Stechmücke
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Stechmücke

Hilfe gegen Stechmücken

Es stechen nur die Weibchen

Erst surrt es dann juckt es nach dem sommerlichen Großangriff von Stechmücken. Mauersegler unterm Dach versprechen Abhilfe.

Von Margit Mertens

Schon ihr aufdringliches Surren geht den meisten Menschen auf die Nerven, verheißt es doch tagelang quälend juckende Stiche, wenn nicht gar allergische Quaddeln. Stechmücken sind zart, höchstens 1,5 Zentimeter groß und verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten. So soll das nervtötende Gesumm natürlich nicht den Menschen vom Schlaf abhalten, sondern den passenden Sexualpartner anlocken. Es wird beim Flügelschlag durch kleine Schwingkolben erzeugt, durch spezielle Hörorgane an den buschigen Antennen wahrgenommen und klingt bei jeder Art anders.

Arten gibt es genug, weltweit mindestens 3500, in Deutschland allein rund 50 verschiedene. Durch die für jede Art einzigartigen Summtöne kommt es bei der Begattung nicht zu Verwechslungen. Dabei ist der Ton der Weibchen generell tiefer als der der Männchen. Schade ist, dass der Mensch diesen Unterschied nicht hören kann, denn bei hohen Flügelschlagtönen könnten wir ganz gelassen bleiben: Es stechen nur die Weibchen.

Normalerweise ernähren sich weibliche Mücken wie die Männchen von Blütennektar und zuckerhaltigen Blüten- oder Fruchtsäften. Ist das Weibchen geschlechtsreif und paarungsbereit, nähert es sich einem Schwarm von Männchen, um sich begatten zu lassen. Erst wenn es befruchtet ist, braucht es Blut ? von Tier oder Mensch. Denn es braucht Eiweißstoffe aus dem Blut, damit die Eier heranwachsen können.

Bei der Suche nach einer Blutmahlzeit lassen sich Mücken vom Geruch leiten. Dabei bevorzugen sie einen Duftcocktail aus Milch-, Fett- und Aminosäuren, wie sie auf der menschlichen Haut vorkommen. Mit einem noch nicht genau erforschten sehr feinsinnigen Organ analysiert das Weibchen die Luft der Umgebung, nimmt Kohlendioxid aus der Atemluft, Luft- und Hautfeuchtigkeit, Körpertemperatur und -geruch wahr. Je nach Art können die Winzlinge ihre Opfer auf eine Entfernung von bis zu 70 Metern ausmachen.

Und sie stehen offenbar auf Milchsäure, von denen manche Menschen mehr und andere weniger produzieren. Dass jeder Mensch einen unverwechselbaren Individualduft besitzt, konnte Dustin Penn und sein Team am Konrad-Lorenz-Institut in Wien 2006 beweisen. Dafür analysierte er die Zusammensetzung von Achselschweiß, Speichel und Urin von knapp 200 Frauen und Männern. Penn stellte fest, dass jede Person tatsächlich anders riecht als alle anderen.

Das liegt vor allem an den flüchtigen Verbindungen, die sich im Schweiß finden. Diese Substanzen kommen auch im Duft von Flieder, Zitrusfrüchten, Geranien, Nelken, Zimt oder Jasmin vor. Das anziehende, manchmal erotisierende Bukett des anderen Geschlechts charakterisieren die Wissenschaftler grob und unromantisch als stechend bei Männern und säuerlich bei Frauen.

„Der individuelle Körperduft eines Menschen ist das Zerfallsprodukt des Immunsystems“, erläutert Geruchsforscher Hanns Hatt aus Bochum. „Zellen zerfallen und ihre Bruchstücke gelangen über die Haut an deren Oberfläche.“ Da jeder Mensch außer eineiigen Zwillingen ein genetisches Unikat ist, besitzt er einen einmaligen, nur für ihn charakteristischen Duft. „Der Eigengeruch ist spezifischer als der Fingerabdruck“, sagt Hatt.

Hat die Mücke durch Duftanalyse das leckerste Opfer ausgewählt, sucht sie leicht zugängliche Hautstellen, misst mit dem Temperaturfühler die Wärme und erkennt so, wo Blut nah unter der Hautoberfläche fließt. Mit ihrem Saugrüssel durchsticht sie dann die Haut und entnimmt Blut. Gleichzeitig injiziert sie Speichel in die Wunde, der die Blutgerinnung hemmt.

Auf diesen Speichel wiederum reagiert das Immunsystem des Menschen und schüttet Histamin aus: Es juckt. Diese körperliche Reaktion ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Manche nehmen keinen Juckreiz wahr, bei anderen hält er tagelang an, wieder andere entwickeln allergische Schwellungen.

Haben sich die Eier nach der Blutmahlzeit entwickelt, legt die Mücke sie auf der Oberfläche eines stehenden Gewässers ab. Das kann ein See oder Teich, eine Pfütze, ein Sumpf, eine Regentonne oder auch eine Wasserlache in einer Baumhöhle oder Felsmulde sein. Aus den ein Millimeter großen Eiern schlüpfen nach wenigen Tagen Larven, die sich von Mikroorganismen im Wasser ernähren und sich über einen Rüssel am Körperende mit Sauerstoff von der Wasseroberfläche versorgen. Dann verpuppt sich die Larve und heraus kommt nach wenigen Tagen das erwachsene Tier.

Begattete Weibchen können an kühlen, feuchten und geschützten Stellen wie Keller, Höhlen oder Viehställen überwintern. Die Männchen sterben spätestens im Herbst ? falls sie nicht gefressen worden sind. Denn Mücken sind in jedem Stadium ihrer Entwicklung eine wichtige Nahrung für viele Tiere. Im Wasser fressen Raubwanzen, Fische oder Libellenlarven die Eier oder Larven und in der Luft werden sie von Spinnen, Vögeln, Fledermäusen und anderen Insektenfressern gejagt.

Besonders in den blütenreichen und bienenarmen Tundren des Nordens spielen die gewaltigen Mückenschwärme eine wichtige Rolle als Bestäuber. Außerdem veranlassen sie Rentier- und Karibu-Herden höher ins Gebirge zu ziehen, wodurch die Überweidung der empfindlichen Lebensräume verhindert wird. Und für Zugvögel, die den kurzen, aber intensiven Sommer in der sonst unwirtlichen Tundra verbringen, herrschen geradezu paradiesische Zustände. „Da wimmelt es nur so vor Mücken. Die Vögel brauchen nur ihren Schnabel aufhalten“, erläutert der Ornithologe Peter Berthold. „Das ist kurzzeitig das reinste Schlaraffenland.“ Optimale Brutbedingungen also.

Da Mücken aber auch Krankheiten wie Gelb-, Dengue- und West-Nil-Fieber oder Malaria übertragen, arbeiten weltweit Wissenschaftler an effektiven Bekämpfungsmethoden. Lange Zeit galt DDT als das Allheilmittel bei der Bekämpfung von Insekten. Anfang der 70er Jahre wurde es jedoch wegen seiner Nebenwirkungen aus den meisten Ländern verbannt.

Andere wirksame Strategien sind für die am stärksten von den Fiebererkrankungen betroffenen armen Länder Afrikas und Asiens oft unerschwinglich. So fehlt das Geld, mittels Flugzeug und Hubschrauber großflächig etwa das Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) auszubringen, das die Darmwand der Larven zerstört. Dies geschieht seit 1987 in jedem Frühjahr erfolgreich entlang der Rheinauen des Oberrheins. Dieses Jahr musste die Aktion wegen außergewöhnlich vieler Stechmücken Ende Juli wiederholt werden.

Viele Regionen der Welt wurden malariafrei, in dem die Brutgewässer der Mücken trockengelegt wurden. Aber auch das ist weltweit gesehen natürlich nicht möglich. Vielleicht lässt sich aus der Entdeckung, die Joel Cohen von der Universität New York kürzlich machte, ein umweltfreundliches Mittel entwickeln, die Fortpflanzung von Mücken zu kontrollieren. Mücken erkennen anhand des Duftes nicht nur den schmackhaftesten Blutwirt, sondern auch Bruträuber, die in den Laichgewässern lauern. Solche Tümpel meiden sie.

Cohen konnte nun die charakteristischen Chemikalien einer Raubwanzenart isolieren, die diese in den Luftraum über dem Wasser abgibt. Cohen präparierte im Freiland Wasserbecken mit diesen Substanzen und stellte fest, dass diese nach einer Nacht rund zwei Drittel weniger frische Mückeneier enthielten als die Kontrollteiche.

Die sensible Riechfähigkeit von Mücken und die Anziehungskraft des Menschen auf die Blutsauger nutzt der Biologe Martin Geier von der Universität Regensburg für seine Mückenfalle: Ein unscheinbarer Stoff-Zylinder lockt die befruchteten Weibchen mit einer Mischung aus Kohlendioxid und einem imitierten Menschenduft in die Falle, aus der sie nicht mehr entkommen.

Der Einzelne kann sich mit Moskitonetzen, engmaschigen Fliegengittern am Fenster und heller, geschlossener Kleidung im Freien schützen. Die Stiftung Warentest hat in einem aktuellen Test 21 Anti-Mücken-Mittel untersucht und festgestellt, dass jedes dritte gut bis sehr gut abschneidet, einige aber auch völlig wirkungslos sind. Die besten halten die Plagegeister bis zu acht Stunden fern.

Glücklich darf sich schätzen, wer nistende Mauersegler unterm Dach hat. Während die Altvögel abwechselnd ihre zwei bis drei Eier bebrüten, durchkämmt der andere den Himmel ? auf der Suche nach in der Luft schwebenden Insekten und Spinnen. Ein fütterndes Mauerseglerpaar fängt am Tag 50 Gramm dieses so genannten Luftplanktons.

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