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Dieses mit Wollgras bewachsene Moor in den Alpen ist noch intakt.

Lebensräume

Das Schwinden der Moore

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Forscher veröffentlichen eine „Rote Liste“ der bedrohten Lebensräume von Tieren und Pflanzen in Europa. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Moore sind nicht nur ökologisch besonders wertvoll, sie haben auch eine wichtige Funktion im Klimasystem – als große Speicher für das Treibhausgas Kohlendioxid. Doch ausgerechnet sie sind in Europa am stärksten gefährdet von allen ökologischen Lebensräumen. Drei Viertel der Moore gelten laut einer neuen Roten Liste zu den Biotopen als bedroht. Dramatisch ist danach auch die Lage bei den artenreichen Wiesen sowie von Seen-, Fluss- und Küsten-Biotopen. Von diesen sind jeweils 50 Prozent durch Eingriffe des Menschen – wie Intensiv-Landwirtschaft oder Zerschneidung – gefährdet.

In der Öffentlichkeit sind besonders die Roten Listen von Tier- und Pflanzenarten bekannt, die für die globale Situation von der Welt-Naturschutz-Organisation (IUCN) in Genf und speziell für Deutschland vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn turnusmäßig herausgegeben werden. Sie zeigen an, welche Spezies besonders gefährdet, selten geworden oder sogar vom Aussterben bedroht sind. Wie es um die Gefährdung ganzer Lebensräume bestellt ist, stand bislang jedoch viel weniger im Fokus der Wissenschaft.

Ein internationales Forscherteam hat nun erstmals eine europäische Rote Liste veröffentlicht, in der der Zustand von 490 Lebensräumen in 35 Ländern bewertet wurde. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Insgesamt sind trotz eingeleiteter Schutzmaßnahmen bereits mehr als ein Drittel aller Lebensräume gefährdet.

Als Hauptursachen der sich verschlechternden Lebensbedingungen von Tier- und Pflanzenarten gelten vor allem eine zu intensive Landnutzung, eine übermäßige Düngung, die Überbauung von Flächen und der Klimawandel. Folge sind die immer länger werdenden Roten Listen. „Wie es um die Gefährdungssituation ganzer Lebensräume und der in ihnen vorkommenden Artengemeinschaften bestellt ist, ist jedoch viel schlechter erforscht“, erläutert der Biologe Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien, einer der Studienautoren. An der Erstellung der neuen Rote Liste waren insgesamt rund 300 Forscher beteiligt.

Es gab auch Lichtblicke

Biotope wie Moore, artenreiche Magerwiesen, naturnahe Laubwälder und Gebirgslebensräume bieten einer jeweils angepassten Artengemeinschaft die geeigneten Lebensbedingungen. Sie stellen das „ökologische Rückgrat“ der biologischen Vielfalt dar. Verändern sich die Rahmenbedingungen – zum Beispiel durch zu hohe Nährstoff-Einträge, Zerschneidung durch Straßen oder, im Fall der Moore, durch Trockenlegung – hat das negative Auswirkungen auf die Biodiversität.

Durch die Liste sei nun „erstmals schwarz auf weiß belegt, wie es um Gefährdung von Lebensräumen in Europa bestellt ist und wo der größte Handlungsbedarf liegt“, heißt es bei den Autoren. Deutschland zählt zu den Ländern mit der schlechtesten Bilanz. „Hier sind die Natur-Lebensräume besonders stark unter Druck“, urteilt Essl.

Hierzulande hat das BfN zuletzt 2006 eine „Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen“ veröffentlicht. Der Befund ist in der Tat noch dramatischer als in der EU insgesamt. Damals wurden über zwei Drittel (72,5 Prozent) aller vorkommenden Biotoptypen als gefährdet eingestuft. Die Situation hatte sich insgesamt gegenüber der ersten dieser Listen aus dem Jahr 1994 weiter verschlechtert. Es gab aber auch Lichtblicke. So zeigt sich, dass bei vielen Biotoptypen, die in der Vergangenheit ständig zurückgingen, eine Stabilisierung erreicht werden konnte. Für dieses Jahr ist die Vorstellung einer neuen Liste angekündigt.

Die Autoren der Europa-Studie fordern als Konsequenzen aus ihrer Erhebung, die Lebensräume zu stabilisieren. „Das europäische Schutz-Netzwerk ,Natura 2000‘ muss strikter umgesetzt werden“, sagte Essl. Doch das alleine reiche nicht aus. Auch außerhalb von Schutzgebieten solle der Naturschutz gestärkt werden. Konkret: der ungehemmte Flächenverbrauch durch Siedlungs- und Straßenbau müsse reduziert werden, und die Agrarpolitik sei aufgefordert, den Erhalt der Artenvielfalt viel stärker zu berücksichtigen.

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