Mythen

Auf der Spur der Trolle

  • schließen

In Skandinavien kursieren seit Jahrhunderten Gruselgeschichten - mit modernen Trollen haben die Menschenfresser von damals aber nur wenig gemein.

Was haben das Maul einer Trollfrau und der Hammer des Wettergottes Thor gemeinsam? „Beide sind tödlich“, sagt der Wissenschaftler und Buchautor Rudolf Simek. In seinem neuen Werk „Trolle: Ihre Geschichte von der nordischen Mythologie bis zum Internet“ begibt sich der Mediävist auf Spurensuche nach den kräftigen und gefährlichen Naturwesen, die in den Sagas und der Mythologie Skandinaviens seit mehr als tausend Jahren ihr Unwesen treiben – bis heute. „Keine anderen Wesen wie etwa Zwerge oder Alben haben eine solche Medienpräsenz in den Sagas wie die Trolle.“ Sie nehmen damit einen schauerlichen Spitzenplatz in den Mittelalter-Charts ein. 

Doch warum erzählte man sich so gern grauenvolle Gruselgeschichten? Glaubten die Menschen tatsächlich an Trolle? Simek spricht in dem Zusammenhang von „einer synthetischen Wahrheit“ in den fiktiven Geschichten über die Wikingerzeit: Zwar ging man davon aus, dass Trolle existierten, aber zugleich hoffte man, ihnen niemals zu begegnen. Als Kinderschreck hatten Trolle darüber durchaus eine didaktische Funktion. Den kleinen Zuhörern „machten die Sagas beispielsweise klar, dass man sich besser nicht wie ein Troll auf einem isländischen Fest benimmt“.

Als Professor für Ältere Germanistik mit Einschluss des Nordischen an der Universität Bonn interessiert Simek die Kulturgeschichte der Trolle - anders als sein isländischer Kollege Ármann Jakobsson, der im vergangenen Jahr ein psychologisches Buch mit den kuriosen Titel „The Troll inside you“ veröffentlichte.

Erstmals tauchen Trolle im 10. Jahrhundert in den metaphernreichen Schilderungen der Skalden auf – so auch wie die eingangs erwähnte Passage. „Das waren höfische Dichter im mittelalterlichen Norwegen und auf Island“, berichtet Simek. In der Regel sind Trolle böse und Gegner der Menschen, auch wenn in den skandinavischen Volksmärchen ab und zu hilfreiche Trollfrauen auftauchen. 

„Während Riesen niemals von Menschen, sondern immer nur von Göttern besiegt werden konnten, gelang das Menschen bei Trollen mitunter.“ Als Norwegen sich später politisch eingeengt zwischen den Großmächten Schweden und Dänemark sah, hatten die Trollgeschichten den Zweck zu veranschaulichen, dass selbst kleine, schlaue Kerle so übermächtige Kontrahenten wie die Trolle schlagen können. In der Literatur finden sich sprichwörtliche Vergleiche wie „groß wie ein Troll“, die verdeutlichen, dass es sich bei Trollen um riesenhafte Kerle, aber keineswegs um baum- oder berghohe Monster handelt. 

Während im Frühmittelalter bei dem Ausruf „Mögen die Trolle Dich holen“ dem Betroffenen nichts Gutes schwante, sieht Simek in den modernen Kinderbuchtrollen, die klein, niedlich und wohlerzogen daherkommen, „eine Pervertierung der traditionellen Trollfiguren.“ Den Anfang dieser Entwicklung stellen die in den 1940er-Jahren erfundenen Mumintrolle der finnlandschwedischen Schriftstellerin Tove Jansson dar, die auch in Deutschland als Comics erhältlich sind. 

Die Trolle aus den alten nordischen Sagas waren hingegen durchweg Menschenfresser, auch Pferde standen auf ihrem Speiseplan. „In den Zeitsprung-Märchen wiederum werden die Menschen hingegen von einem Troll verhext“, berichtet Simek. Dass böse Wesen mit magischen Fähigkeiten auf Beutezug im Gebirge sind, ist fester Bestandteil der skandinavischen, heidnischen Naturmythologie. „Sie dienten als Erklärung dafür, wenn es in den Bergen donnerte und grollte, Menschen dort verschwanden oder durch Lawinen und Steinmuren verschüttet wurden.“ 

Zudem waren die Trolle kulturgeschichtlich stets anthropomorph, erst in der Neuzeit wurden sie Tieren ähnlicher, so werden sie neuerdings zunehmend als hässlich und behaart dargestellt – mit Schwänzen und spitzen Ohren. Auch mit den schier unbesiegbaren Kampfmaschinen aus Peter Jacksons Fantasy-Verfilmung „Der Herr der Ringe“ haben die großen, kräftigen Trolle des Mittelalters kaum Gemeinsamkeiten – obwohl sie als Filmvorlage sicherlich auch das Potenzial hätten, 17 Oscars einzuheimsen wie die kommerziell erfolgreiche Trilogie des Neuseeländers Peter Jackson. 

Dass Trolle es sogar bis nach Hollywood schafften, erklärt Simek damit, dass sich die Wesen seit rund 100 Jahren durch Übersetzungstätigkeiten im angelsächsischen Raum ausbreiten, da norwegischen Märchen dort stark rezipiert wurden. „In England kennt jedes Kind die Geschichte von den Brücken-trollen, die unter den Bauwerken sitzen und Tiere und Menschen fressen, die hinübergehen.“ Es ist daher nicht verwunderlich, wenn der Philologe J. R. R. Tolkien Mitte des 20. Jahrhunderts zum Teil historische Stoffe zu dem später verfilmten Erfolgsroman „Der Herr der Ringe“ verarbeitete.

Nur die berüchtigten Internettrolle, die im Netz so viel Unheil anrichten, besäßen durchaus ähnliche Eigenschaften wie ihre nordischen Verwandten. „So wie Internettrolle schlagartig verschwinden können und somit für uns physisch und legal nicht greifbar sind, so plötzlich verschwanden in den Sagas die Trolle im Nebel oder in ihren Höhlen.“ Da kann man nur hoffen, dass sie sich so schnell nicht wieder blicken lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare