiträge zur Physik: Ausgehend von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie beweist er, dass der Urknall vor rund 14 Milliarden Jahren mit einer sogenannten Singularität begonnen haben muss – als unvorstellbar winziger Punkt, der sich mit den heutigen Formeln und Gesetzen nicht fassen lässt. Hawkings Lieblingsthema aber sind die alles verschlingenden Schwarzen Löcher. Seine wichtigste Erkenntnis: Schwarze Löcher existieren nicht ewig. Stattdessen verdampfen sie langsam, weil sie eine Strahlung abgeben – die Hawking-Strahlung.

Nachgewiesen aber wurde sie noch nicht – weshalb Hawking bislang auch noch keinen Physik-Nobelpreis erhielt. „Man könnte die von Schwarzen Löchern ausgehende Strahlung durchaus messen“, so Hawking. „Aber unglücklicherweise scheint es in unserer Gegend einfach keines zu geben.“ Trotz des fehlenden Beweises sind die meisten Experten felsenfest von der Existenz der Hawking-Strahlung überzeugt. „Ein Ergebnis, das noch in Hunderten Jahren Bestand haben wird“, glaubt Bruce Allen, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover und ehemaliger Hawking-Student. „Von solchen Ergebnissen gibt es nicht viele.“

Ein zweiter Einstein?

Doch ist Hawking wirklich – wie von vielen vermutet – ein zweiter Albert Einstein? Nein, meinen nicht wenige Forscherkollegen. „Die Beiträge von Hawking sind sicher nicht so bedeutend wie die von Einstein“, sagt der Hamburger Physikprofessor Klaus Fredenhagen. „Mit der Relativitätstheorie hat Einstein etwas völlig Neues entwickelt, was es vorher nicht gab.“ Hawking dagegen habe weitgehend im Rahmen der bestehenden Theorien agiert und dort wichtige Erweiterungen geschaffen.

Klar aber ist eines: Hawking gelingt es wie keinem anderen, die Kosmologie einem breiten Publikum schmackhaft zu machen. 1988 veröffentlicht er sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Auch wenn der Stoff alles andere als leicht verdaulich ist: Das Werk verkauft sich millionenfach und machte ihn zur Kultfigur. Später schreibt er mit Tochter Lucy sogar eine Reihe von Kinderbüchern.

Auch sonst weiß sich der Brite geschickt zu vermarkten. So tritt er in einer Folge der Science-Fiction-Serie „Star Trek“ auf, um gegen Albert Einstein und Isaac Newton beim Pokern zu gewinnen. Der US-Zeichentrickserie „Die Simpsons“ leiht er die Stimme seines Sprachcomputers. Und im April 2007 erfüllt er sich einen Herzenswunsch: Er fliegt bei einem Parabelflug der Nasa mit und erlebt dabei mehrmals den Zustand absoluter Schwerelosigkeit. Die Bilder vom schwebenden Genie gehen um die Welt. „Weltraum – ich komme“, frohlockt Hawking nach dem Flug.

Dass er in fortgeschrittenem Alter zu derartigen Exkursionen in der Lage ist, grenzt an ein medizinisches Wunder. „Ich kenne ihn seit 1980“, erzählt Bruce Allen. „Und ich hätte nie gedacht, das Stephen so lange leben würde.“ Als Wissenschaftler beschreiben ihn seine Kollegen als überaus intensiv. Der Grund: Schon in jungen Jahren war Hawking nicht mehr in der Lage, seine Formeln auf Papier oder Tafeln zu kritzeln, so wie es Physiker zu tun pflegen. Stattdessen musste er die hochkomplexen Berechnungen im Kopf ausführen – eine bewundernswerte Konzentrationsleistung.

„Er ist extrem freundlich und aufgeschlossen – und das, obwohl er so berühmt ist“, sagt die ehemalige Hawking-Doktorandin Fay Dowker, heute Physikerin am Imperial College London. „Und er liebt es, Scherze zu machen.“ Einmal sei sie im Sommer mit neuer Frisur im Institut aufgetaucht, erinnert sich Dowker – mit kahl rasiertem Schädel. „Hawking hat mich einfach nur angegrinst und gefragt: Fay, warum hast du gegen einen Rasenmäher gekämpft?“

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