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Weltweit tummeln sich wieder mehr Libellen am Wasser als noch vor zehn Jahren.

Insekten

Es sind wieder mehr Libellen unterwegs

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Eine Analyse zur Situation von Insekten stellt unterschiedliche Entwicklungen am Wasser und auf dem Land fest.

Dass es immer weniger Insekten gibt, haben Wissenschaftler schon länger beobachtet. Seit der „Krefelder Studie“ von 2018 ist das auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Die Untersuchung des Entomologischen Vereins Krefeld hatte bei den fliegenden Insekten einen dramatischen Rückgang um mehr als 75 Prozent seit den 1980er Jahren konstatiert und damit für Schlagzeilen gesorgt. Allerdings hatten die Mitglieder für ihre Arbeit allein die flugfähigen Tiere wie Schmetterlinge oder Bienen betrachtet und sich dabei auf Naturschutzgebiete im Raum Krefeld konzentriert. Insgesamt leben laut dem Naturschutzbund Nabu allein in Deutschland rund 30 000 Insektenarten.

Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), eines Konsortiums aus elf Universitäten und Forschungseinrichtungen, haben sich für eine großangelegte Arbeit nun 166 Langzeitstudien angeschaut, die sich mit der Situation der Insekten an fast 1700 Standorten in 41 Ländern beschäftigten. Naturschutzgebiete gehörten ebenso dazu wie nicht geschützte Areale. Die ausgewerteten Daten umfassten den Zeitraum zwischen 1925 und 2018.

Schmetterlinge – hier ein Bläuling – sind zurückgegangen

Die im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Metaanalyse zeigt einen durchschnittlichen Rückgang von knapp neun Prozent pro Jahrzehnt bei den auf dem Land lebenden Insekten – ein Wert, der zwar unter dem bisheriger Studien liegt, aber ebenfalls einen deutlichen Abwärtstrend bezeugt. Die Lage war jedoch nicht bei allen Arten gleich schlecht: So stellten die Forscher fest, dass die Zahl der in Bäumen lebenden Insekten nahezu stabil blieb, während es auf dem Boden, in Bodennähe und in der Luft heute weniger summt, kriecht und krabbelt als noch vor Jahrzehnten. Zu den Verlieren gehören unter anderem Schmetterlinge, Bienen, Heuschrecken, Ameisen und Käfer. Insgesamt war der Rückgang von landlebenden Insekten in Nordamerika und Europa am stärksten. Das zeige, das wir in Europa derzeit ein „akutes Problem“ mit dem Rückgang von Insekten haben, sagt Kathrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums in Frankfurt, die selbst nicht an der Studie beteiligt war.

Überraschend allerdings ein weiteres Ergebnis der Metaanalyse: Demnach legten die Süßwasserinsekten parallel zum Rückgang ihrer Verwandten auf dem Land und in der Luft um fast elf Prozent pro Jahrzehnt zu. Allerdings existieren erhebliche regionale Unterschiede, teilweise sogar zwischen Standorten, die nahe beieinander liegen. Zu den Tieren, bei denen es einen positiven Trend gibt, gehören unter anderem Libellen, Köcherfliegen und Steinfliegen.

Die Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung haben sich auch Gedanken darüber gemacht, wie sich die beobachteten Entwicklungen erklären lassen. So sehen sie beim Rückgang der landlebenden Insekten – wenig verwunderlich – einen Zusammenhang mit intensiver Landnutzung – allerdings nicht unbedingt mit der Landwirtschaft. So nahmen die Insekten in Gebieten, wo schon lange Nutzpflanzen wie Raps oder Mais angebaut werden, weniger stark ab als dort, wo Flächen versiegelt wurden. „Eine Aussage, wie weit die Landwirtschaft am Insektenrückgang beteiligt ist, kann diese Studie nicht geben“, sagt Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutze und Landschaftsökologie an der Universität Freiburg in einem Kommentar zur Studie.

Auch einen Einfluss des Klimawandels auf das Schwinden mancher Insektenarten konnten die Wissenschaftler nicht erkennen.

Dass sich an vielen Bächen, Flüssen und Seen wieder mehr Insekten tummeln, könnte sich nach Ansicht der Forscher mit der vielerorts verbesserten Wasserqualität durch strengere Gesetze zum Wasserschutz erklären lassen. Hier sei es in den letzten Jahrzehnten zu einem „Umdenken“ gekommen, sagt Axel Hochkirch, Professor für Naturschutzbiologie an der Universität Trier und Vorsitzender des Komitees zum Schutz wirbelloser Tiere des Weltnaturschutzverbandes. „Vor mehr als 50 Jahren hat man in Deutschland zahlreiche Fließgewässer begradigt und kanalisiert. Zudem waren viele Gewässer sehr stark mit Giften belastet. In der Folge haben wir viele Süßwasserarten verloren.“ Das habe sich geändert, Kläranlagen seien gebaut und Fließgewässer zunehmend renaturiert worden. „In der Folge haben sich zahlreiche früher gefährdete Arten wieder erholt“. Als Beispiel dafür nennt der Biologe die Asiatische Keiljungfer, eine Libellenart, die noch in den 1980er Jahren in Westdeutschland als ausgestorben galt und sich inzwischen erholt hat.

„Umweltschutz wirkt“, erklärt auch Nadja Simons vom Fachbereich Biologie der Technischen Universität Darmstadt. Um gezielt Maßnahmen zum Schutz von Insekten entwickeln zu können, benötige man aber dringend „ein flächendeckendes und standardisiertes Monitoring, um lokale Einflussfaktoren zu identifizieren und die Wirksamkeit unterschiedlicher Schutzmaßnahmen bewerten zu können“. Denn weiterhin gebe es „keinen Hinweis auf einen einzigen global wirkenden Grund für den Rückgang der Insekten“.

Die Zunahme der Insekten in Gewässern könne den Verlust an Land nicht kompensieren, da es dort um viel größere Flächen ginge, sagt Axel Hochkirch, der wie Nadja Simons nicht an der Studie mitgearbeitet hat. Er vermutet zudem, dass sich die Lage der Insekten bei stehenden Gewässern nicht so gut entwickelt hat wie die an Flüssen und Bächen. In der Analyse wurden sie nicht getrennt betrachtet.

Dass es Insekten an Gewässern durchaus nicht überall gut geht, belegt eine aktuelle Studie des Senckenberg Forschungsinstituts Frankfurt und der Ludwig-Maximilian-Universität München (LMU). Über mehr als 42 Jahre hinweg wurden dafür aus dem Breitenbach einmal in der Woche Insektenproben genommen. Der Breitenbach liegt in einem 610 Hektar großen Naturschutzgebiet im osthessischen Bergland und ist ein typischer kleiner Mittelgebirgsbach. „Es gibt wohl weltweit kein anderes Fließgewässer, das so lange und in dieser Häufigkeit beprobt wurde“, sagt Peter Hasse, Abteilungsleiter „Fließwasserökologie und Naturschutzforschung“ am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Die Daten dieser Studie zeigen, dass die reine Zahl der Wasserinsekten am Breitenbach in den letzten 42 Jahren um 81,6 Prozent gesunken, die Artenvielfalt hingegen leicht gewachsen ist.

Dieses Forscherteam führt die beobachtete Entwicklung auf den globalen Klimawandel zurück. Das Argument: Der Breitenbach liege in einem großen Naturschutzgebiet und somit fernab von direkten menschlichen Einflüssen, wie Viktor Baranov von der LMU erläutert. Zwischen 1969 und 2010 stiegt die durchschnittlicher Wassertemperatur im Breitenbach um 1,8 Grad an.

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