Das Nachtaufnahme der Nasa zeigt, wie dicht besiedelt Europa ist.
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Das Nachtaufnahme der Nasa zeigt, wie dicht besiedelt Europa ist.

Weltbevölkerung

Sollte man das Bevölkerungswachstum begrenzen? Eine schwierige Frage

  • vonVerena Kern
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Nicht das Bevölkerungswachstum, sondern der Lebensstil in den Industrie- und Schwellenländern ist der Hauptgrund für die Klimakrise.

Rund 7,8 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Erde. Bis 2050 werden es nach UN-Prognosen 9,7 Milliarden sein, bis 2100 sogar 10,9 Milliarden. Sie alle brauchen Nahrung und ein Dach über dem Kopf, sie alle verbrauchen Energie. Doch schon heute überlastet die Menschheit den Planeten, mit einem viel zu hohen Ressourcenverbrauch, zu viel Abholzungen, einem viel zu hohen Ausstoß an Treibhausgasen. Sind wir längst zu viele?

Seit Jahren steht die Frage im Raum, ob die steigende Zahl von Menschen mit den planetaren Grenzen der Erde vereinbar ist. Kann man mehr als zehn Milliarden versorgen und gleichzeitig die Pariser Klimaziele einhalten? Oder werden so alle Bemühungen um Klimaschutz konterkariert wie in einer Art Rebound-Effekt? Wäre es nicht besser, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen?

Hart an der Grenze zum ethisch Fragwürdigen

Die Frage ist schwierig, weil sie sich hart an der Grenze zum ethisch Fragwürdigen bewegt. Man kann niemandem verbieten, Kinder zu bekommen. Und wer sollte denn darüber entscheiden, wann es zu viel ist? Und: wer zu viel ist? In jedem Fall wäre es eine Anmaßung. Es würde den Werten zuwiderlaufen, zu denen sich die UN-Staaten bekannt haben. Jedes Leben zählt. Das ist der Grundsatz, wie sich in der Corona-Krise gerade erfreulicherweise zeigt.

Wie heikel das Thema ist, erwies bereits 2017 eine schwedische Studie. Die Forschenden hatten behauptet, der Verzicht auf ein Kind bringe mit Abstand am meisten fürs Klima, und so für heftige Diskussionen gesorgt. Allerdings waren ihre Berechnungen wenig plausibel. Sie hatten jeweils die Emissionen der weiteren Nachkommen mit aufgeschlagen und waren so zu astronomischen CO2-Mengen gekommen. Ein Jahr zuvor hatte ein Club-of-Rome-Bericht empfohlen, jeder Frau zu ihrem 50. Geburtstag eine Prämie von 80 000 Dollar zu zahlen, wenn sie maximal ein Kind bekommen hat. Allerdings nur den Frauen in den reichen Ländern, da dort der ökologische Fußabdruck um ein Vielfaches höher ist als in armen Ländern. Auch hier folgte eine aufgeheizte Debatte.

Die Geburtenraten sinken

Dabei zeigen die Zahlen, dass es eigentlich gar keinen Grund gibt, das Bevölkerungswachstum als das gravierendste Problem der Menschheit anzusehen. Schon seit rund 20 Jahren flacht die Kurve deutlich ab. Die Menschheit wächst viel langsamer. Dass jemals eine Zahl von weit über zehn Milliarden erreicht wird, ist unwahrscheinlich. Die Geburtenrate liegt nur noch bei durchschnittlich 2,5 Kindern pro Frau, bis 2050 rechnen die UN mit 2,2 Kindern. 1990 waren es noch 3,2.

Zugleich ist die durchschnittliche Lebenserwartung deutlich gestiegen. Nach UN-Zahlen lag sie 1990 bei 64,2 Jahren, heute sind es 72,6 Jahre. Bis 2050 könnten es 77,1 Jahre sein. Es wäre absurd, dies als unerwünschte Entwicklung anzusehen. Aber es trägt dazu bei, dass die Zahl der Menschen wächst, die auf der Erde leben.

Insgesamt hat sich die Weltbevölkerung in den letzten 100 Jahren vervierfacht. Der CO2-Ausstoß der Menschheit hat sich im selben Zeitraum aber verzehnfacht. Mehr Menschen sind also nicht der Hauptgrund für den Anstieg der Emissionen, wie schon der Weltklimarat IPCC in seinem Sachstandsbericht 2013 klargestellt hat. Der Hauptgrund ist der extrem ressourcen- und energieintensive Lebensstil der Menschen in den reichen Ländern. Die 20 größten Industrie- und Schwellenländer produzieren immer noch rund 80 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen.

Die Forschung ist sich einig, dass Bildung, Geschlechergerechtigkeit, Gesundheit und Familienplanung wichtig sind, um die weltweite Bevölkerungszahl zu stabilisieren. Frauen, die selber über Verhütung und Lebensgestaltung entscheiden können, haben in der Regel weniger Kinder. Noch wichtiger ist aber, dass sich die Art und Weise ändert, wie in den Ländern gelebt und produziert wird, die den größten Anteil am Treibhausgasausstoß haben.

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