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Die Unibibliothek in Konstanz ist 24 Stunden lang geöffnet - nur eines der Argumente, die die Jury überzeugten.

Unis in Baden-Württemberg

Spreu und Weizen

Aus der Serie "Exzellente Unis": Mit den Standorten Karlsruhe, Heidelberg, Freiburg und Konstanz lässt Baden-Württemberg den Rest der Republik hinter sich. Von Gabriele Renz

Von Gabriele Renz

Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) mag ein wenig gebeutelt sein zurzeit. Die SPD fordert seinen Rücktritt wegen einer etwas verpatzten Intendantenkür in Stuttgart und auch die Grünen sehen ihn schon "Koffer packen". Wenn der 62-Jährige aber über die Exzellenzinitiative und die Hochschulen in seinem Land spricht, sind solch politische Petitessen weg, dann blitzen seine Augen vor Stolz.

Baden-Württemberg sahnte in der ersten und zweiten Runde des Bund-Länder-Programms zur Förderung wissenschaftlicher Spitzenleistung richtig ab: 20 der bundesweit 85 bewilligten Anträge entfallen allein auf das Ländle. Vier Hochschulen wurden 2006 und 2007 gar zu Elite-Universitäten gekürt: die beiden altehrwürdigen Universitäten Freiburg und Heidelberg sowie die Technische Hochschule Karlsruhe und die kleine Campus-Uni Konstanz.

Nun wollen Bund und Länder die Exzellenzinitiative erneut ausschreiben. Frankenberg geht davon aus, dass alle vier Hochschulen wieder mit von der Partie sein werden. Denn dass sie bislang erfolgreich waren, daran lassen Universitäten und der zuständige Minister keinen Zweifel. Etwa 100 Millionen Euro zusätzlich bekam jede Exzellenz-Uni. Plus Geld für die beiden anderen Förderlinien, also Graduiertenschulen und/oder Exzellenzcluster, bei denen es sich um projektbezogene Forschungsverbünde handelt. Rund 600 Millionen Euro spülte das in die Hochschulen.

Dem gesamten Universitätssystem habe das einen entscheidenden Ruck gegeben, sagt Frankenberg. Die Hochschulen setzten deutlich mehr Schwerpunkte als zuvor und feilten an ihren Profilen. Frankenberg lobt die vielen neuen Kooperationen mit außeruniversitären Instituten besonders in Karlsruhe, wo mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) die größte Forschungs- und Lehreinrichtung Deutschlands entstand. Und Konstanz habe gezeigt, "dass Geisteswissenschaften kein Randdasein führen" müssten.

Einen "großen Schub" habe der Wettbewerb gebracht, bilanziert der Konstanzer Rektor Gerhart von Graevenitz. Mit seinem Konzept einer "Kultur der Kreativität" konnte er die Jury überzeugen. Forscher sollen mehr Freiraum für ihre Ideen bekommen. Und das geht von der 24-stündigen Öffnungszeit der Bibliothek und der "Knirps-Kita" bis hin zum Miteinander von Natur- und Geisteswissenschaftlern. "Die Aufbruchstimmung hat die ganze Universität umfasst", meint von Graevenitz. Es sei "nicht so, dass der Exzellenzstatus einen Teil der Uni betrifft und der Rest nur zuschaut". Solche Kritik kam im Vorfeld von den Studierenden. Von Graevenitz hält dem entgegen, die Betreuungsrelation habe sich verbessert. "Unterm Strich" finde mehr Lehre statt, sagt er.

Doch Kritiker des Elite-Wettbewerbs befürchteten auch eine zunehmende Hierarchisierung nach US-Muster. Das Geld komme nur wenigen zugute und beschleunige die fragwürdige Einteilung in "gute" und "schlechte" Hochschulen. Die Hochschullandschaft werde sich aufsplitten in die Elite und diejenigen, die nur eingeschränkt forschungsfähig sind. "Homogen" sei die Uni-Landschaft noch nie gewesen, sagt Frankenberg. Er sieht den Exzellenzstatus als "Leistungsimpuls", der dazu anrege, sich besonders anzustrengen.

"Wir brauchen keine Leuchttürme in der Wüste", kritisiert dagegen die Bildungsgewerkschaft GEW. Tatsächlich bewarben sich von rund 100 Universitäten 27 um die dritte Förderlinie, die den Ausbau der Spitzenforschung und internationale Wettbewerbsfähigkeit zum Ziel hat. Nur zehn kamen in die engere Wahl.

Minister Frankenberg ist ein Anhänger des angelsächsischen Systems. Motto: Wettbewerb bringt Geld, Geld bringt mehr Forschungsleistung. Doch diese Rechnung geht an den baden-württembergischen Hochschulen nur eingeschränkt auf. So ist es gerade für die Graduiertenschulen schwierig, Firmen als Kooperationspartner zu gewinnen, wie der Freiburger Zellforscher Christoph Borner in einem Interview klagte. Und die Konkurrenz unter den Elite-Unis nimmt zu. Konstanz ist mit den Fördermitteln zufrieden. Aber die Gefahr, dass Wissenschaftler abgeworben würden, nehme zu, räumt von Graevenitz ein. "Es gibt eine neue Qualität der Wahrnehmung", findet der Rektor.

Auch die beim baden-württembergischen Wirtschaftsministerium angesiedelte Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit präsentierte bereits die heimischen Super-Unis auf einer internationalen Wissenschaftstagung in Boston: Freiburg mit seinem Exzellenzcluster "bioss Centre für Biological Signalling Studies", Heidelberg mit seinem Forschungsverbund "CellNetworks" sowie Stuttgart mit seinem Cluster "Simulation Technology".

Vor allem jene Hochschulen, die mit außeruniversitären Instituten zusammenarbeiten, dürften sich in der Spitzengruppe des Elite-Rankings dauerhaft behaupten. So arbeitet allein Heidelberg mit 20 Instituten zusammen. In den Werbefilmchen, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) von allen Exzellenzuniversitäten drehte, schwärmen die Doktoranden im Cluster "Zellulare Netzwerke" vom neuen "Miteinander von Menschen". Biologen, Statistiker, Physiker und Chemiker tasten sich dort gemeinsam an das Verhalten von Viren heran.

"Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile", heißt es stolz. Im Jahr 2008 nahm die Hochschule nach eigenen Angaben deutlich mehr Drittmittel ein als zuvor: Hier stiegen die Einnahmen (ohne die Medizinfakultäten in Mannheim und Heidelberg) um rund 30 Prozent auf 71 Millionen Euro.

Sprecherin Marietta Fuhrmann-Koch findet dabei insgesamt "bemerkenswert, dass die Geisteswissenschaften einen großen Anteil am Erfolg hätten. Fächer und Disziplinen seien "noch stärker vernetzt" worden. Sogar Professoren wurden fakultätsübergreifend berufen. Eine "rasante" Entwicklung. Kritik gilt dagegen der Vorgabe, die Gelder jährlich verwenden zu müssen. Das schränke die Flexibilität doch sehr ein und führte "zu hohen Verlusten". Insgesamt sieht Frankenberg Baden-Württembergs Exzellenz noch nicht ausgereizt. Insbesondere die Universität Stuttgart habe "Riesenpotenzial" mit seinem Schwerpunkt Luft- und Raumfahrttechnik und dem angeschlossenen Fraunhofer Institut. "Die müssten gute Chancen haben", glaubt der Minister. Unter Protest wagt sich Rektor Wolfram Ressel an Umstrukturierungen zu Lasten der Geisteswissenschaften. Ohne klares Profil, so seine Überzeugung, keine Exzellenz.

Auch die Universität Tübingen, die in den ersten beiden Runden nicht zum Zuge kam, bereitet sich durch gewaltige Stellenumschichtungen auf einen neuen Anlauf vor. Dort entstand bereits der Wissenschaftscampus "Bildung in Informationsumwelten" gemeinsam mit der Leibnitz-Gesellschaft ein Zusammenspiel von Psychologie, Informatik oder Pädagogik.

"Die Tübinger Zukunft liegt darin, dass sie klassische Volluniversität bleibt", ist Frankenberg zuversichtlich. Konstanz allerdings bleibe ein "Sonderfall", weil die Uni als einzige Hochschule ohne Institute und damit weniger Vernetzungsmöglichkeiten den Sprung in die erste Liga geschafft habe. Sie werde sich verteidigen müssen. "Exzellenz", so der Minister, sei "kein Erbhof, sondern muss immer wieder neu bewiesen werden".

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