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Chirurgen präparieren die Niere eines Verstorbenen für die Transplantation.

Transplantationsmedizin

Soll Organspende-Gesetz reformiert werden?

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Warum Organspenden in Deutschland zu selten sind ? und was andere Staaten besser machen.

Es ist elf Jahre her, da nimmt Marita Donauers Leben eine dramatische Wendung. Ihr 46-jähriger Bruder Karl liegt plötzlich sterbend auf der Intensivstation: schwerste Hirnschäden durch ein geplatztes Aneurysma. „Wir waren in eine furchtbare Ausnahmesituation geworfen“, erinnert sich Donauer. Von den Ärzten wird sie angesprochen: Seine Organe, die könnten noch weiter helfen. Einen Spenderausweis hat Karl nicht, stimmt also sie der Organentnahme zu?
Marita Donauer muss für ihren Bruder entscheiden, „nach seinem mutmaßlichen Willen, denn wir hatten nie drüber gesprochen“. Aber sie hat ihn als sehr empathisch erlebt und willigt deshalb in die Spende ein.

„Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens“, sagt Donauer, „aber zwei Monate später wusste ich, dass es die richtige war“. Da traf ein Brief der Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) bei der Familie ein: Sieben schwerstkranken Menschen hatte ihr Bruder mit seinen Organen geholfen. Ein 38-Jähriger hatte die Lunge bekommen, eine 44-Jährige Niere und Pankreas. Sechs der Empfänger leben noch heute: „Uns wurde klar: In seinem sinnlosen Sterben hat mein Bruder diesen Menschen das Leben gerettet. Das war ein wunderbarer Trost.“

Marita Donauer engagiert sich seitdem stark für die Organspende und hat unter anderem ein Netzwerk Angehöriger mitgegründet. Beim Frankfurter Jahreskongress der DSO, die bundesweit Organspenden Verstorbener koordiniert und deren Angehörige  begleitet, hält sie mit ihren Emotionen nicht hinterm Berg: „Mir geht angesichts der dramatisch niedrigen Spenderzahlen allmählich die Geduld aus. Es geht doch um eine Entscheidung für das Leben!“ 

Klare Worte in einer prekären Lage. Die Spenderzahlen sacken weiter ab, nur 2700 Transplantationen erwartet die DSO 2017, rund 40 Prozent weniger als noch 2010. Dem stehen an die 12 000 Schwerstkranke auf der Warteliste gegenüber. „Warum sind wir so nachhaltig schlecht?“ fragt auch Björn Nashan, Transplantationsmediziner und Vorsitzender des DSO-Stiftungsrats. Und warum sind andere Staaten besser?

Krankenhäuser:
Auswertungen von Klinikdaten durch die DSO legen nahe, dass bis zu 50 Prozent mehr Organspender zu identifizieren wären, wenn auf Intensivstationen bei irreversibel kranken Patienten vor dem Therapieabbruch immer nach der Option Organspende gefragt würde. Was hier nicht gut läuft, klappt in Großbritannien, sagt DSO-Vorstand Axel Rahmel: „Da ist die Frage Standard“. Was dazu beiträgt, dass im Königreich die Transplantationszahlen in den letzten fünf Jahren jährlich um 20 Prozent gestiegen sind.

Transplantationsbeauftragte:
Jede Entnahmeklinik muss laut Gesetz einen benennen. Er begleitet Angehörige von Spendern und muss dafür sorgen, dass mögliche Spender an die DSO gemeldet werden, damit diese das komplizierte Prüfverfahren begleiten kann. Doch zeigen Zahlen aus NRW, dass die Beauftragten in mehr als zehn Prozent aller Fälle gar nicht hinzugezogen werden, wenn auf der Intensivstation ein Patient mit schwersten Hirnschäden liegt. Viele klagen, dass ihre Tätigkeit in den Kliniken nicht geschätzt wird, sie sind auch oft nicht freigestellt und kaum geschult. Besser macht das zum Beispiel Spanien, europaweiter Spenden-Spitzenreiter: In Barcelona gibt es sogar eine Hochschulausbildung für Transplantationsbeauftragte.

Patientenverfügungen:
Einhellig klagen Kliniken, dass in Patientenverfügungen über medizinische Behandlung am Lebensende oft nicht an die Organspende gedacht wird. Hier müsse viel besser aufgeklärt werden, so Rahmel: „Da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen.“

Kosten:
Bis zu 5000 Euro Vergütung bekommt eine Klinik für einen Organspender – und das auch nur, wenn mehrere Organe entnommen werden. Das ist zu wenig, sagt die DSO. Denn die potenziellen Spender sind immer älter und haben mehr Begleiterkrankungen. Das verteuert den Entnahmeprozess erheblich, weil mehr getan werden muss, um die Organqualität sicherzustellen. Zum Vergleich: In der Schweiz etwa gibt es bei sehr schwierigen Fällen bis zu 50 000 Franken (rund 43 000 Euro) Vergütung.

Hirntodkriterium:
Hierzulande muss ein Patient laut Transplantationsgesetz gesichert hirntot sein, damit eine Organspende in Frage kommt. Der Hirntod wird aber, dank des medizinischen Fortschritts, immer seltener. Viele andere europäische Staaten lassen deshalb auch den Herzstillstand als Kriterium zu – vorausgesetzt, der Patient hat keine Überlebenschance und seine Bereitschaft zur Organspende ist abgeklärt. Spanien, die Niederlande, Großbritannien, Belgien und die Schweiz verfahren zum Beispiel so und konnten damit die Zahl der Transplantationen steigern. Die Debatte darüber muss auch hier geführt werden, wünscht sich Björn Nashan.

Widerspruchslösung:
In den meisten europäischen Ländern – darunter Frankreich, Spanien, Österreich, Kroatien, Niederlande oder Portugal – gilt: Wer zu Lebzeiten nicht schriftlich widerspricht, gilt im Fall des Todes als potenzieller Organspender. Hierzulande dagegen dürfen Organe nur entnommen werden, wenn das Einverständnis des Spenders oder stellvertretend eines Angehörigen vorliegt. Spenderausweise haben aber nur vierzig Prozent der Bundesbürger – einer der Hauptgründe für den Organmangel. Deutscher Ethikrat und Ärztetag haben sich vor Jahren schon für eine Widerspruchslösung ausgesprochen, doch die Politik bewegt sich nicht. Dabei profitiert Deutschland im Eurotransplant-Verbund davon, dass andere Mitgliedsstaaten sie haben, indem es mehr Organe von dort bekommt als exportiert.

Auch auf dem DSO-Kongress wurde der Ruf nach einer Reform wieder laut. Allen, bei denen das Ängste auslöst, gibt Marita Donauer mit: „Es ist viel wahrscheinlicher, dass man selbst mal ein Organ braucht, als dass man zum Spender wird. Und wer im Krankheitsfall ein Organ annehmen würde, sollte auch bereit sein, eines zu geben.“

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