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Die Erkenntnisse von Wissenschaftlern werfen kein gutes Licht auf Spotify.

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Für Spotify sind Küchengeräusche auch Musik

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Spotify gilt als größter Musikstreamingdienst der Welt. Ein Forscherteam hat sich intensiv mit dem Unternehmen auseinandergesetzt – mit überraschenden Erkenntnissen.

Das Album „Election Music“ enthält 13 Titel, aber eigentlich besteht es nur aus einer einzigen Melodie. Eine elektrische Melodie, die 13 Mal verändert wurde und Namen trägt wie „Täby“, „Rinkeby“ oder „Hörken“ – alles Orte in Schweden. Die Stücke sind die vertonten Ergebnisse der schwedischen Parlamentswahl 2014 in den entsprechenden Bezirken. Im Oktober 2014 wurde das Album unter anderem bei Spotify, iTunes und Amazon hochgeladen, als Interpret wurde Heinz Duthel angegeben.

Doch den Musiker Heinz Duthel gibt es gar nicht, ebenso wenig wie das Label, das das Album herausgebracht hat. Es ist ein Fake, erfunden von einem interdisziplinären Forschungsteam, das damit die Mechanismen hinter Streamingdiensten wie Spotify erforschen wollte. Die Gruppe konnte unter anderem zeigen, wie leicht der Dienst zu manipulieren ist – und behauptet, dass Spotify nicht das nutzerorientierte, schwedische Unternehmen ist, als das es sich präsentiert.

Wer oder was entscheidet bei Spotify?

Was definiert einen Klang als Musik? Wer oder was entscheidet, was auf Spotify als Musik zählt? Und wie sieht es mit der Bezahlung aus? „Das waren einige der Grundfragen, die wir uns am Anfang des Projekts gestellt haben“, sagt Patrick Vonderau. Er ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat gemeinsam mit zwei Kolleginnen und zwei Kollegen verschiedener Universitäten untersucht, wie Streaming eigentlich funktioniert und wie es die Musikkultur verändert. Ihre Ergebnisse fassen sie im Buch „Spotify Teardown: Inside the Black Box of Music Streaming“ zusammen.

Das fiktive Plattenlabel war der Ausgangspunkt für die Forschung. Neben den vertonten Wahlergebnissen hat das Label weitere Stücke veröffentlicht, unter anderem zwei Songs von „Fru Kost“, was auf Deutsch Frühstück heißt. Auch diesen Interpreten gibt es nicht, die Musik bestand aus Küchengeräuschen einer Mitarbeiterin des Teams. „Uns hat interessiert, ob gesampelter Küchensound schon musikalischer Klang ist“, sagt Vonderau. Er ist es – vorausgesetzt, man findet den richtigen Dienstleister.

Grenze zwischen Musik und Nicht-Musik verschwimmt 

TuneCore, IndigoBoom oder CD Baby heißen beispielsweise die Unternehmen, die als Schnittstelle zwischen den Künstlern und Spotify dienen. Wer nicht bei einem großen Plattenlabel unter Vertrag steht, muss auf eine dieser Firmen zurückgreifen, um Musik auf Spotify vertreiben und sich die Streaming-Einnahmen auszahlen lassen zu können.

Aber: „Bei den Dienstleistern sind die Kriterien für eine Ablehnung derzeit mehr oder weniger willkürlich“, schreibt das Forschungsteam in seinem Buch. Es hänge davon ab, ob man eine Gebühr bezahle oder nicht. So haben mehrere dieser Mittelsfirmen das Album von „Fru Kost“ abgelehnt: Es sei nicht die Art von Inhalt, nach der man suche. Mit Record Union fand sich dann aber doch eine Firma, die die Küchengeräusche als Musik akzeptierte – gegen eine Gebühr von 20 Dollar pro Jahr. „Die Grenze zwischen Musik und Nicht-Musik, zwischen Künstler und Maschine verschwimmt“, so das Fazit der Wissenschaftler.

Manipulationen der Hörerzahlen

Das gilt nicht nur für die Seite der Interpreten, sondern auch die der Hörer. Vonderau und seine Kollegen haben rund 300 Bots programmiert, die mit Gratis-Accounts von Spotify immer wieder dasselbe Lied von „Fru Kost“ gehört haben. Dieses Experiment brachte 6,28 Dollar ein – dank fiktiver Streams von fiktiven Liedern. „Mit anderen Worten: Spotify schien es egal zu sein, ob ein Computer oder ein Mensch die Musik hört“, schreiben die Forscher. „Zumindest wirkte es so, als ob das Unternehmen keine ernsthaften Schritte unternommen hat, damit diese Unterscheidung gemacht werden kann.“

Spotify widerspricht dem. Auf die Frage, ob das Unternehmen Maßnahmen gegen Manipulationen der Hörerzahlen trifft, antwortet eine Sprecherin: „Um Missbrauch zu erkennen, verfügt Spotify (…) über mehrere Erkennungsmaßnahmen, die das Streaming-Verhalten überwachen“. Einzelheiten zu diesen Maßnahmen nennt die Sprecherin nicht, betont aber, dass das Unternehmen kontinuierlich an der Verbesserung entsprechender Methoden arbeite. Eigenen Angaben zufolge hat Spotify mehr als 217 Millionen aktive Nutzer in 79 Ländern.

Konzertierte Aktion von Fans

Tatsächlich wäre das Experiment mit den Bots, so wie es das Forschungsteam während des Projekts vor einiger Zeit gemacht hat, heute wohl nicht mehr möglich. Spotify nutze mittlerweile Captchas und Recaptchas, berichten die Forscher. Dabei müssen ein schwer lesbarer Text, eine Zahlenfolge oder bestimmte Dinge auf einem Bild eingetippt oder angeklickt werden, um zu beweisen, dass ein Mensch und kein Computer den Dienst nutzt. Spotify selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Zwar scheint dieses Loch also gestopft. Dennoch gibt es immer wieder Berichte über Tricksereien rund um die Hörerzahlen von Spotify, die auch ohne Bots und Algorithmen funktionieren. So war im Herbst vergangenen Jahres bekannt geworden, dass Fans der südkoreanischen Boygroup BTS bei mehreren Streamingdiensten, unter anderem Spotify, tausende Accounts angelegt und deren Zugangsdaten über soziale Medien an andere Fans in der ganzen Welt verbreitet haben sollen. Die hörten die Musik von BTS in Dauerschleife, oft auf mehreren Geräten gleichzeitig, um ihrer Lieblingsband in den Billboard-Charts – in die auch Streams eingehen – ganz nach oben zu verhelfen. Mit Erfolg: Vor rund einem Jahr schaffte es die siebenköpfige Gruppe zum ersten Mal auf Platz eins der US-Albumcharts.

„Spotify fing als Piratendienst an“

Auch unabhängig von Manipulationen werfen die Erkenntnisse der Wissenschaftler kein gutes Licht auf Spotify. Während der Forschung habe es wiederholt Kontakt mit Spotify gegeben, berichtet Vonderau. Das Unternehmen habe gewusst, dass es das Projekt gibt. Trotzdem erreichte die Forscher im Mai 2017 ein Schreiben von Spotify, in dem sie aufgefordert wurden, Methoden zu unterlassen, sollten diese gegen die Nutzungsregeln des Dienstes verstoßen.

Der Auslöser für diese Intervention war nach Einschätzung der Forscher ein Interview, das einer aus dem Team, Rasmus Fleischer, kurz vorher einer schwedischen Wirtschaftszeitung gegeben hatte. In diesem Gespräch hatte Fleischer erwähnt, dass Spotify in seiner Anfangszeit Musik ohne die nötigen Lizenzen vertrieben haben soll.

Das erwähnen die Wissenschaftler auch in ihrem Buch. Um die Technik auszuprobieren, soll Spotify 2007 zunächst Musikdateien verwendet haben, die die Angestellten auf ihren privaten Computern hatten. Ein großer Teil dieser Dateien wiederum soll von File-Sharing-Diensten gekommen sein – Spotify habe die entsprechenden Lizenzen, um die Musik online zur Verfügung stellen zu dürfen, nicht gehabt. „Spotify fing de facto also als Piratendienst an“, so das Resümee.

Das Unternehmen selbst lässt dazu mitteilen, dass Spotify in „jedem Markt ein vollständig lizenzierter Musik Streaming Service“ ist. Alle Vereinbarungen mit nationalen und internationalen Rechteinhabern der Musikindustrie, einschließlich Labels, Verlage und Verwertungsgesellschaften seien immer ab dem Tag des jeweiligen Markteintritts gültig.

Spotify versucht, Kritik zu unterdrücken 

„Die Aussage in dem Interview hat bei dem Unternehmen offenbar Unruhe ausgelöst, weil es damals den Börsengang vorbereitet hat“, glaubt Vonderau. Das Team versicherte dem Unternehmen, dass Methoden, die gegen die Nutzungsregeln verstoßen, nicht mehr angewandt werden würden und schlug ein Gespräch vor. Daraufhin, so die Forscher, habe Spotify den Schwedischen Forschungsrat, der das Projekt finanzierte, aufgefordert, die Arbeit nicht weiter zu unterstützen – was dieser allerdings weiterhin tat. Vom Unternehmen selbst heißt es dazu: „Kein Kommentar.“

Die Wissenschaftler zeichnen in ihrem Buch Spotifys Entwicklung von einem, wie sie es nennen, „Piratendienst“ in seiner Beta-Version über eine von der schwedischen Presse gehypte Firma bis hin zu einem an der Börse notierten Unternehmen nach. Dass sich der Dienst unter der Hand verändert habe und nach mehreren Investitionsrunden im Grunde ein amerikanisches Medienunternehmen geworden sei, stehe in sehr starkem Widerspruch zu dem Bild vom offenen, nutzerorientierten Unternehmen, das Spotify von sich selbst entwerfe, sagt Vonderau.

Kritisch bewertet er den Dienst außerdem in puncto Datenerhebung. Spotify registriert nicht nur die gängigen Personendaten wie Name, Geburtsdatum, Geschlecht oder Wohnort; sondern unter anderem auch welche Songs und Playlisten jemand hört, zu welcher Uhrzeit und wie lange und über welches Gerät sie abgerufen werden. „Musik ist ein Mittel, um Emotionen und Gefühle zu erfassen“, sagt Vonderau. Dadurch habe das Unternehmen Infos in einem Bereich, in den selbst Facebook nur bedingt vordringe. Solche Daten bergen großes Potenzial und sind daher sehr wertvoll für den Dienst. „Und da fliegt Spotify völlig unter dem Radar“, sagt Vonderau.

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