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Erste Transplantation: Schweineherz war mit einem Virus infiziert

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Von: Pamela Dörhöfer

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Ein Ärzteteam des Universitätsklinikum Maryland transplantierte einem todkranken Patienten am 7. Januar 2022 ein Schweineherz. University Maryland
Ein Ärzteteam des Universitätsklinikums Maryland transplantierte einem todkranken Patienten am 7. Januar 2022 ein Schweineherz. © University Maryland

Forschende untersuche die Todesursache des Mannes, der als erster Mensch ein Tierorgan eingesetzt bekommen hat.

Baltimore – Zwei Monate lebte David Bennett als erster Mensch mit einem Schweineherz. Das Organ war ihm am 7. Januar 2022 von einem Ärzteteam der University of Maryland School of Medicine in Baltimore eingesetzt worden. Doch am 8. März starb der 57-jährige Mann, nachdem sich sein anfangs stabil erscheinender Zustand Tage zuvor verschlechtert hatte.

Nun haben sich Forschende der US-amerikanischen Hochschule dazu geäußert, was die Ursache für den Tod des Patienten gewesen sein könnte. Demnach war das Schweineherz mit einem porzinen Cytomegalovirus (PCMV) infiziert. Porzin bedeutet, dass die Erreger Schweine befallen, es gibt aber auch humane Cytomegaloviren. Diese Gruppen von Viren ist verwandt mit den Herpesviren.

Historischer Eingriff: Erste Transplantation mit einem Tierherzen

Das Viruserbgut in dem verpflanzten Schweineherzen könne zu der plötzlichen Verschlechterung des Zustandes des Patienten rund einen Monat nach der Operation beigetragen haben, räumte der leitende Chirurg Bartley Griffith gegenüber der „New York Times“ ein. Es war das erste Mal, dass einem Menschen das Organ eines Tieres eingesetzt wurde, ein Vorgang, der in der Wissenschaft Xenotransplantation genannt wird. Das Schweineherz war zuvor mehrfach genetisch verändert worden, um eine Abstoßung zu verhindern.

Nachdem Cytomegaloviren in dem transplantierten Organ nachgewiesen wurden, hatte man den Patienten mit drei antiviralen Medikamenten (darunter das HIV-Mittel Cidofovir) und Antikörpern gegen den Erreger behandelt. Die Therapie schlug jedoch nicht an. Laut dem Medizinportal Doccheck sind Viren in Schweineherzen ein bekanntes Risiko bei Xenotransplantationen. Nach Angaben der University of Maryland School of Medicine in Baltimore soll das Schweineherz mehrmals auf Cytomegaloviren untersucht worden sein. Allerdings können sich diese Erreger ähnlich wie Herpesviren als „Schläfer“ im Körper aufhalten. Konrad Fischer, Leiter der Sektion Xenotransplantation an der Technischen Universität München, hält es für gut möglich, dass das Schwein keine akute, sondern eine latente Infektion mit dem Virus hatte.

Patient verstorben: Schweineherz war mit Virus infiziert

Die Infektion sei vor allem eine Gefahr für das Transplantat, erklärt der Mediziner, das hätten auch mehrere Versuche mit Primaten gezeigt. Durch die medikamentöse Unterdrückung des Immunsystems (sie ist nötig, damit das Spenderorgan nicht als körperfremd bekämpft wird), könne dieses die Infektion nicht mehr bekämpfen.

Auch Joachim Denner, Leiter der Arbeitsgruppe Virussicherheit der Xenotransplantation am Institut für Virologie der Freien Universität Berlin, geht davon aus, dass das Virus sich nach der Transplantation im Schweineherz „ungezügelt vermehren“ konnte, „da es nicht mehr vom Immunsystem des Schweins in Schach gehalten wurde“. Unglücklicherweise sei das Virus zudem erst nach 20 Tagen im Patienten entdeckt und aufgrund geringer Mengen zunächst „nicht ernst genommen worden“. Erst nach weiteren zehn Tagen habe der Bestätigungstest vorgelegen.

Mensch mit Schweineherz: Eingriff verlief erst gut, dann Tod des Patienten aufgrund eines Virus

Beide Wissenschaftler fordern deshalb, künftig vor solchen Transplantationen genauere Tests anzuwenden – wie sie in Deutschland bereits etabliert seien. Mit dieser Nachweisstrategie hätte sich der Vorfall vermeiden lassen, vermutet Joachim Denner. Konrad Fischer mahnt zudem an, bei der Haltung und Zucht der Tiere für eine Xenotransplantation die Möglichkeit einer Infektion mit Cytomegaloviren „grundsätzlich“ zu verhindern. Übertragen würden die Erreger von der Muttersau auf die Ferkel vor allem über Nasensekrete und Speichel. Würden die Ferkel kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt, ließen sich Infektionen unterbinden, außerdem müssten höhere Hygienestandards eingehalten werden.

Joachim Denner betont aber auch, dass trotz des Todes des Patienten die ermutigenden Aspekte nicht übersehen werden sollten. So hätten sich die gentechnischen Modifikationen, die eine Abstoßung verhindern sollen, bewährt. Immerhin hätte das Herz zwei Monate lang im Empfänger funktioniert: „Wem dieser Zeitpunkt wenig erscheint, der sei daran erinnert, dass der Patient mit der weltweit ersten Transplantation eines menschlichen Herzens lediglich 18 Tage überlebte, der erste Patient in Deutschland sogar nur 27 Stunden.“

Cytomegaloviren sind mit Herpesviren verwandt. Getty
Cytomegaloviren sind mit Herpesviren verwandt. Getty © Getty Images/Stocktrek Images

Trotz Virus in Schweineherz: „Enormer Erfolg“ für die Wissenschaft

Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, bewertet das zweimonatige Überleben Bennetts als „enormen Erfolg und wirklich großen Schritt in der Xenotransplantation“. An diesem Verfahren werde weltweit weiter gearbeitet, „um den eklatanten Mangel an Spenderorganen eines Tages doch mit Schweineorganen zu entlasten und schwerstkranken Menschen eine lebensrettende Organspende und damit eine lebensverlängernde Phase ihres kostbaren Lebens zu ermöglichen“.

In Deutschland forscht ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderter Verbund um den Münchner Herzchirurgen Bruno Reichart seit vielen Jahren an tierexperimentellen Voraussetzungen der klinischen Xenotransplantation. Die bayerische Firma XTransplant will Mini-Schweine der Auckland-Landrasse gentechnisch so modifizieren, dass auch in Deutschland erste klinische Versuche mit Schweineorganen genehmigt werden können. Nach Angaben der Firma könnten die ersten dieser genetisch veränderten Schweine frühestens 2024 für klinische Studien an der Klinik Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München zur Verfügung stehen. (Pamela Dorhöfer)

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