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50 Jahre Mondlandung

Science Fiction

Science Fiction: Das Kino hinter dem Horizont des Mondes

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Solange die Menschen Filme drehen, so lange träumen sie von den Weiten des Weltraums.

Als Apollo 8 am 24. Dezember 1968 um den Mond herumschwang und Astronaut Bill Anders auf den Auslöser einer mit Buntfilm geladenen Hasselblad-500-Kamera drückte, da erhielt die Menschheit mit einem Klick die visuelle Repräsentation des Wettlaufs zum Mond, das optische Maß, an dem diese erste Ära der menschlichen Raumfahrt fortan gemessen werden sollte – und die fast nebenbei noch die Entwicklung der weltweiten ökologischen Bewegung beförderte.

Das Foto „Earthrise“, der Aufgang der Erde über dem Mondhorizont, konnte etwas mehr als ein halbes Jahr später nur durch ein Medium – und ein Ereignis – übertroffen werden: bewegten Zelluloid-Film, beziehungsweise Magnetaufzeichnungen fürs Fernsehen. Und der so zur Erde übermittelte Ausstieg der Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin aus der Mondlandefähre „Eagle“ am 20. Juli 1969.

Die Erde hatte ihren Platz im kosmischen Bewusstsein der Menschen gefunden. Wie sollte man da noch den kaum mehr als ein Jahrzehnt jungen, nun scheinbar ausgeträumten Traum vom Vorstoß ins All noch visuell übertreffen?

Das bedrohlich Unbekannte

In den 50er Jahren hatte der Weltraum als das bedrohlich Unbekannte herhalten müssen. In Filmen wie Christian Nybys „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1951) und der H.-G.-Wells-Adaption „Kampf der Welten“ (1953) durch Byron Haskin standen die unmenschlich Fremden ein für die den freien Westen bedrängenden Kommunisten.

In dieser Ära der von dem verhaltensauffälligen US-Senator Joe McCarthy ausgelösten „Hatz auf alle Roten“ ragen dann Streifen wie der ausnehmend pazifistische „Der Tag, an dem die Erde stillstand“, 1951 von Robert Wise gedreht, und Fred M. Wilcox’ 1956 geschaffener „Alarm im Weltall“ (Shakespeares „Tempest“ stand hier Pate) als heute noch berückende Appelle an Empathie und Vernunft. Aber der Mond ...? Den hatten die Science-Fiction-Filmer schon in den 50ern lange hinter sich gelassen.

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Man wusste ja auch, dass beispielsweise der in Fritz Langs Klassiker von 1928/1929, „Frau im Mond“, dargestellte Raumflug zum Erdtrabanten nur dank der Unterstützung durch den Raketenpionier Hermann Oberth Substanz erlangt hatte. Erzählerisch blieb der Streifen jener in sich stimmige Mix aus dramaturgisch flachbrüstigem Stuss und pompös lächerlichem Post-Expressionismus. Immerhin lässt sich dem Drehbuch der späteren Nazi-Autorin Thea von Harbou der programmatische Raumforscher-Satz „Es gibt für den menschlichen Geist kein Niemals, höchstens ein Noch nicht“ abgewinnen. Und dass in Langs Film-Crew ein Gymnasiast namens Wernher von Braun sich an echten Raketenflug-Experimenten hatte beteiligen können, war auch nicht von Nachteil für die spätere – zivile – Raumfahrt.

Katastrophe vorweggenommen

Der vielleicht letzte anspruchsvolle Film der Apollo-Ära (bevor das Raumschiff Enterprise sich für drei TV-Staffeln daran machte, Erde und Mond ganz weit hinter sich zu lassen – „to boldly go where no man has gone before“) war John Sturges’ „Verschollen im Weltraum“ von 1969, der die Beinahe-Katastrophe von Apollo 13 ein knappes Jahr vorwegnahm.

Brillierte in „Verschollen“ Gregory Peck noch als hin- und hergerissener Nasa-Chef, lieferte Tom Hanks 26 Jahre später in der teils abenteuerlich freien Dramatisierung der Geschehnisse des tatsächlichen Katastrophenfluges von „Apollo 13“ eine eher schwächelnde Leistung. Aber egal: Der Streifen erweckte in Hanks das einstmals von Apollo begeisterte Kind Tom zu neuem Leben. Drei Jahre später, 1998, präsentierte Hanks als Produzent und Moderator die grandiose Fernseh-Miniserie „Von der Erde zum Mond“. Darin verwandeln Hanks und seine Mitstreiter das wohl beeindruckendste Apollo-Buch, „A Man On The Moon“ von Andrew Chaikin, zu einem technisch wie dramaturgisch klugen und feinsinnigen Epos, dem nichts fehlt an Vielfalt, Intelligenz und spielerischer Brillanz.

Hanks’ Pathos und Idealismus, die jeden träumenden Menschen zum Raumfahrer machen mussten, nahm dann erst 2014 der Ausnahmeregisseur Christopher Nolan in seinem epochalen „Interstellar“ wieder auf. Und beförderte – mit Unterstützung durch den Physiktheoretiker Kip Thorne – die Menschheit weiter als jedes andere Kino-Raumschiff: über den Ereignishorizont eines Schwarzen Loches, dorthin, wo es keine kausalen Zusammenhänge mehr gibt.

Neue Kausalität über Raum und Zeit hinweg

Anstatt aber dort eine nervige Drogenoper à la Kubricks „2001“ neu zu inszenieren, ersinnt Nolan massenhaft neue Kausalität, über Raum und Zeit hinweg. Kausalität, die einem das Hirn wegsprengt und das Herz auf Universumsgröße anwachsen lässt. Das ist kein Film für Popcorn. Als Boni hat „Interstellar“ für alle Zweifler am Apollo-Programm eine korrekt rüde Geste parat und er lässt den einmaligen Michael Caine die Parole des 21. Jahrhunderts deklamieren: „Die Menschheit wurde auf der Erde geboren, Sie muss deshalb nicht dort sterben.“

Fast so idealistisch ist die 2017 gestartete französische TV-Serie „Missions“ von Julien Lacombe. Darin bringen bei den ersten Expeditionen zum Mars die Astronautinnen und Astronauten alle ihre Egoismen, Kleingeistereien und andere Verfehlungen mit. Um diesem allzu Menschlichen Herr zu werden, braucht es da schon ein fremdes Wesen in der Gestalt des ersten Todesopfers der Raumfahrt, die des sowjetischen Kosmonauten Wladimir Komarow (24. April 1967), der den Mars-Erforschern einschärft: „Sie müssen sich an die Vergangenheit erinnern, um über die Zukunft nachdenken zu können!“ Das klingt nach mehr als nur nach einem geschickten Verweis auf „Der Tag, an dem die Erde stillstand“, in dem ein Außerirdischer der Menschheit an der Schwelle zum Nukleartod heimleuchtet.

Alle diese erwähnten Fiktionen sind immer aufs Neue sehenswert. Und doch werden sie alle verblassen – wenn Menschen auf den Mond zurückkehren und neue Bilder von dort zur Erde senden.

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