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Viel Stoff für Debatten: In welcher Sprache soll an Hochschulen gelehrt werden?

Gastbeitrag

Was Sprachenpolitik bewirken kann

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In kurzer Zeit will man nun an den Hochschulen nun wiedergutmachen, was vorher verschlafen wurde.

In welcher Sprache soll an Hochschulen gelehrt werden? Welche sprachlichen Voraussetzungen berechtigen Studierende zur Aufnahme eines Hochschulstudiums? Werden Sprachkurse als verpflichtende Bestandteile ins Fachcurriculum aufgenommen? Inwieweit sollte die Verwaltung einer Hochschule mehrsprachig sein?

Diese und andere Fragen werden von Sprachenpolitiken an Hochschulen aufgegriffen. Die Fragen an sich sind nicht neu, sehr wohl aber ihre systematische Bearbeitung in Form von Sprachenpolitiken, zumindest in Deutschland, wo sprachenbezogene Themen traditionell vor allem einen Defizitdiskurs charakterisieren, der erst dann in Gang kommt, wenn sprachliche Verständigung zum Problem wird.

Anders ist die Lage in skandinavischen Ländern und in Weltregionen wie dem südlichen Afrika oder Indien, wo aufgrund der vorgefundenen Sprachenlandschaften eine intensive Beschäftigung mit Mehrsprachigkeit und die Formulierung von Sprachenpolitiken eine längere Tradition aufweisen.

Der seit cirka zehn Jahren zu beobachtende Bewusstseinswandel in Deutschland hat gesellschaftliche und bildungspolitische Gründe. Die Migrationsbewegungen infolge europäischer Wirtschafts- und Währungskrisen seit 2008 und der Zuzug von Tausenden von Geflüchteten seit 2015 hat auch an den Hochschulen eine neue Dynamik sprachenbezogener und interkultureller Diskurse ausgelöst. Insbesondere der Umgang mit kulturell und sprachlich heterogenen Lerngruppen zählt dort heute zu den anspruchsvollsten Herausforderungen.

Etwa im gleichen Zeitraum hat sich das Verständnis hochschulischer Internationalisierung ausdifferenziert. Mobilität erfasst heute nur noch einen Teilaspekt von Internationalisierung, unter dem Paradigma der „Internationalisierung zuhause“ wird versucht, auch Nichtmobile zu erreichen sowie die vormals streng getrennten Gruppen internationaler und einheimischer Studierender miteinander ins Gespräch zu bringen.

Andreas Hettiger leitet an der Technischen Universität Braunschweig das Sprachenzentrum.

Die Professorenschaft wird internationaler, die Internationalisierung der Verwaltung zumindest als Desiderat erkannt. Die Europäisierung deutscher Hochschulen im Kontext des Bologna-Prozesses bewirkt ebenfalls einen Aufschwung sprachenbezogener Themen, die vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron ausgehende Initiative zur Bildung europäischer Hochschulnetzwerke liefert ein aktuelles Beispiel. Die deutschen Wissenschaftsorganisationen und -gremien, insbesondere Hochschulrektorenkonferenz und Wissenschaftsrat, haben in den vergangenen Monaten und Jahren mit einschlägigen Publikationen und Empfehlungen auf die Thematik reagiert, an den Hochschulen selbst hat vor allem das im Jahr 2009 ins Leben gerufene HRK-Audit zur „Internationalisierung der Hochschulen“ sprachenpolitische Fragestellungen als zentrale Querschnittsthemen sichtbar gemacht. Es scheint so, als wolle man in kürzester Zeit wiedergutmachen, was lange Zeit verschlafen wurde. Ist damit in Bezug auf Mehrsprachigkeit und interkulturelle Bildung jetzt endlich „alles gut“ an den deutschen Hochschulen? Leider nein.

Sprachenpolitiken bewirken zwar ein verstärktes Bewusstsein für sprachliche und interkulturelle Themen, dienen als Impuls für konkrete Maßnahmen und tragen Wesentliches zur Profilbildung der Hochschulen bei. Ein „Allheilmittel“ für alle sprachlichen Bedarfe sind sie allerdings nicht. Sprachenpolitiken haben eine Tendenz zu einer instrumentell-technizistischen Betrachtung von Sprachen.

Der Beitrag von Sprachen zu wissenschaftlicher Erkenntnis und Persönlichkeitsbildung wird dabei leicht vergessen, ebenso die Berücksichtigung von Zukunftsfragen wie diesen: Mit welchen Maßnahmen kann neben der Förderung von Englisch und Deutsch auch die europäische Dimension berücksichtigt werden, insbesondere das Konzept eines mehrsprachigen und plurikulturellen Lernens? Auf welche Weise lassen sich Vorteile von Virtualisierung und Digitalisierung mit den Erfordernissen sprachlichen und interkulturellen Lernens verbinden, das wesentlich auf persönlichen Kontakt angewiesen ist?

Was charakterisiert eine „hochschulspezifische Sprachenlehre“ und wie funktioniert die Verzahnung von Sprache und Fach? Wer unternimmt die ersten Schritte, Sprachenzentren aus einem reinen Dienstleistungsbetrieb herauszuführen und sie mit flankierender angewandter Forschung zu beauftragen, die die Qualität ihrer Angebote verbessert?

Wie müsste eine hochschulspezifische Ausbildung für Sprachlehrkräfte (die es noch nicht gibt) aussehen, damit diese optimal auf ihre Aufgaben vorbereitet werden? Wann und in welcher Weise wird die Sprachenförderung an Hochschulen Anschluss finden an Erkenntnisse und Konzepte, die für den Bereich Schule unter den Schlagwörtern von „sprachsensibler Fachunterricht“ und „Mehrsprachigkeitscurriculum“ längst entwickelt sind? Wie können fachlich exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so qualifiziert werden, dass ihre Lehre sprachsensibel und ebenfalls exzellent wird?

Wenn die Hochschulen ihrem Anspruch gerecht werden, Orte für innovative Lösungen und kreatives Denken zu sein, dann dürfen wir uns auf spannende Zeiten freuen, in denen Antworten auf die aufgeworfenen Fragen gesucht werden und sprachliche und interkulturelle Bildung einen wesentlichen Beitrag zur Internationalisierung der Hochschulen und zur Bearbeitung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben leisten.

Andreas Hettiger leitet an der Technischen Universität Braunschweig das Sprachenzentrum. Vor Kurzem erschien sein Buch „Sprachenpolitik an deutschen Hochschulen, Grundlagen und Perspektiven“.

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