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„Klare Regeln dienen dem Wohl aller Beteiligten.“

Kindesmissbrauch

„Sexualisierte Gewalt erschüttert das ganze System“

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Medizinethiker Mathias Wirth fordert nach dem Kindesmissbrauchsverdacht am Universitätsklinikum des Saarlandes einen Verhaltenskodex.

Mathias Wirth, Jahrgang 1984, ist Juniorprofessor und leitet die Abteilung Ethik an der theologischen Fakultät der Universität Bern. Er befasst sich in seiner Forschung unter anderem mit Medizinethik. Über das Thema sexualisierte Gewalt, auch in kirchlichen Kontexten, hat Wirth mehrere Studien veröffentlicht.

Herr Professor Wirth, wenn Kinder und Jugendliche in allen Kontexten mit einem Machtgefälle Opfer sexuellen Missbrauchs werden – kann es dann überraschen, dass das auch im Krankenhaus passiert, wie in dem nun bekanntgeworden Fall am Universitätsklinikum des Saarlands?
Nein, nur war das Krankenhaus oder das medizinische Setting bislang kaum im Blick der Öffentlichkeit, obwohl es einen spezifischen, besonders körpernahen Rahmen bietet, in dem sexualisierte Gewalt möglich wird.

Welchen Rahmen?
Im klinischen Kontext gelten bestimmte Verhaltensweisen als medizinisch normal oder sogar als notwendig, die andernorts von vornherein Misstrauen erwecken würden: das Berühren der Geschlechtsteile oder das Eindringen in ano-genitale Körperöffnungen. Ein Zäpfchen, eine Salbe, ein Thermometer, der Finger können natürlich medizinisch sinnvoll eingesetzt sein. Sie können aber auch Teil einer Vergewaltigung sein. Und wenn es im medizinischen Kontext dazu kommt, ist die Gewalt einerseits besonders massiv, bleibt aber andererseits oft unbemerkt. Zudem begünstigt ein in der Medizin üblicher Paternalismus sexualisierte Gewalt.

Paternalismus?
Alle Fürsorge-Beziehungen haben paternalistische Anteile. Das heißt: Es handelt jemand für einen anderen oder an ihm „zu dessen Besten“, weil der Betreffende – so die Annahme – es nicht selber kann oder es nicht besser weiß. Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist dafür klassisch. Hinzu kommt noch der Nimbus erhöhter Autorität des medizinischen Personals, nicht nur fachlich, sondern auch moralisch: Ärztinnen und Ärzte, genau wie Pflegende, handeln doch gut und aus Fürsorge. Das macht es dann umso schwerer, überhaupt Zweifel zuzulassen, ob ein bestimmtes Handeln legitim war oder nicht.

Wie das?
Es gibt aus den wenigen gut dokumentierten Fällen eine – wie ich finde – besonders erschütternde Erkenntnis: Zu 90 Prozent konnten die Täter sexualisierte Gewalt ausüben, obwohl Dritte dabei waren. Das ging zum Beispiel mit dem Zäpfchen los, dessen Vergabe nicht indiziert war. Oder es wurden medizinische Geräte in Scheide oder Anus eingeführt, obwohl das nicht medizinisch nicht nötig gewesen wäre. Auch Untersuchungen mit den Fingern fanden unter den Augen der Eltern oder von medizinischem Personal statt. Das galt zunächst als ganz normal. Erst als sich das mehrte, haben Kolleginnen oder Kollegen Verdacht geschöpft. In einem anderen, aktuellen Fall, den mein Kollege Heinz-Peter Schmiedebach und ich in unserer Studie zum Thema diskutiert haben, war es die Oma eines Jungen, die sich wunderte, warum ihr Enkel vor den Augen des Behandelnden an seinem Genital manipulieren sollte. Das zeigt: Obwohl das Risiko solcher Formen sexualisierter Gewalt im klinischen Kontext existiert, rechnet kaum jemand auch nur mit der Möglichkeit.

Medizinethiker Mathias Wirth.

Am wenigsten die Kinder und Jugendlichen?
Kinder, die zum Arzt oder ins Krankenhaus kommen, werden an körpernahe Untersuchungen gewöhnt und rechnen im Zweifel sogar damit, dass ihr Wille im Zweifelsfall übergangen wird; dass das medizinische Personal Dinge tut, die ihnen unangenehm oder zuwider sind. Diese Art Gewaltgewöhnung führt dazu, dass sexualisierte Gewalt ausgeübt werden kann, ohne dass sie als solche leicht erkannt wird. Umso wichtiger ist es, bekannt gewordene Fälle nicht als exotische Randerscheinungen abzutun. Das sind sie nicht. Ich erinnere an den letzten großen Fall in Deutschland 2015 in Augsburg. Das „British Medical Journal“ listet jährlich eine ganze Reihe von Vorkommnissen auf. Das sind natürlich nur die Fälle, die zur Anzeige gebracht und an die Ärztekammern gegeben wurden. Die Dunkelziffer gerade auch im medizinischen Kontext dürfte enorm sein, zumal Täterinnen und Täter alles dafür tun, mit ambivalenten Handlungen die Wahrnehmung Betroffener und des Umfelds zu irritieren, so dass diese dann schweigen.

Welche Gegenstrategien empfehlen Sie?
Allgemein gilt, was wir aus anderen Kontexten an Lernerfahrung mitgenommen haben: Man muss sexualisierte Gewalt zunächst und vor allem überhaupt für möglich halten; man muss damit rechnen, dass sie auch an Orten vorkommt, die wir gemeinhin für sicher halten oder gehalten hätten: Schulen, Kirchen – und eben auch Krankenhäuser. Konkret bezogen auf Situationen wie die jetzt bekannt gewordene an der Universitätsklinik des Saarlands: Es braucht einen ganz klaren, präzisen Code of Conduct für kinder- und jugendmedizinische Einrichtungen.

Was sollte in solch einem Verhaltenskodex stehen?
Es muss darin präzise geregelt sein, wie Patientinnen und Patienten untersucht werden dürfen: Wann und wie finden ano-genitale Untersuchungen überhaupt statt? Welche präzisen, eng gefassten Indikationen gibt es für solche Eingriffe an den Geschlechtsteilen oder am After? Findet eine Aufklärung über das Warum und das Wie statt? Wer ist bei der Untersuchung dabei? Wurde der Wille des Kinds oder des Jugendlichen ermittelt? Das festzulegen ist wichtig, damit nicht „im Eifer des Gefechts“ mal schnell irgendwas im Genitalbereich von Kindern und Jugendlichen getan wird und damit sinnvolle, medizinisch angezeigte Maßnahmen nicht ins Zwielicht geraten.

Ein Verhaltenskodex richtet sich an die medizinischen Profis. Was sollten zum Beispiel Eltern damit anfangen können?
Natürlich sollen Eltern, die ihre Kinder zum Arzt begleiten, nicht vorher seitenweise Regeln lesen oder gar im Kopf haben müssen. Aber sowohl mit Blick auf die Kinder als auch mit Blick auf die Prävention sollte eine ano-genitale Untersuchung nicht als Lappalie abgetan werden. Eine Aufklärung sollte selbstverständlich sein. Es muss für alle Beteiligten transparent sein, was geschieht und warum. Die US-Fachgesellschaft „American Academy of Pediatrics“ hat dazu längst entsprechende Regeln veröffentlicht. Die Liste ist im Übrigen gar nicht so umfangreich oder so kompliziert, dass medizinische Laien sie nicht verstehen könnten.

Was steht denn auf dieser Liste?
Kein Austausch privater Mediendaten zwischen Arzt und Patient zum Beispiel. Oder Ausschluss routinemäßiger intravaginaler Untersuchungen bei Patientinnen, die jünger als 21 sind. Handschuhpflicht bei allen intimen Untersuchungen. Jedes Krankenhaus würde ein wichtiges positives Signal nach innen und außen senden, wenn es so etwas auch hätte und das auch kommunizieren würde. Klare Regeln dienen dem Wohl aller Beteiligten – nicht zuletzt auch dem Schutz des medizinischen Personals. In Deutschland gibt es sie aber bislang kaum. Und hier schließt sich der Kreis. Jeder Fall sexualisierter Gewalt im medizinischen Kontext ist nicht nur etwas individuell Furchtbares, in vielen Fällen Traumatisierendes, und ein schwerwiegender Vertrauensbruch, sondern eben auch eine Erschütterung des ganzen Systems, das auf Vertrauen und höchsten normativen Ansprüchen beruht.

Interview: Joachim Frank

Der Skandal

Am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) soll ein inzwischen verstorbener Assistenzarzt über Jahre hinweg Kinder sexuell missbraucht haben. Acht Jahre nach einem ersten Missbrauchsverdacht gegen den Arzt in der Kinderpsychiatrie in Homburg sollen nun die möglichen Opfer und deren Eltern informiert werden, teilte das UKS mit. Über den Skandal hatte zuerst das ARD-Magazin „Monitor“ berichtet. Demnach soll der 2016 gestorbene Assistenzarzt zwischen 2010 und 2014 in mindestens 30 Fällen medizinisch unnötige Behandlungen im Intimbereich von Kindern im Alter von vier bis zwölf Jahren vorgenommen haben.

Das UKS erstattete Ende 2014 Strafanzeige und kündigte dem Arzt fristlos. Da er 2016 starb, mussten die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eingestellt werden. Das UKS und die Staatsanwaltschaft hatten damals entschieden, möglicherweise betroffene Patienten nicht über den Verdacht zu informieren. Das Homburger Klinikum hatte damals die Staatskanzlei in Saarbrücken als Rechtsaufsicht nicht informiert. Medienberichten zufolge wurde allerdings das Justizministerium von der Staatsanwaltschaft benachrichtigt. Der Justizausschuss im saarländischen Landtag wollte sich am Donnerstag zu dem Sachverhalt berichten lassen.

Nach weiteren Hinweisen weitet das UKS den Untersuchungszeitraum aus: „Der Beschuldigte studierte ab 2003 Humanmedizin an der Universität des Saarlandes in Homburg, der klinische Abschnitt seines Studiums begann Ende 2005.“ . Zudem habe der Ärztliche Direktor Wolfgang Reith eine Taskforce eingesetzt, die die Konzepte des Kinderschutzes am Klinikum evaluieren und optimieren solle. Dabei werde ein externer Gutachter beauftragt und beteiligt. (epd)

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