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„Solares Geoengineering könnte vielleicht viel Gutes tun“

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Von: Christoph Müller

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Als Stratosphäre wird die zweite Schicht der Erdatmosphäre bezeichnet.
Als Stratosphäre wird die zweite Schicht der Erdatmosphäre bezeichnet. © Getty Images

Klimaökonom Gernot Wagner über Chancen und Risiko der Idee die Erde durch Dimmen des Sonnenlichts abzukühlen.

Herr Wagner, um die Temperatur der Erde zu senken, könnte man mit Militärjets Partikel in die Luft bomben und so das Sonnenlicht dimmen – solares Geoengineering. Das klingt wahnwitzig, aber Sie fordern in Ihrem neuen Buch, dass die Methoden besser erforscht werden. Warum?

Einerseits, weil es schon so spät ist in Sachen Klimaschutz und so viele Klimaschäden bereits in unsere Emissionspfade eingebacken sind, dass solares Geoengineering vielleicht viel Gutes tun könnte.

Und andererseits?

Andererseits, weil die Methoden so billig sind und so viel bewirken können, dass es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit ist, bis jemand es versucht – unabhängig davon, ob es eine gute Idee ist.

Wie groß wäre der Aufwand, um die Atmosphäre um 0,1 bis 0,2 Grad zu kühlen? Könnte ein Land das alleine machen?

Ja, viele Länder könnten das. Und darum geht es: Aerosole in der Stratosphäre auszubringen ist so billig, dass es Dutzende Länder gibt, deren Haushalt für die Luftwaffe alleine ausreichen würde.

Wenn man solares Geoengineering erforscht, besteht dann nicht die Gefahr, dass weniger für eine Reduktion der Emissionen getan wird?

Das ist vielleicht das größte Risiko überhaupt – nicht nur bei solarem Geoengineering, sondern auch bei Methoden, CO2 wieder aus der Atmosphäre zu holen. Im Fachjargon heißt das moral hazard, moralisches Risiko. Das klassische Beispiel ist eine Versicherung. Sie federt das Risiko ab, und das führt zu riskanterem Verhalten. Bei solarem Geoengineering könnte das ähnlich sein und es könnte als Ausrede dienen, die Emissionen nicht zu reduzieren.

Gibt es internationale Regeln für solares Geoengineering?

Normen ja, aber zielsichere Regeln nicht. Es gibt ein Abkommen zur „friedlichen Nutzung des Weltraums“, aber Expertenmeinungen gehen auseinander, ob das hier anwendbar wäre. Schließlich geht es um eine friedliche Nutzung, auch wenn andere Länder es vielleicht nicht mögen.

Zur Person

Gernot Wagner unterrichtet Klimaökonomie an der New York University. Zuvor war er Co-Chefökonom bei der Umweltorganisation Environmental Defense Fund. Wagner war einer von sechs Autoren des Emissionshandels-Handbuchs der Weltbank. Kürzlich erschien sein fünftes Buch: „Geoengineering: The Gamble“. FR/Bild: privat

Das Unterfangen könnte also zu internationalen Konflikten führen. Mit welchen Folgen für die Umwelt muss man rechnen?

In vielerlei Hinsicht benötigt es viel mehr Forschung, um diese Risiken zu eruieren. Aber ein prominentes Risiko ist etwa die Interaktion von stratosphärischen Aerosolen mit dem Ozon. Das Ozonloch heilt mittlerweile seit Jahrzehnten. Stratosphärische Aerosole könnten den Heilungsprozess verlangsamen. Das wäre ein großes Risiko, das man nicht links liegen lassen darf.

Was passiert, wenn man damit wieder aufhört?

Dann würden die Temperaturen schnell wieder steigen. Das haben wir in den Neunzigerjahren beobachtet. Im Juni 1991 brach der Pinatubo auf den Philippinen aus. Im Sommer 1992 waren deshalb die globalen Temperaturen um ein halbes Grad niedriger, als sie es ohne Vulkanausbruch gewesen wären. Die Aerosole des Vulkans fielen zwölf bis 18 Monate nach dem Ausbruch wieder aus der Stratosphäre und die Temperaturen waren 1993 wieder dieses halbe Grad höher.

Ist solares Geoengineering also eine Möglichkeit, sich Zeit zu kaufen, um die Emissionen tatsächlich auf netto null zu bringen? Anschließend könnte man ja wieder damit aufhören?

Das wäre die rationalste aller möglichen Anwendungen: etwa, um dem Klimawandel am Höhepunkt die Schärfe zu nehmen. Solares Geoengineering ist keinesfalls ein Ersatz für die Reduktion der CO2-Emissionen. Aber bis wir auf netto null kommen, steht tatsächlich noch genug an globaler Erwärmung ins Haus. Solares Geoengineering könnte – könnte – dabei helfen, das Schlimmste zu vermeiden, ehe es wieder heruntergekurbelt wird.

Die Wissenschaftlerin Kate Ricke hat über solares Geoengineering gesagt: „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das nicht gemacht wird, wenn ich mir die wirtschaftlichen Aspekte ansehe.“ Sehen Sie das auch so?

Ja, nicht ob es gemacht wird, sondern wann, ist die Frage. Bei der Reduzierung von CO2-Emissionen sprechen Ökonomen vom free-rider effect, dem Trittbrettfahrer-Effekt. Kein Einzelner hat den Anreiz, genug zu tun, obwohl wir natürlich alle viel mehr tun könnten und müssten. Solares Geoengineering ist so billig und wirkt so schnell, dass es sich aus ökonomischer Sicht genau ums Gegenteil handelt: den free-driver effect. Wenn überhaupt, geht es darum, Länder davon abzuhalten, zu viel zu schnell zu tun.

Zum Abschluss noch eine persönliche Einschätzung: Wird es während Ihres Lebens solares Geoengineering geben oder nicht?

Ich bin jetzt 41. Im Jahr 2050 bin ich 70. Ja.

Interview: Christoph Müller

Gernot Wagner.
Gernot Wagner. © Rose Lincoln photographer

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