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Solastalgie: Vom Schmerz, die kaputte Heimat zu sehen

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Einzigartig: Die „Bächle“ durchziehen Freiburgs Altstadt. Kinder lassen hier Schiffchen schwimmen.
Einzigartig: Die „Bächle“ durchziehen Freiburgs Altstadt. Kinder lassen hier Schiffchen schwimmen. © Getty Images/EyeEm

Umweltzerstörung und Klimawandelfolgen können ein bedrückendes Gefühl wecken, das als „Solastalgie“ bezeichnet wird.

Freiburg im Breisgau ist bekannt für seine einzigartigen „Bächle“. Sie fließen in der Altstadt durch die Gassen und sind seit dem Mittelalter urkundlich belegt. Hindurch waten die Kinder im Winter mit Gummistiefeln und im Sommer barfuß, sie lassen Schiffchen und Badeenten schwimmen, ihr glückliches Jauchzen ist weithin zu hören. So weit meine Erinnerung an die lebendige Stadt meiner Kindheit.

Als ich kürzlich Freiburg nochmal besuchte, waren die Bächle trocken, kein Kind spielte, kein Schiffchen dümpelte an mir vorbei. Es war heiß und die Menschen waren in den Schatten geflohen. Ein drückendes Gefühl in der Magengegend machte sich bei mir breit – eine Mischung aus Trauer, Wut und Sehnsucht nach der mir bekannten heilen Welt, gepaart mit dem Bewusstsein, dass es sie wohl nicht mehr geben wird.

Bei dem Versuch, die Beziehung zur Natur, den Verlust unserer in Kindertagen ans Herz gewachsenen Landschaft und der sich schnell verändernden Erde um uns herum in Worte zu fassen, stoßen wir schnell an die Grenzen der Sprache. Das Wort „Angst“ wird dem Gefühl nicht mehr gerecht, wenn Parks und Gärten vertrocknen, wenn wir in den Medien sehen, wie Südeuropa, Kalifornien oder Australien in Flammen stehen, wie das Great Barrier Reef erbleicht.

Diese Erfahrung machte auch der australische Umweltwissenschaftler Glenn Albrecht, als er Anfang der Nullerjahre die emotionalen Auswirkungen des Kohleabbaus im Hunter Valley im Bundesstaat New South Wales untersuchte. Wo es früher malerische Weingüter, Felder und Farmen gab, klafft nun ein großes Loch. Die Leute erzählten ihm von Vibrationen im Boden, Stress durch Maschinenlärm und nächtliche Scheinwerfer. Obwohl viele von ihnen auf die Arbeitsplätze in der Grube angewiesen waren, bemerkte Albrecht einen Gefühlstenor von Kummer, Hilflosigkeit und Heimweh.

„Die physische Zerstörung des Tals zersetzte das Heimatgefühl, das die Menschen empfunden hatten“, erinnert sich Albrecht. Aus den lateinischen Begriffen solacium (Trost) und solus (Einsamkeit) sowie dem griechischen algos (Schmerz) gab er der Empfindung den Namen: Solastalgie. Der Forscher definierte den Begriff als Schmerz über den Verlust tröstlicher heimatlicher Geborgenheit. Es ist das Gefühl, sich in seinem eigenen Zuhause nie mehr sicher und geborgen fühlen zu können. Oder in Albrechts Worten: „Umweltzerstörung macht es möglich, Heimweh zu bekommen, ohne die Heimat zu verlassen.“

Er folgerte: „Wenn die Sprache nicht ausreicht, um die Dinge angemessen beschreiben und verstehen zu können, dann müssen wir eben einen Begriff dafür erfinden“ – gerade dann, wenn das Gefühl so intensiv und unverwechselbar ist und weltweit in unterschiedlichsten Zusammenhängen erlebt wird. 2007 fasste Albrecht seine erste Forschung in einem Artikel zusammen: „Solastalgie: Das durch Umweltveränderungen hervorgerufene Leiden“.

Die Psychotherapeutin Katharina Bronswijk, Sprecherin der Psychologists for Future, betont: Klimaangst, Klimadepression und Solastalgie sind mögliche natürliche Reaktionen auf ein strukturelles, nicht individuelles Problem. Den Betroffenen kann dabei helfen, sich immer wieder gezielt positive Gegenbeispiele vor Augen zu führen.

Die beste Prävention ist laut van Bronswijk, klimagerecht zu leben und sich zu engagieren. Gerade für Kinder und Jugendliche, die ein deutlich höheres Risiko für Klimaängste haben als Erwachsene, ist das wichtig. Denn es gibt nicht nur den persönlichen „ökologischen Fußabdruck“, der die Umweltbelastungen misst, sondern auch einen „ökologischen Handabdruck“: die Möglichkeit, durch politisches Handeln aktiv Einfluss zu nehmen. Angst, Schmerz und Sehnsucht können motivieren, sich für den Erhalt der Umwelt einzusetzen.

Konkret gelte es, sich die Frage zu stellen: Was kann ich tun, damit ich mich als wirksam, als selbstwirksam erlebe? Auch Glenn Albrecht glaubt, dass Solastalgie eine zukunftsgerichtete Komponente hat. Man solle Solastalgie benennen, darüber sprechen und sich gegen Umweltzerstörung einsetzen. Nach seiner Überzeugung sind positive „Erd-emotionen“ in allen Menschen als Naturwesen tief verankert – sonst wären wir nicht in der Lage, Solastalgie zu empfinden.

Rund um den Globus ist Solastalgie nicht als Wort, aber als quälendes Gefühl bekannt. Menschen ringen mit den beängstigenden Herausforderungen, die der Verlust einer vertrauten Landschaft mit sich bringt, und mit der komplexen seelischen Belastung, ihr Heimatgefühl unwiderruflich zu verlieren. Ein Wort dafür zu haben, macht die Lage nicht direkt besser – aber greifbarer. Vielleicht hilft es auch einfach zu wissen: Keiner von uns ist mit diesem Schmerz allein.

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