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Immer mehr Plagiatsaffäre Prominenter kommen ans Licht.

Plagiatsäffären

Schummelei aus Bonner Zeiten

Plagiatsjäger decken auch frühere Täuschungsfälle auf - aber über mögliche Konsequenzen für die Kopierer sagt das nichts. Der Fall der Politikberaterin Margarita Mathiopoulos zeigt: Wer bei anderen abschreibt, kann trotzdem Karriere machen.

Von Hermann Horstkotte

Schon vor gut zwanzig Jahren fiel ihre Doktorarbeit auf, weil sie kräftig abgeschrieben hatte. Jetzt behaupten Kritiker gar, rund ein Drittel der ganzen Dissertation sei heimlich kopiert. Schaden aber konnten derlei Mäkeleien der Karrierefrau nicht – bislang.

Mit Skandalen zu leben, ist Margarita Mathiopoulos gewohnt. Als Willy Brandt 1987 die damals 29-Jährige ohne Parteibuch zur SPD-Sprecherin machen wollte, leitete er damit seinen Sturz als Parteivorsitzender ein; für seinen Personalvorschlag war er von Parteigenossen heftig kritisiert worden.

Zwei Jahre später enthüllte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dass Mathiopoulos in ihrer Doktorarbeit zur amerikanischen Geschichte Zitatnachweise schuldig geblieben sei und sich mit fremden Federn geschmückt habe. Die Uni Bonn bestätigte die Vorwürfe im Prinzip, beließ ihr aber trotzdem den Doktorhut. Schließlich ging es (auch) um eine Tochter aus dem Establishment des politischen Bonn, zu dem ebenso ihr hoch angesehener Doktorvater zählte.

Mathiopoulos Senior war ein griechischer Exil-Journalist in der damaligen Bundeshauptstadt, von seinem Heimatland unter der Obristendiktatur der sechziger und siebziger Jahre ausgebürgert, seither Hausfreund von Brandt und anderen Politgrößen.

Gleichzeitig hatte der Zeithistoriker und Doktorvater Karl Dietrich Bracher mit Untersuchungen zur gescheiterten Weimarer Republik und Nazidiktatur die Politologie an der Uni Bonn zu staatstragender Bedeutung geführt. Er bemängelte im Nachhinein zwar die „Arbeitsmethoden“ seiner Doktorandin, sah dadurch aber den „Kern der geistigen Leistung von Frau Mathiopoulos nicht beeinträchtigt“.

Bei der ersten offiziellen Überprüfung der Doktorarbeit waren 1989 rund fünf Prozent von mehr als 300 Druckseiten verdächtig erschienen. Das Internetforum VroniPlag listet seit dieser Woche mehr als hundert Seiten mit unsauberen Anleihen auf. Nicht zuletzt aus der Dissertation des zeitweiligen Ehemanns von Mathiopoulos, Friedbert Pflüger, einst Sprecher von Bundespräsident Richard von Weizsäcker und heute CDU-Bundestagsabgeordneter.
Gegenüber der FR beharrt Mathiopoulos allerdings auf ihrem früheren Freispruch durch ihre Heimathochschule. Die Uni Bonn schweigt bislang zur neuen Beweislage. Sie könnte auch anders handeln. So weist der Münchner Rechtsprofessor und Plagiatsexperte Volker Rieble darauf hin, dass „der arglistig Täuschende überhaupt keinen Vertrauensschutz genießt“, der Doktorhut also nach wie vor zurückgenommen werden könne.

Trotzdem brachte sich Mathiopoulos ohne irgendeinen Karriereknick selbst auf internationalem Parkett ins Spiel. Sie sicherte sich renommierte Posten in Wissenschaft wie Wirtschaft gleichermaßen: sei es als Direktorin für weltweite Kommunikation bei der halbstaatlichen Norddeutschen Landesbank, sei es als Chefberaterin bei einem britischen Rüstungskonzern und Partnerin einer Beratungsfirma für Verteidigung und Energiesicherheit – und nebenher immer mal wieder als Gastprofessorin für Politik an Universitäten im In- und Ausland.

Fummelarbeit für Idealisten

Aber warum überhaupt spielt VroniPlag die alte Geschichte um die Doktorarbeit jetzt noch einmal hoch? Gehen den Jägern nach zu Guttenberg, Koch-Mehrin sowie Bundestags- und Landtagsabgeordneten schlicht die interessanten Plagiatsfälle aus? „Ganz falsch“, erläutert (unter Pseudonym) Martin Klicken, einer der Administratoren. Jeder, der einen Autoren in Verdacht habe, könne bei VroniPlag eine Seite aufmachen und darauf Original und Kopie gegenüberstellen. Der Name des Autors bleibe zunächst unbenannt. Stellten sich zehn Prozent eines Beitrags als abgekupfert heraus, wanderte der Fall mit vollem Namen auf die Hauptseite von VroniPlag.

Im Fall Mathiopoulos wurden noch nicht digitalisierte Quellen von Hand überprüft, so Klicken. Einiges wurde zum automatischen Vergleich auch eingescannt und in eine pdf-Datei umgewandelt. Wer hat so viel Zeit? „Idealisten“, so Klicken. Wer selber Jahre an einer Doktorarbeit geschrieben habe, könne nicht tatenlos zusehen, wenn andere nur kopierten.

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