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Die weißen Flächen werden immer weniger: Satellitenaufnahme der schmelzenden Gletscher in Grönland.

Klima

Vor uns die Sintflut

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  • Verena Kern
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Der Klimawandel könnte den Meeresspiegel deutlich höher ansteigen lassen als bislang angenommen.

Mitte September wird der Weltklimarat IPCC einen weiteren Sonderbericht vorlegen, diesmal zu den Folgen des Klimawandels für die Ozeane. Ein wichtiges Thema wird dabei die Frage sein, wie stark der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich ansteigen und damit das Leben von Millionen in den Küstenregionen lebenden Menschen gefährden wird.

Nun ist ein Entwurf des Berichts von der japanischen Tageszeitung „The Mainichi“ geleakt worden. Demnach könnte die fortschreitende Erderhitzung zu einem Anstieg des Meeresspiegels um gut 1,3 Meter bis 2100 führen. Diese Prognose geht weit über das hinaus, was der Weltklimarat bislang angenommen hat. In seinem Fünften Sachstandsbericht von 2014 hatte der IPCC einen Anstieg von maximal 98 Zentimetern bis zum Ende des Jahrhunderts vorhergesagt – allerdings als Worst-Case-Szenario.

Damals waren die Wissenschaftler noch von der Stabilität des antarktischen Eises ausgegangen. Neuere Studien, die nun auch in den Sonderbericht einfließen, zeigen jedoch ein anderes Bild. Demnach hat sich der Eisverlust in der Antarktis in den vergangenen 40 Jahren versechsfacht. Auch die Ostantarktis, die bislang als relativ stabil galt, ist betroffen. Ebenso beschleunigt sich die Eisschmelze in Grönland. Die jüngsten Schmelzraten sind höher als in den vergangenen 300 Jahren und damit auf Rekordhöhe.

Eine Studie der University of Melbourne kam Ende 2017 zu dem Ergebnis, dass der Meeresspiegel bis 2100 um 1,32 Meter steigen könnte – falls es nicht gelingt, bis 2050 weltweit aus der Kohlenutzung auszusteigen.

Eine ganz ähnliche Zahl – nämlich 1,33 Meter Anstieg verglichen mit dem Durchschnitt des Zeitraums von 1986 bis 2005 – dürfte laut dem geleakten Entwurf auch in dem IPCC-Sonderbericht auftauchen. Das wäre ein „signifikant höherer“ Wert als in früheren Berichten, zitiert die Zeitung aus dem Entwurf.

Zudem werden laut Berichtsentwurf Hitzewellen in den Ozeanen häufiger auftreten und die maritimen Ökosysteme „an die Grenzen ihrer Widerstandsfähigkeit“ bringen. Eine Nature-Studie aus dem vergangenen Jahr hatte beispielsweise ergeben, dass Hitzeereignisse im Meer heute schon doppelt so wahrscheinlich sind wie vor 35 Jahren.

Höhere Temperaturen in den Ozeanen und an der Meeresoberfläche können zudem dazu beitragen, dass es mehr regnet, mehr stürmt und die Wellen höher werden. Kürzlich erst hatte ein australischer Regierungsbericht gezeigt, dass die Wellenenergie proportional zur Oberflächentemperatur zunimmt. Die Folge ist eine zunehmende Küstenerosion.

Laut IPCC-Entwurf nimmt die Versauerung der Meere durch die steigende Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre weiter zu. Auch die sogenannten Todeszonen weiten sich aus, also Regionen, in denen der Sauerstoffgehalt des Wassers so niedrig ist, dass dort kein Leben mehr möglich ist.

Der endgültige Entwurf des Sonderberichts wird für Anfang Juni erwartet.

Eisschmelze und und Extremwetter

Wenn die Polkappen schmelzen, hat das nicht nur Folgen für den Meeresspiegel: Ein internationales Forscherteam hat mithilfe von neuesten Satellitenbeobachtungen und Klimamodellen untersucht, welche Folgen eine Erwärmung um vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts für die Wasserzirkulation der Meere hat. Die Ergebnisse der Studie zeigen eine ganze Reihe von destabilisierenden Effekten durch die Eisschmelze.

Es könnte zu einer Abschwächung der atlantischen meridionalen Umwälzbewegung kommten, was wiederum zu einem dauerhaften Kälteeinbruch in Europa führen könnte. In Zentralamerika, Ostkanada und in der Arktis könnten hingegen die Temperaturen dadurch steigen. Die Forscher errechneten, dass sich die Stärke des Zirkulationssystems im Verlauf der zweiten Hälfte des Jahrhunderts um 15 Prozent abschwächen wird. Landläufig sprechen wir vom Golfstrom, der aber nur einen Teil der atlantischen Umwälzbewegung ausmacht.

Die Forscher machen auch auf einen Effekt in der Antarktis aufmerksam, der durch die Eisschmelze entsteht: Weil das Schmelzwasser eine geringere Dichte als das Salzwasser im Meer aufweist, könnte es sich wie ein Überzug über das Meer legen und die Wärme darunter konservieren.

Die Folge: Die unteren Wasserschichten könnten sich stärker aufheizen und das Antarktis-Eis umso schneller zum Abschmelzen bringen. Das aber hätte weitere Folgen – beispielsweise würden die jährlichen Temperaturschwankungen zunehmen und zwar um bis zu 50 Prozent bis Ende des Jahrhunderts, wenn die Welt weiter so viel Treibhausgase wie heute ausstößt. Das würde wiederum Extremwetterereignisse begünstigen – etwa häufigere und stärkere Hitzewellen. bb, vk

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