Die beiden Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken beim Test für ihren ersten Flug mit der „Crew Dragon“.
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Die beiden Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken beim Test für ihren ersten Flug mit der „Crew Dragon“.

Raumfahrt

Start in eine neue Ära

  • Tanja Banner
    vonTanja Banner
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Am 27. Mai sollen nach neunjähriger Pause wieder Astronauten von amerikanischem Boden ins All aufbrechen – transportiert werden sie erstmals vom privaten Unternehmen SpaceX.

Der 21. Juli 2011 war für die USA ein trauriger Tag: Der Astronaut Doug Hurley landete das Space Shuttle „Atlantis“ zum letzten Mal, bevor die Shuttles eingemottet wurden – und für die US-Raumfahrt endete eine Ära. Es begann eine Zeit, die am amerikanischen Ego kratzte: Die stolze Raumfahrernation war plötzlich von der russischen Sojus-Kapsel abhängig, wenn sie Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS schicken wollte.

Diese Zeit soll nun enden – und Doug Hurley wird wieder ganz vorne dabei sein, wenn für die US-Raumfahrt eine neue Ära beginnt: Am 27. Mai 2020 sollen erstmals wieder Astronauten von US-amerikanischem Boden ins All aufbrechen.

Es wird ein historischer Raketenstart: Nicht nur handelt es sich um den ersten bemannten Start von US-Boden seit der letzten Shuttle-Mission im Juli 2011. Es ist auch der erste Raketenstart eines privaten Raumfahrtunternehmens, bei dem Astronauten in einer Raumkapsel sitzen werden. Vom Beginn einer „neuen Ära von amerikanischer Führungsstärke im All“ sprach US-Vizepräsident Mike Pence im Vorfeld. „Diese Mission hat für die USA eine hohe Priorität“, erklärte Nasa-Administrator Jim Bridenstine.

Doug Hurley und sein Nasa-Kollege Bob Behnken werden am 27. Mai die SpaceX-Raumkapsel „Crew Dragon“ besteigen, die von einer „Falcon 9“-Rakete von SpaceX ins All transportiert werden soll. Gestartet wird vom historischen Startplatz 39A in Cape Canaveral, von dem schon die „Apollo“-Missionen zum Mond aufbrachen und später auch die Space Shuttles starteten.

Auch für SpaceX bedeutet der morgige Flug eine Premiere.

Beide Astronauten kennen diesen Startplatz: Behnken und Hurley haben je zwei Shuttle-Flüge mit mehreren hundert Stunden Aufenthalt im All absolviert. Vor ihrem Aufbruch zur ISS begaben sich die beiden für zwei Wochen in Quarantäne – eigentlich eine Standardprozedur seit den „Apollo“-Missionen zum Mond, der aber in Zeiten des Coronavirus eine besonders wichtige Rolle zukommt: Niemand soll das Coronavirus auf der ISS einschleppen.

Auch wenn das Coronavirus den Start der Mission bisher nicht beeinträchtigt hat, wirkt es sich doch irgendwie auf die Mission aus. Beispielsweise dürften an der „Space Coast“ in Florida kaum Schaulustige zu sehen sein, die den historischen Start vor Ort miterleben wollen. Bereits vor einiger Zeit hatte die Nasa dazu aufgerufen, nicht nach Cape Canaveral zu kommen, sondern den Raketenstart im Fernsehen oder im Internet-Stream zu verfolgen.

Crew Dragon

Vorgänger der „Crew Dragon“ ist der Frachter „Dragon“, mit dem SpaceX seit 2012 Fracht zur ISS transportiert.
Die „Dragon“ wurde weiterentwickelt und kann jetzt bis zu sieben Astronauten transportieren. Für die Nasa wird SpaceX allerdings maximal vier Astronauten gleichzeitig transportieren. Außerdem kommen für die Nasa nur neue Raumkapseln zum Einsatz. Die „Crew Dragon“ kann teilweise wiederverwendet werden. Ein Szenario für weitere Einsätze hat sich im Februar 2020 aufgetan: Ein Unternehmen möchte mit der „Crew Dragon“ Weltraumtouristen ins All transportieren.

SpaceX wurde 2002 von Elon Musk gegründet, der sein mit Internetfirmen wie PayPal erwirtschaftetes Vermögen auch in die Entwicklung der Elektroautomarke Tesla investiert hat. tab

Die Mission von Behnken und Hurley ist der letzte Test-Flug, den die „Crew Dragon“ noch benötigt, bevor sie von der Nasa zertifiziert wird und in Zukunft für den Astronauten-Transport zur ISS eingesetzt werden kann. „Demo-2“ heißt die Mission, die als Ende-zu-Ende-Test des gesamten Systems angelegt ist. Dabei wird vom Start bis zum Ende der Mission alles genau unter die Lupe genommen: Der Startplatz 39A, die Raumkapsel, die Rakete „Falcon 9“, das Andockmanöver, die Rückkehr auf die Erde und tausende kleine Dinge dazwischen. Schließlich soll das SpaceX-Raumschiff künftig ein zuverlässiges Transportvehikel für Menschen sein.

Für den 27. Mai 2020 um 22.33 Uhr deutscher Zeit ist der Start terminiert, der nicht anders ablaufen soll als ein Start der „Falcon 9“ mit einem unbemannten „Dragon“-Frachter. Nur dass dieses Mal besonders kostbare Fracht an Bord ist: Zwei Menschen, die etwa 19 Stunden nach dem Start und nach zahlreichen Tests der Raumkapsel die ISS erreichen sollen. Dort soll die „Crew Dragon“ automatisch andocken. Beobachtet wird das automatische Manöver dabei von gleich zwei Seiten: Die Astronauten in der Raumkapsel schauen ganz genau hin und auch die aktuelle ISS-Crew, bestehend aus Chris Cassidy (USA), Anatoli Ivanishin und Ivan Vagner (beide Russland) wird den Vorgang begleiten.

Nach dem Andockmanöver werden Behnken und Hurley zur aktuellen ISS-Crew dazustoßen. Wie lange die Neuankömmlinge an Bord der ISS bleiben werden, steht noch nicht fest. Bisher weiß man nur, wie lange die „Crew Dragon“, die für den letzten Test genutzt wird, im All bleiben kann: etwa 110 Tage. Die genaue Länge der Mission von Behnken und Hurley soll erst dann festgelegt werden, wenn sich die Astronauten bereits an Bord der ISS befinden. Die Entscheidung „basiert auf der Verfügbarkeit des nächsten Commercial-Crew-Starts“, heißt es bei der Nasa.

„Commercial Crew“ heißt das Programm, das hinter dem ersten bemannten Start einer privaten Raumkapsel zur ISS steht. SpaceX ist eines von zwei Raumfahrtunternehmen, das einen Nasa-Vertrag im „Commercial Crew“-Programm unterschrieben hat. SpaceX und Boeing entwickeln in diesem Rahmen für die Nasa neue Raumschiffe, die in der Lage sind, Astronauten in einen niedrigen Erdorbit und zur ISS zu transportieren und auch sicher wieder zur Erde zu bringen. Die „Crew Dragon“ soll nach getaner Arbeit mit den Astronauten im Atlantik vor der Küste Floridas wassern und per Bergungsschiff zurück nach Cape Canaveral gebracht werden. Der „Starliner“ von Boeing dagegen landet – gebremst von Fallschirmen und Airbags – auf festem Boden.

Insgesamt 6,8 Milliarden US-Dollar sind die beiden Verträge wert und sorgten lange Zeit für ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SpaceX und Konkurrent Boeing, wer als erstes privates Unternehmen Astronauten zur ISS transportieren darf. Seit dem fehlgeschlagenen unbemannten Test von Boeings „Starliner“ im vergangenen Winter ist jedoch klar: Die „Crew Dragon“ von SpaceX wird wohl das Rennen machen. Die Raumkapsel hatte ihren unbemannten Testflug zur ISS bereits im März 2019 absolviert. Zwar hatte auch SpaceX mit Rückschlägen zu kämpfen, doch mittlerweile liegt das Unternehmen deutlich vorne.

Der morgige Start wird eine neue Ära der bemannten Raumfahrt einläuten: Gelingt er, ist die Raumfahrernation USA wieder unabhängig von Russland. Seit 2011 zahlte die Nasa viele Millionen Dollar für einen Sitz in der zuverlässigen russischen Sojus-Raumkapsel. Das soll bald Geschichte sein: Ist die „Crew Dragon“-Kapsel zertifiziert, soll eine Serie von regelmäßigen, rotierenden Flügen zur ISS starten.

Die nächsten Raumfahrer stehen bereits in den Startlöchern: Victor Glover, Mike Hopkins und Shannon Walker (Nasa) sowie der Japaner Soichi Noguchi sollen die ersten „regulären“ Astronauten an Bord einer „Crew Dragon“ sein. Das Startdatum ihrer Mission steht noch nicht fest, soll jedoch noch im Jahr 2020 liegen. Geplant ist, dass die Astronauten dann für etwa sechs Monate im All bleiben, bevor sie mit der SpaceX-Kapsel zur Erde zurückkehren und im Atlantik vor der Küste Floridas wassern.

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