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Ist das Abi noch ein Qualitätsmerkmal?

Schulnoten

Was ist das Abi noch wert?

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Die Zahl der Abiturienten mit sehr guten Noten steigt. Steckt ein Fehler im System?

Harmut Loos steht seit drei Jahrzehnten im Klassenzimmer, er ist Lehrer. Wenn er an Zensuren denkt, fällt ihm gelegentlich die Börse ein. Dann denkt er an Kurse, die in überhitzten Zeiten stark steigen – bis irgendwann der Crash kommt, weil der gehandelte Wert der Papiere nicht mehr in Einklang steht mit der tatsächlichen Leistung der Unternehmen.

Loos sagt: „Es kann ja nicht ewig so weitergehen.“ Er sagt aber auch: „Eltern und Schüler haben heute einfach diese Erwartung, dass es immer bessere Noten gibt.“ Das ist eine Erfahrung, die viele Lehrer machen: Die Schüler feilschen um Punkte – im Zweifel haken die Eltern auch nach.

Lehrer Loos ist nicht der einzige, den die guten Zensuren ins Grübeln bringen. Immer mehr Experten warnen vor zu guten Zensuren bei Deutschlands höchstem Schulabschluss und sehen eine regelrechte Noteninflation. Die Frage lautet: Ist das Abitur eigentlich noch etwas wert?

„Die Abiturnoten haben sich – wenn man den Bundesschnitt nimmt – in den vergangenen Jahren permanent verbessert. Das kann so auf Dauer nicht weitergehen“, sagt der Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien, Dieter Brückner, Vertreter von mehr als 2200 Schuldirektoren. Das Abitur dürfe „nicht einfach nur eine Lebensabschnittsbescheinigung sein, sondern muss ein Qualitätsmerkmal bleiben“, fügt er hinzu. Ähnlich hat sich vor kurzem die Vorsitzende des Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, geäußert.

Die Zahlen für die vergangenen zehn Jahre zeigen keinen drastischen, aber einen beständigen Anstieg des Notendurchschnitts der Abiturienten: In Thüringen, wo es die besten Zensuren gibt, hat sich der Schnitt zwischen 2007 und 2017 von 2,33 auf 2,18 verbessert. In Brandenburg bestanden zuletzt allein 245 Schüler ihr Abitur mit der Traumnote 1,0 – vor zehn Jahren waren es noch 125 Schüler. In Niedersachsen, wo die Noten am schlechtesten ausfallen, verbesserte sich der Schnitt innerhalb von zehn Jahren immerhin von 2,71 auf 2,57. Bildungsforscher und Lehrer verweisen darauf, man müsse bei den stetig besseren Ergebnissen zusätzlich im Blick haben, dass zugleich immer größere Teile eines Jahrgangs Abitur machten.

Manch ein Abiturient ist für die Uni nicht vorbereitet

„Die Schüler können und lernen sehr viel“, sagt etwa Kathrin Staniek, Englisch- und Französischlehrerin an einem Gymnasium im niedersächsischen Bad Harzburg. „Es verändert aber natürlich etwas, wenn fast die Hälfte eines Jahrgangs Abitur macht“, fügt die 40-Jährige hinzu. „Wenn man auch schwächere Schüler sehr weit mitzieht, gibt es natürlich eine Tendenz, sie nicht im letzten Moment durchfallen zu lassen.“

Staniek meint, die Empfehlungen der Grundschulen für die Schulwahl sollten in jedem Fall verbindlich sein. „Den Kindern tut auch niemand einen Gefallen, wenn sie sich am Gymnasium nur quälen müssen.“ Im Ergebnis kämen derzeit auch einige an die Uni, „bei denen ich wirklich nicht weiß, wie sie das dort schaffen sollen“, sagt Staniek.

Das ist eine Sicht, die nicht nur viele Lehrerinnen und Lehrer teilen, sondern auch Professoren. Volker Ladenthin, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, ist einer von ihnen. Er hat nach eigenen Angaben etwa 1500 Klausuren systematisch ausgewertet, ebenso 250 Seminararbeiten und Referate. Dazu kommt seine Erfahrung mit regelmäßigen, standardisierten Lehrveranstaltungen.

Ladenthin sagt, es gebe immer noch hervorragende Studenten. Aber es gebe eben mehr Abiturienten als früher, die nicht gut auf die Universität vorbereitet seien. Es gebe „mehr Studierende, die Schwierigkeiten beim einfachen Verstehen theoretischer Texte haben, mehr, die von längeren Texten überfordert sind“. Unter ihnen seien Studenten, „die sehr langsam lesen – und daher die üblichen Textmengen nicht bewältigen können“.

Olaf Köller, Professor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Kiel, glaubt nicht, dass die Abiturnoten das wesentliche Problem sind. Der Mittelwert in den meisten Ländern läge noch immer nahe bei 2,5 – das sei vollkommen in Ordnung. Mit Blick auf die Studierfähigkeit sagt er aber auch, es sei seit langem bekannt, dass es spezielle Probleme im Fach Mathematik gebe. „Viele Abiturientinnen und Abiturienten beherrschen nicht den Stoff, der in der Oberstufe unterrichtet wurde“, sagt er. Die Lösung dafür liege aber nicht in einer Notendiskussion, sondern in der Stärkung des Fachs Mathematik.

Zur einer ausgewogenen Sicht in der Diskussion über Abiturnoten rät bei aller Sorge auch Hartmut Loos, der Lehrer, der bei Notendiskussion gelegentlich an die Börse denkt. Der 60-Jährige ist nicht nur Lehrer, sondern auch Schulleiter im Gymnasium am Kaiserdom in Speyer. Und Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes ist er auch noch.

Einerseits macht Loos keinen Hehl daraus, dass die Bewertung der Leistungen eine andere als früher sei. „In meinem Lateinabitur im Jahr 1977 hatte ich 1,5 Fehler“, berichtet er. „Das war eine 2 plus. Heute wären das 14 Punkte, also eine glatte 1.“

Loos betont aber auch: Es gebe keine einfachen Lösungen, um dem Phänomen immer besserer Noten zu begegnen. Wenn einzelne Schulen sich kategorisch entzögen, schickten die Eltern ihre Kinder anderswo hin. Härtere Noten hätten zudem zwei Nachteile, so Loos. „Erstens würden wir den einen oder anderen aussieben, der später vielleicht doch sehr gut für ein Ingenieurstudium geeignet wäre – weil er dafür eine tolle Begabung hat“, sagt er. „Und zweitens würde der Run auf die Nachhilfeinstitute zunehmen.“

Was die Tendenz zur sehr guten Bewertung angeht, spricht er von einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. „Es gibt Lehrer, die sich besonders laut über die Noteninflation beklagen. Wenn ich denen als Schulleiter mal eine Drei gebe, dann geht die Welt unter“, sagt Loos.

Ist der Trend zu den guten Noten für die Schüler am Ende gar nicht das Problem? Entstehen Schwierigkeiten eher daraus, dass zu wenig Vergleichbarkeit zwischen den Ländern herrscht?

Chef der Pisa-Studie will mehr Vergleichbarkeit

Es gibt zwar einen gemeinsamen Pool an Abituraufgaben, aus dem sich die Länder bedienen können. Aber sie müssen es eben nicht tun. In den Ländern gibt es unterschiedliche Regeln, welche Fächer geprüft werden und wie viele Prüfungen es gibt.

„Es kann nicht angehen, dass es in dem einen Bundesland leichter ist als im anderen – und dann Schüler am Numerus Clausus scheitern, weil sie ein schwierigeres Abitur hatten“, kritisiert der Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien, Dieter Brückner. „Die Länder müssen hier mehr Einheitlichkeit wagen – aus Fairnessgründen und damit letztlich zum Wohl der Schüler.“ Lehrerin Staniek sagt schlicht: „16 Bundesländer, in denen 16 Mal ein verschiedenes Abitur gemacht wird: Das finde ich als Lehrerin wirklich verrückt.“

Mehr Einheitlichkeit würde übrigens nicht unbedingt zu schlechteren Noten führen. Viele Lehrer sagen sogar, das Abitur sei an ihren Schulen einfacher geworden, seit in ihrem Bundesland die Aufgaben zentral aus dem Ministerium gestellt werden – und nicht mehr die Pädagogen selbst Vorschläge einreichten. Das Ministerium könne es sich kaum leisten, dass wegen zu anspruchsvoller Aufgaben an weniger leistungsstarken Schulen plötzlich reihenweise Prüflinge durchfielen. Da würden die Aufgaben lieber eine Nummer leichter gestellt.

Es stellt sich auch die Frage, ob der Vergleich mit früheren Generationen überhaupt etwas bringt. Der Bildungsforscher Rainer Bölling weiß: „Karl Marx hat sein Abitur noch zu Bedingungen gemacht, bei denen heute alle Eltern laut Kindesmisshandlung rufen würden. Er wurde – wie seine Altersgenossen – tagelang schriftlich und mündlich in allen Fächern geprüft. In Latein wurde nicht nur vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt, sondern auch umgekehrt. Mit Aufgaben, die heute der handelsübliche Lateinlehrer nicht mehr bewältigen würde.“ Eine Lösung für heute? Wohl kaum.

Der Chef der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, sagt, es dürfe aus seiner Sicht nicht in erster Linie um eine strengere Bewertung von Abiturleistungen gehen, sondern darum, das Abitur relevanter und vergleichbarer zu machen. Vergleichbarkeit müsse heißen, „dass sich Universitäten, aber auch Unternehmer auf den Wert der Abiturnoten verlassen können“.

In Sachen Relevanz gehe es um Folgendes: „Die moderne Welt belohnt uns nicht mehr allein dafür, was wir wissen – Google weiß ja fast alles –, sondern dafür, was wir mit Wissen tun können“, sagt der OECD-Bildungsdirektor. Könne ein Schüler sich nicht nur Formeln und Gleichungen merken, sondern wie ein Mathematiker denken? Könne er wie ein Historiker denken, verstehe er, wie das Narrativ einer Gesellschaft entstanden ist und sich weiterentwickelt habe?

Aus der Sicht Schleichers sind also weniger die Noten entscheidend, sondern was an erlernten Fähigkeiten hinter ihnen steckt. Hohe Börsenkurse sind ja auch kein Problem – wenn in den Unternehmen echte Substanz vorhanden ist.

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