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Lehrer kritisiert Fixierung auf Noten: „Dieser Stofffetisch, der killt Lernen“

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Die starke Fixierung auf Noten hält Bob Blume für falsch – ihre Aussagekraft sei beschränkt.
Die starke Fixierung auf Noten hält Bob Blume für falsch – ihre Aussagekraft sei beschränkt. (Symbolfoto) © Klaus Vedfelt/Getty Images

Der Lehrer, Blogger und Buchautor Bob Blume fordert, die Schule zu revolutionieren und erklärt, was genau er sich darunter vorstellt.

Er unterrichtet an einem Gymnasium, doch sein Lieblingslehrerzimmer ist im Netz zu finden: Bob Blume ist seit Jahren als „Netzlehrer“ digital aktiv. Nun fordert er in seinem Buch „10 Dinge, die ich an der Schule hasse, und wie wir sie ändern können“ eine Bildungsrevolution. Was er sich genau darunter vorstellt, erklärt Blume im Interview.

Herr Blume, wer Ihnen online folgt, merkt: Sie sind gerne Lehrer. Warum lieben Sie Ihren Job?

Weil es ein unglaublich tolles Gefühl ist zu sehen, wenn Schülerinnen und Schüler Feuer fangen. Dann gibt es eine Art Tippingpoint, an dem alle aktiv werden.

Haben Sie ein Beispiel?

Neulich haben wir in der zehnten Klasse über die Gemeinschaftsrichtlinien von Facebook gesprochen. Daraus ist die Idee entstanden, sich eigene Apps zu überlegen. Die Schülerinnen und Schüler haben so Feuer gefangen, dass sie sogar im Moment der Schulklingel sitzen geblieben sind und bis in die Pause hinein diskutiert haben. Sie haben in Gruppen Apps für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen entwickelt. Das ist doch der Hammer! Diese Möglichkeit, junge Menschen wachsen zu sehen, gibt es in keinem anderen Beruf.

Schule in Zeiten von Corona: „Dieser Stofffetisch, der killt Lernen“

Trotzdem sind Sie frustriert. „10 Dinge, die ich an der Schule hasse, und wie wir sie ändern können“ ist der Titel Ihres Buches. Was genau hassen Sie denn am meisten?

Dass genau das, worüber ich gerade gesprochen habe, keine Priorität hat. In der Corona-Pandemie hat die Politik immer wieder behauptet, die Schülerinnen und Schüler seien ihr wichtig, doch hat sie diese Behauptung nie mit Inhalt gefüllt. Denn wenn dem so wäre, hätte man gesagt: Wir konzentrieren uns jetzt auf die pädagogische Arbeit, auf das Miteinander. Stattdessen ging es darum, Prüfungen zu schreiben und Noten zu vergeben. Dieser Stofffetisch, der killt Lernen.

Das müssen Sie erklären.

Ich kann nicht in der achten Klasse 150 Jahre Geschichte durchpeitschen und gleichzeitig Dinge vertiefen, digitale Medien hinzuziehen und individuell arbeiten. Die Bildungspläne sind einfach zu überladen. Zu Corona-Zeiten gab es den Begriff Kerncurriculum. Da haben wir uns gefragt: Was sind die wichtigsten Dinge, die wir jetzt machen müssen? Und genau das müsste jetzt jedes Fach ernst nehmen und mit einem weinenden Auge die Dinge benennen, auf die wir verzichten könnten.

Was wäre das konkret?

In Deutsch zum Beispiel ist klar, dass Schreiben, Lesen und Sprechen weiterhin gefördert werden muss. Aber muss man in der sechsten Klasse Fabeln lesen? Ich weiß es nicht. Aber es wird eingefordert und natürlich auch gemacht.

Schule: Rückmeldungen sind wichtiger als Noten – sagt ein Lehrer

Noten, Bildungspläne, Stoff, der durchgenommen wird, – das bietet allerdings auch Orientierung.

Trotzdem sage ich, dass Rückmeldungen wichtiger sind als Noten. Und ganz ehrlich: Noten bieten ja auch nur bedingt Orientierung. Jeder weiß doch, dass eine Note vom Lehrer, von der Schule, ja sogar vom Bundesland abhängig ist. Wir tun immer so, als würden diese Zahlen etwas aussagen, in Wirklichkeit aber sagen sie sehr wenig aus – gemessen daran, was alles davon abhängt.

Das Buch

Bob Blume: „10 Dinge, die ich an der Schule hasse“, Mosaik-Verlag, 22 Euro

Was braucht Schule Ihrer Meinung nach noch, damit Sie sie wieder mehr mögen?

Es wird immer wieder das Fach Medienbildung gefordert. Ich finde aber, wir müssen uns stattdessen in allen Fächern damit befassen, was Medien mit uns, den Informationen und der Gesellschaft machen. Als Lehrperson ist es wichtig zu verstehen, wie Themen entstehen und zwar bis hinein ins Konkrete: Wie google ich etwas? Aber jeder Umgang mit einem Kulturzugangsgerät, vom Stift bis zur Tastatur, muss erlernt werden. Und das Erlernen kostet Zeit. Gleichzeitig soll Schule möglichst alles, was in der Gesellschaft schiefläuft, kitten. Etwa Integration, Inklusion oder Digitalisierung. Nur hat all das, was in den vergangenen Jahren dazugekommen ist, keine Auswirkungen auf das, was schon da ist. Es heißt nur: Das macht ihr jetzt auch noch. Und das führt bei vielen Lehrern eben zu Frust.

„Netzlehrer“ fordert: Mehr Kultur und weniger Digitalisierung

Sie sprechen in einem Kapitel von mehr Kultur und weniger Digitalisierung. Das ist eine überraschende Forderung für jemanden, der als digitalaffiner Lehrer in Deutschland bekannt geworden ist. Haben wir Digitalisierung in den Schulen falsch verstanden?

Ich stelle die These auf: Man könnte eine Schule wie 1955 machen, in der alles digital ist. Dann kaufst du ein Whiteboard und stellst dich als Lehrer davor und erzählst 90 Minuten am Stück irgendetwas. Der Unterricht ist dann zwar ganz toll digitalisiert, aber er ändert sich nicht. Wenn ich mehr Kultur und weniger Digitalisierung fordere, geht es um etwas, das junge Leute längst begriffen haben. Es geht um Vernetzung. Ein Beispiel: Wenn ein neues Fifa-Spiel auf den Markt kommt, werden Schüler intrinsisch motiviert, dieses Spiel zu spielen und darin besser zu werden. Sie werden Tutorials gucken, Freunde um Tipps bitten, gemeinsam noch weitere Tutorials suchen. All das kann man unter einem Überbegriff zusammenfassen: Lernen. Und genau das muss in die Schule kommen. Stattdessen aber müssen die Schülerinnen und Schüler in einer Prüfung sechs Stunden lang einen Bogen mit Füller vollschreiben. Das ist eine enorme Diskrepanz. Da muss Schule einfach zeitgemäßer werden.

Wie sieht denn guter Digitalunterricht Ihrer Meinung nach konkret aus?

Nehmen wir das Thema Fabeln. Meine Sechstklässler haben das Thema während des Fernunterrichts auch durchgearbeitet. Allerdings haben sie nicht nur Fabeln gelesen, sie haben sie auch selber geschrieben, gebloggt und sich im Messenger darüber ausgetauscht. Das sind Fähigkeiten, die mehr gefördert werden müssen. Ich spreche von den vier Ks, also Kooperation, Kollaboration, kreative Aktivität und kritisches Denken.

Bob Blume ist Lehrer, Blogger, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er hat Germanistik, Anglistik sowie Geschichte studiert und arbeitet nun an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Daneben schreibt Bob Blume Fachbücher und macht in den sozialen Medien auf Bildungs- themen aufmerksam.
Bob Blume ist Lehrer, Blogger, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er hat Germanistik, Anglistik sowie Geschichte studiert und arbeitet nun an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Daneben schreibt er Fachbücher und macht in den sozialen Medien auf Bildungsthemen aufmerksam. © Thomas Clemens

Ist es die Politik, die das nicht verstanden hat? Oder die Schulleitung, die ein Handyverbot auf dem Schulhof ausspricht?

Beides vermutlich. Es gibt ja bereits gute Konzepte – sie müssen nur mit der Praxis in Einklang gebracht werden. Darum fordere ich: Sprecht mehr mit den erfahrenen Praktikern!

Revolution des Bildungssystem ist am falschen Fokus gescheitert

Noch nie war das Thema Bildung so präsent, wie in der Corona-Pandemie. Woran ist die Revolution des Bildungssystems gescheitert?

Sie ist daran gescheitert, dass der Blick auf Bildung von einem falschen Fokus gelenkt war. Die Bildung stand nicht im Fokus, sondern die Frage, warum wir das, was wir schon immer machen, nicht mitten in einer weltweiten Pandemie weiterhin schaffen.

Sie fordern auch eine andere Haltung zum Thema Bildung. Wie sähe die aus?

Wir brauchen eine Haltung gelebter Fehlerkultur, einer gelebten Lernfreude, statt einer Defizitorientierung. Das Fundamentalste ist, dass Kinder einen Blick dafür bekommen sollen, dass Lernen wunderbar ist. Statt ständig auf Noten, Ziffern und Punkte zu achten, könnten Erwachsene die Kinder fragen: Welche Erkenntnis hast du gewonnen? Eine andere Haltung würde auch implizieren, dass es nicht schlimm ist, wenn ein Kind etwas nicht sofort kann.

Wie können Eltern mehr Vertrauen in Schule fassen?

Wenn man nicht nur dann miteinander spricht, wenn es konflikthaft wird. In der Schule brauchen wir eine präventive Zusammenarbeit mit den Eltern, statt einer Konflikt- und Defizitorientierung. Darum kann ich nur an Eltern appellieren: Schreibt den Lehrern, wenn sich das Kind gefreut hat. Ein Satz, eine Mail – und der Lehrer wird eine Woche motiviert durchs Leben gehen. Und an die Lehrer appelliere ich: Schreibt doch mal, wenn sich ein Kind ganz toll entwickelt hat. Denn auf die Entwicklung muss der Fokus gerichtet werden, nicht auf irgendeine Ziffer. (Interview: Leonie Schulte)

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