Beim Gedanken an das Zeugnis ist vielen Kindern angst und bange.

Schule

Eltern sollten schlechte Noten nicht noch schlimmer machen

  • schließen

Schlechte Schulnoten ihrer Kinder werfen viele Fragen auf. Die Pädagogische Psychologie kann helfen.

Zwischen dem 25. Januar und dem 15. Februar gibt es in den deutschen Ländern Halbjahreszeugnisse. Oft mit erfreulichen Resultaten, die zum weiteren Lernen motivieren. Manchmal aber auch mit unangenehmen Überraschungen. Schlechte Schulnoten ihrer Kinder werfen für viele Eltern – und auch für die Kinder selbst – Fragen auf: Woran hat es gelegen? Wie soll es weitergehen?

Die Pädagogische Psychologie, die sich mit dem Lernen und Lehren in der Schule beschäftigt, kann bei der Beantwortung dieser Fragen behilflich sein. Man muss allerdings etwas tiefer in die Ursachenanalyse einsteigen und etwas genauer die möglichen Handlungsoptionen prüfen. Zuallererst sollte man jedoch die Kinder selbst nach den möglichen Ursachen fragen. Und beispielsweise einen Elternsprechtag nutzen, um mit den Lehrerinnen und Lehrern ins Gespräch zu kommen.

Schlechte Schulnoten sind der sichtbare Ausdruck von Lernschwierigkeiten, die dazu geführt haben. Im Grunde kommt es immer dann zu Lernschwierigkeiten, wenn die Anforderungen einer Aufgabe die individuellen Lernfähigkeiten übersteigen. In leistungsheterogen zusammengesetzten Schulklassen, wo sich das unterrichtliche Vorgehen am mittleren Leistungsniveau orientiert, ist das schnell passiert. Wenn sich dann noch die Notengebung an der Klassennorm orientiert, sind schlechte Schulnoten für einige die natürliche Folge.

Besondere Verantwortung der Schule

Das heißt natürlich nicht, dass die Lehrerinnen und Lehrer an den Lernschwierigkeiten und den schlechten Schulleistungen schuld sind. Vielmehr spielen die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder die entscheidende Rolle. Die besondere Verantwortung der Schule besteht darin, diesen Unterschieden in angemessener Weise Rechnung zu tragen.

Ungünstige individuelle Lernvoraussetzungen sind Risikofaktoren für Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens. Welches sind die größten Risiken? Zuallererst sind eine verminderte Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und ein beeinträchtigtes Arbeitsgedächtnis zu nennen, aber auch eine unzureichende Lernmotivation und ein negatives Selbstkonzept sind nachteilig für das Lernen.

Ungünstig auch, wenn es an der Fähigkeit mangelt, die eigenen Lernprozesse selbst zu regulieren und an der Willenskraft, Ablenkungen zu widerstehen. Die schlechten Schulnoten sind letztlich nur die Spitze des Eisbergs! In Bezug auf Schwierigkeiten im schriftsprachlichen Bereich gibt es übrigens einen weiteren Erklärungsfaktor, der alle anderen aussticht: die unzureichende sprachliche Kompetenz der betreffenden Kinder. Wer schon die (gesprochene) Unterrichtssprache nicht gut genug beherrscht, wird es in allen Fächern, in denen gelesen und geschrieben wird, schwer haben.

Welche Ursachen im Einzelfall entscheidend sind, kann eine pädagogisch-psychologische Diagnostik klären. Eine Reihe von Einrichtungen unterschiedlicher Träger bietet dies an. Eine solche Diagnostik ist auch deshalb zu empfehlen, weil etwa zwölf Prozent aller Kinder und Jugendlichen eine Lernstörung aufweisen, die einer speziellen Behandlung bedarf. Eine Lernstörungsdiagnostik umfasst neben einer allgemeinen Exploration und einer Funktionsprüfung der Sinnesorgane auch eine psychometrische Diagnostik der Intelligenz sowie der Lese-Rechtschreib- und Rechenleistungen. Gibt es Anzeichen für weitere psychische Probleme, wie Angststörungen, Depressionen, ADHS oder Störungen des Sozialverhaltens, wird dem nachgegangen.

Ein Beratungsgespräch mit Therapieempfehlungen gehört zu jeder professionellen Diagnostik. Wird eine Lese-Rechtschreib- oder eine Rechenstörung frühzeitig diagnostiziert, lassen sich geeignete Fördermaßnahmen planen und einleiten. Mittlerweile gibt es eine Reihe nachweislich wirksamer Förderverfahren. Es braucht allerdings einen langen Atem, bis sich sichtbare Fortschritte einstellen. Schulrechtlich besteht überdies nicht nur ein Anspruch auf individuelle Förderung, sondern gegebenenfalls auch auf Nachteilsausgleich und Notenschutz.

Kinder brauchen Unterstützung

Eltern sollten schlechte Zeugnisnoten nicht noch schlimmer machen. Kinder brauchen Verständnis und Unterstützung und keine zusätzliche Kritik. In Beratungsstellen, die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern aufsuchen, können Lösungswege gefunden werden. Es gibt kommerzielle und nicht-kommerzielle Angebote zur Lernförderung. Auch für Kinder ohne eine diagnostizierte Lernstörung. Es empfiehlt sich allerdings, auf die Seriosität der Anbieter zu achten. Teilweise gibt es auch Unterstützungskreise an den Schulen selbst. Das ist vor allem für bildungsferne Eltern hilfreich, die sich an andere Beratungs- und Unterstützungssysteme nicht so leicht herantrauen. Denn nach wie vor gibt es familiäre Risikolagen, die das Auftreten von Lernschwierigkeiten wahrscheinlicher machen.

Im Deutschen Bildungsbericht werden finanzielle, soziale und bildungsbezogene Risikolagen genannt, die die Lernentwicklung beeinträchtigen können. Besonders nachteilig ist eine bildungsbezogene Risikolage. Sie ist gegeben, wenn die Eltern eines Kindes selbst keinen Schulabschluss haben. Riskant daran ist, dass diese Eltern ihren Kindern meist nicht bei Hausaufgaben helfen können – und oft auch nicht über die finanziellen Mittel verfügen, entsprechende Hilfen einzukaufen.

Vor einem vorschnellen Schulwechsel oder einem raschen Downgrading in eine andere Schulform sei gewarnt. Entwicklungsverläufe im Kindes- und Jugendalter verlaufen oft sprunghaft. Persönliche Befindlichkeiten, Freundschaften und Cliquen unterliegen Veränderungen, die sich auch günstig auf die Lernmotivation und auf das Lernverhalten auswirken können. Das zweite Halbjahr steht ja noch bevor. Deshalb gilt: Nach dem Zeugnis ist vor dem Zeugnis!

Andreas Gold ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt und Autor von „Lernschwierigkeiten. Ursachen, Diagnostik, Intervention“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare