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Während der Grundschulzeit Empfehlungen für die Schulkarriere zu geben, hält Bildungsforscher Peter Struck für verfrüht.

Schullaufbahn

Ist Erfolg in der Schule Schicksal? Lehrer prägen ihre Schüler ein Leben lang

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Die Persönlichkeit von Lehrkräften hat einen entscheidenden Einfluss auf die Schullaufbahn - manchmal mit fatalen Folgen. Der Gastbeitrag.

  • Das Schulsystem mit Noten ist ungerecht
  • Kinder lernen besser, wenn sie den Lehrstoff von anderen Kindern vermittelt bekommen
  • Lehrer und Eltern sollten Berater der Kinder sein

Der amerikanische Schriftsteller William Arthur Ward hat einmal formuliert: „Der mittelmäßige Lehrer erzählt, der gute Lehrer erklärt, der bessere Lehrer beweist und der ganz große Lehrer begeistert.“

Ende Januar gibt es wieder einmal Halbjahreszeugnisse, die mit Noten und Texten so manche Familie sorgenvoll mit Versetzungswarnungen bedrohen. Lehrer geben Noten, Lehrer empfehlen Schullaufbahnen oder schreiben sie – wie in Bayern – sogar vor, Lehrer erteilen Abschlüsse oder verweigern sie, Lehrer wenden sich Schülern und oft auch ihren Eltern intensiv zu oder nicht, Lehrer lassen sich bei Schulnot anrufen oder verbitten sich so etwas, Lehrer wählen Unterrichtsformen, die ihre Schüler beim Lernen stärken oder aber schwächen, Lehrer sind charismatisch oder farblos, Lehrer sind gerecht oder haben Lieblinge, Lehrer finden einzelne Schüler oder gelegentlich auch sämtliche Schüler unsympathisch oder nur die Jungen oder nur die Mädchen. Trivial gesprochen: Lehrer sind auch nur Menschen mit Fehlern.

Schule: An Warnungen und Empfehlungen zweifeln

Ein Drittel aller Schullaufbahnprognosen in Deutschland erweisen sich, wenn sie am Ende der Klasse 4 formuliert werden, im Nachhinein als falsch, und zwar schon deshalb, weil sie in der Regel nur von einer Person, nämlich der Klassenlehrerin, erstellt wurden; am Ende der Klasse 6 ausgesprochen stellen sich hingegen nur ein Sechstel späterhin als irrig heraus, auch weil dann in der Regel mehrere Personen darüber befinden und weil mit Beginn der Vorpubertät und nach längeren Erfahrungen im Umgang mit einer Fremdsprache eine größere Treffsicherheit gegeben ist. Eltern tun also gut daran, an Versetzungswarnungen und Schullaufbahnempfehlungen zu zweifeln.

Lehrer sind höchst bedeutsam fürs Schullaufbahnschicksal, Elternhäuser aber auch. Die jüngst veröffentlichte Pisa-Studie stellt erneut das vor allem deutsche Phänomen heraus, dass der Schulerfolg in Klassenstufe 9 insbesondere von den Bedingungen im Elternhaus abhängt. Insofern erweist sich unser Schulsystem in mehreren Aspekten als ungerecht, was die Effekte auf der Schülerseite anbelangt; eigentlich ist es daher sogar grundgesetzwidrig.

Bayern selektioniert am schärfsten

Jedenfalls gibt es Lehrer, die viele Schüler über alle denkbaren Hürden tragen, indem sie Hausbesuche machen, trotz Krankheit ihren Unterricht nicht ausfallen lassen, die sich stets optimal und aufwändig vorbereiten, die zu zweit eine Klasse führen oder zu zweit Stunden geben, die gelegentlich wochenends und sogar in den Ferien mit ihren Schülern etwas unternehmen, die Fehlermachen als Chance zum Bessermachen verstehen, die sogar berücksichtigen, dass Um- und Irrwege die beste Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen sind, ebenso Partnerarbeit, Aussprechen des zu Lernenden und das gegenseitige Sich-Erklären. Die im internationalen Vergleich gesehen immer noch übermäßig starke Selektionsfunktion der deutschen Schule mit ihren je nach Bundesland anders heißenden Elementen – Förderschule, Hauptschule, Realschule, Realschule plus, Regionalschule, Regionale Schule, Sekundarschule, Oberschule, Mittelschule, Gemeinschafts-, Gesamt- oder Stadtteilschule und Gymnasium – anstatt einer weltweit vorherrschenden neunjährigen Grundschule produziert eine unnötig hohe Zahl an Verliererschicksalen, die Otto Herz als Ausgangspunkt einer „gesellschaftlichen Spaltung“ bezeichnet und die er vor allem als lehrerpersönlichkeitsbedingt erklärt.

Bayern selektioniert am schärfsten von allen Ländern und produziert damit die europaweit niedrigste Quote an Abiturienten; eine unglaubliche Verschwendung von Talenten. Und weil das in Bayern so weitergehen soll, ist es wie Baden-Württemberg gerade aus dem erst vor kurzem geschaffenen Deutschen Bildungsrat, der sich um ein bundesweit einheitliches Zentralabitur bemüht, ausgetreten.

Das Schulsystem ist ungerecht

Es gibt Lehrer, die ihren Schülern Mut machen, indem sie Lernfortschritte besser benoten als einen irgendwie „objektiven“ Stand; andere tun aber genau das nicht, weil sie „gerecht“ sein wollen. Wenn ein Schüler, der im Diktat ständig etwa 40 Fehler hatte, plötzlich durch andere Lernweisen auf nur noch 20 Fehler kommt, ist das ja ein enormer Fortschritt. Vom mutmachenden Lehrer bekommt er dafür eine 3, während der „gerechte“ Lehrer immer noch eine 6 gibt, weil es nach wie vor im Klassenspiegel das schlechteste Diktat ist.

Das Schulsystem selbst ist allerdings noch ungerechter, wenn eine 3 in Biologie von einem Lehrer, der 75 Prozent der Unterrichtszeit wegen Krankheit fehlte, genauso viel wert ist wie eine 3 bei einem Lehrer, der nicht ein einziges Mal fehlte. Mutmachende, den Fortschritt berücksichtigende Noten kommen eher im Sport-, Musik-, Kunst- und Werkunterricht sowie im Fach Darstellendes Spiel vor; in diesen Fächern haben Lehrer einen größeren Einschätzungsspielraum als etwa in Mathematik.

Berichtszeugnisse vermögen daher länger Mut zu machen. Die ersten Pisa-Ergebnisse, die in Deutschland als „Pisa-Schock“ bezeichnet wurden, erschienen 2001; zur Studie, deren Ergebnisse 2019 vorgestellt wurden, kommentierten die Autoren der OECD in Paris: „Nur in wenigen Ländern hat sich seit der ersten Pisa-Studie kaum etwas verändert; Deutschland gehört dazu.“

Schüler und Eltern halten Noten für ungerecht

Wenn Noten von Fächern mit vier Wochenstunden mit Noten von Fächern mit zwei Wochenstunden bei Versetzungen gegeneinander verrechnet werden können, wenn eine 3 in Deutsch nicht zu erkennen gibt, ob 30 Prozent der Stunden ausgefallen sind oder keine einzige Stunde, wenn Lehrer auch am Ende des Schuljahres noch nicht alle Namen der ihnen anvertrauten Schüler kennen und Karl-Heinz dann die Geschichtsnote bekommt, die für Hans-Joachim gedacht war, dann entsteht bei Schülern und Eltern der Eindruck, sie und die Versetzungsvermerke seien „ausgewürfelt“ worden, zumal die Schule einige Leistungsbereiche der Schülerpersönlichkeit gar nicht erfasst (etwa Medienkompetenz), andere weniger wichtige aber schon (etwa Chemie). 75 Prozent aller Schüler sind vor der Zeugnisausgabe nervös, jeder siebte reagiert sogar psychosomatisch mit Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit, Durchfall, Neurodermitis oder Allergien. 65 Prozent aller Schüler halten Noten für ungerecht, bei Eltern sind es sogar 85 Prozent, weil sie ihre Kinder sowieso immer positiver sehen, als es die Lehrer tun. Schüler nennen die Zeugnisse „Giftblätter“, und sie wollen damit ausdrücken, dass sie ihnen nicht guttun, dass ihnen damit ein Stück willkürliche Gewalt angetan wird. Ganz schrecklich ist es, Sportnoten zu geben.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist sein Buch „Die 15 Gebote des Lernens“ erschienen.

Da mittlerweile fast jeder zweite Schüler in Deutschland übergewichtig ist und deshalb keine guten Noten in diesem Fach erreichen kann, lassen sich immer mehr junge Menschen ein ärztliches Attest zur Befreiung vom Sportunterricht geben; zusätzlicher Bewegungsmangel und weitere Erkrankungen sind die Folge. An einer unbenoteten Bewegungserziehung nehmen hingegen fast alle Schüler teil, und zwar mit positiven Auswirkungen für Gesundheit und Lernen, wie statistisch ausgewertete Versuche mit notenfreiem Inlineskaten in Schulen erwiesen haben.

Lehrer tun gut daran, die Bedeutung von Zeugnissen herunterzuspielen und ihre Fragwürdigkeit bei Zensuren, Versetzungsvermerken und Schullaufbahnprognosen in ihre Entscheidungen miteinzubeziehen; denn eine Note kann Ungerechtigkeit auf den Punkt bringen, ein Berichtszeugnis kann hingegen engagiert oder aber schlampig, ausführlich oder mager, treffend oder unangemessen erstellt sein oder auch lieblos aus Textfloskeln, die das Ministerium zur Verfügung gestellt hat, zusammengeschustert sein. In der Tendenz gilt: Eine auf den Punkt gebrachte Note lässt keinen Raum für Relativierungen, Berichtszeugnisse und Lernentwicklungsberichte aber schon. Erfreulich ist, dass viele Schulen inzwischen vor jeder Zeugnisausgabe „Lernentwicklungstage“ ansetzen, auf denen Eltern – manchmal sogar in Gegenwart der Kinder – in Einzelgesprächen mutmachende Erläuterungen angeboten werden. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es nur in der ersten Klasse Berichtszeugnisse, in den meisten Ländern auch in der Klasse 2, in Schleswig-Holstein bis zur 3. Klasse, in Bremen gibt es auf Wunsch der Eltern auch in Klasse 4 ein Berichtszeugnis.

In den Hamburger Stadtteilschulen und in ganz Schweden und Finnland gibt es bis zur Klasse 8, in Dänemark bis zur Klasse 7, an unseren Waldorfschulen oft bis zur Klasse 11, aber mindestens bis zur Klasse 9, keine Noten. Die Länder, die länger keine Noten geben, schneiden übrigens bei Leistungsvergleichsstudien meist besser ab als die Länder, die früh mit Noten beginnen. Warum? Klar, weil in ihnen das mutmachende Lernen länger anhält. Zur Belehrungsschule passen Noten, zur Lernwerkstatt eher nicht.

Partnerarbeit ist ergiebiger als Einzelarbeit

Ein Beispiel für die katastrophale Wirkung unterschiedlicher Lehrerverhaltensweisen auf das Leistungsverhalten von Kindern: In Hamburg gab es einen Fall, in dem die Mathefachlehrerin einen Schüler der 1. Klasse über ein ganz Jahr hinweg mit Johannes statt mit seinem wirklichen Namen Johann anredete. Anfangs korrigierte das Johann. Dann gab er resigniert auf. Jedes Mal wenn die Lehrerin Johannes rief, lachte die ganze Klasse. Schließlich wurden die Eltern erst bei der Lehrerin vorstellig, dann bei der Schulleitung; aber es änderte sich gar nichts. Begründung der Mathe-Lehrerin: „Ich kenne eine Jungen namens Johannes und der sieht nun mal genauso aus wie du.“

Schließlich konnte sich Johann nicht mehr auf den Matheunterricht konzentrieren, weil er permanent auf den falschen Namen und das damit verbundene Gelächter der Klasse wartete. Am Ende des Schuljahres wurde dann bei ihm von einem Schulpsychologen Rechenschwäche diagnostiziert, die er anfangs noch nicht hatte. Die Rechenschwäche verfolgte ihn übrigens bis zum Realschulabschluss; erst in der Ausbildung konnte er sie überwinden. Ohne diese Lehrerin hätte Johann vielleicht das Abitur geschafft.

Das Fazit:Eltern müssten mehr darüber wissen, wie Kinder am besten lernen. Dann wäre vieles einfacher:

– Kinder behalten das zu Lernende besser, wenn sie es aussprechen und zugleich aufschreiben. Sie behalten es besser, wenn sie einmal darüber schlafen und es am nächsten Tag wiederholen.

- Am besten lernen Kinder, wenn sie den Lernstoff anderen Kindern erklären. Partnerarbeit ist also ergiebiger als Einzelarbeit. Kinder lernen besser von Gleichaltrigen als von Erwachsenen.

- Kinder behalten das zu Lernende eher, wenn es mit Handeln verknüpft wird, mit Lachen oder mit einer charismatischen Person.

– Menschen behalten alles, was sie viermal wahrgenommen haben.

– Die optimale Lernzeit umfasst zehn Minuten, dann sollte erst einmal etwas anderes geschehen.

- Kinder lernen am besten, wenn sie ungestraft über Um- und Irrwege lernen dürfen.

- Wahrscheinlich lernen Kinder in altersgleichen Gruppen nicht ganz so gut wie in jahrgangsübergreifenden.

- Lehrer und auch Eltern sollten eher Lernberater als Belehrer sein.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist sein Buch „Die 15 Gebote des Lernens“ erschienen.

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