Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder geistige Anregung, aber auch Bewegung und Ruhe.
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Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder geistige Anregung, aber auch Bewegung und Ruhe.

Schule in Deutschland

Mit dem Homeschooling ist Deutschland ins Jahr 2000 zurückgeworfen worden

  • Peter Struck
    vonPeter Struck
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Verhaltensoriginelle Kinder hatten es schon vor Corona schwer - nicht nur in der Schule. Es gilt nun, sich intensiv um sie zu kümmern. Ein Gastbeitrag.

Nach mehreren Wochen digitalen Homeschoolings lässt sich zumindest für Hamburg feststellen, dass diejenigen jungen Menschen, die in behütenden Familien leben, zu Hause mehr gelernt haben, als wenn sie in die Schule gegangen wären.

Viele dieser Jugendlichen sind in ihrem Lernen zudem selbstständiger geworden, mussten sie doch mit den teils unkoordiniert von sämtlichen Lehrerinnen und Lehrern verschickten Aufgaben klarkommen. Leider jedoch haben diejenigen, die zu Hause kaum oder keine Unterstützung bekommen, weniger gelernt, als wenn sie täglich in der Schule gewesen wären.

Für viele Kinder und Jugendliche hat sich die Lage dramatisch verschlechtert

Die Pisa-Studien der vergangenen 20 Jahre hatten Deutschland regelmäßig vorgeworfen, dass bei 15-Jährigen nie so etwas wie Begabung oder Intelligenz gemessen wurde, sondern immer nur die häusliche Lernunterstützung. 

Mit dem Homeschooling während des Lockdown ist Deutschland also in das Jahr 2000 zurückgeworfen worden. Vor allem für Kinder und Jugendliche mit sogenannten Verhaltensauffälligkeiten haben sich Lernsituation und -fortschritte in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert. Sie selbst, ihre Eltern und Pädagogen, die zu helfen versuchen, wissen oft nicht weiter.

Joachim Riedel, der Ärztliche Direktor des renommierten sozialpädiatrischen Werner-Otto-Instituts in Hamburg-Alsterdorf, ist seit langem spezialisiert auf Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen bei Kindern und Jugendlichen. Meist sind die Kinder fünf bis acht Jahre alt, wenn sie ins Werner-Otto-Institut kommen, und oft sind sie in mehreren Aspekten gleichzeitig gestört. 3700 Patienten wurden dort allein im Jahr 2019 behandelt.

Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), von dem vor allem Mädchen betroffen sind, und das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), mit dem mehrheitlich Jungen auffallen, lassen sich mittlerweile gut diagnostizieren und therapieren, aber neurologische und genetisch bedingte Krankheiten wie die kindliche Demenz und das Rett-Syndrom, eine Entwicklungsstörung des Zentralnervensystems bei Mädchen mit dem Verlust vorhandener sprachlicher und feinmotorischer Fähigkeiten, sind sowohl schwieriger zu erkennen als auch zu behandeln.

Die Zahl der Kinder mit AD(H)S hat in den letzten zehn Jahren nicht zugenommen

Es gibt aber nicht nur steigende Fallzahlen, sondern auch deutliche Verlagerungen: Die Folgen von Geburtsschädigungen und die von Frühgeborenenschicksalen haben dank medizinischer Fortschritte erheblich abgenommen, aber das, was man Verhaltensstörungen wegen ungesunder Familienverhältnisse und nicht kindgerechter Umgebungen nennt, nimmt Riedel zufolge dramatisch zu: Ein stark durchorganisierter Familienalltag mit häufig wechselnden Bezugspersonen und ein für Kinder zunehmend ungeeigneter Lebensraum innerhalb (medienbedingt) und außerhalb der Wohnung (gefahrlose Bewegungs-, Kontakt- und Spielmöglichkeiten) bestimmen immer mehr die kindlichen Entwicklungsprozesse. Die Kombination aus Bewegungsstarre beim Agieren an zweidimensionalen Displays und einer stressstarken Anspannung in einer virtuellen Scheinwelt überfordert viele Kinder dann, wenn das Missverhältnis zwischen konsumierter digitaler Welt und dem Bedürfnis nach körperlicher Aktivität zu groß wird.

Nach Beobachtung von Joachim Riedel hat die Zahl der Kinder mit AD(H)S in den letzten zehn Jahren nicht zugenommen, die Wahrnehmung dieses Phänomens hingegen schon. In Deutschland hat etwa jedes 20. Kind AD(H)S, in den USA jedes siebte. Während aber vor 10.000 Jahren Kinder mit AD(H)S noch deutliche Überlebensvorteile hatten, weil sie Gefahren früher als andere wahrnahmen, bekommen Kinder heute den stigmatisierenden AD(H)S-Stempel plus das Medikament Ritalin, nur weil sie nicht gut mit dem von ihren Eltern durchgetakteten Tag klarkommen und deshalb auszuweichen versuchen mit Unaufmerksamkeit, mangelnder Impulskontrolle, Aggressionen, und einem übertriebenen Bewegungsdrang.

Was den Kindern und Jugendlichen helfen könnte

Peter Struck.

Was könnte helfen? Zum Beispiel Musik, denn für Jugendliche ist Musik hören und Musik machen fast das Liebste in ihrem Leben. In der Hitliste der beliebten Schulfächer jedoch steht Musik auf dem vorletzten Platz vor Religion. Woran liegt das? Hirnforscher beantworten das so: Schule reduziert das Kind beim Lernen nicht nur auf den Kopf, sondern innerhalb des Kopfes auf die linke Hirnhälfte, in der das Kognitive, das Rationale, das Logische, das Rechnerische und das Raumvorstellungsvermögen liegen. 

Das Musische, das Kreative, das Emotionale, das Kommunikative sowie das Soziale der rechten Hirnhälfte kommen dabei zu kurz. Man könnte auch sagen: Schule versucht, Musik über die linke Hirnhälfte zu unterrichten, obwohl sie in die rechte gehört. Da bei Jungen eine relativ schwache Brücke zwischen beiden Hirnhälften besteht, fällt ihnen die Kompensation schwerer als den Mädchen, wenn sie überstark linkshirnig erzogen und beschult werden.

Im Grunde ist es eine einfache Gleichung: Alles, was ein Mensch von außen zu viel oder zu wenig an Reizen bekommt, zwingt ihn unbewusst, von innen gegenzusteuern. Das gilt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Wir sagen deshalb, die Reizbilanz muss bei jedem Menschen stimmen, es darf nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel sein. So lautet das „Gesetz von den Reizbilanzen“. 

Die therapeutischen Chancen sind umso größer, je früher sie entdeckt werden

Was Kinder an Reizen wollen, sagen uns ihre angeborenen Grundbedürfnisse. Sie sind, von dem Bedürfnis nach einer stimmigen Ernährung abgesehen, sämtlich nichtmaterieller Art: Liebe, Ansprache, Zuhören, Bewegung, Spiel, Körperkontakt, dass sie ein stimmiges Weltbild aufbauen können, wozu gehört, dass sie Grenzerfahrungen machen dürfen; ansonsten brauchen sie Mütterlichkeit, Väterlichkeit, Großmütterlichkeit, Großväterlichkeit und Geschwisterlichkeit. Und was das Leben jenseits der Familie angeht, brauchen sie Freunde und ihnen wohlgesinnte Experten, etwa den Sporttrainer oder die Musiklehrerin.

Kinder und Jugendliche neigen, wenn ihre Bilanz nicht stimmt, zu Hyperaktivität, Gewalt oder auch Autoaggressionen wie Magersucht oder Selbstverletzungen; manche suchen stoffliche Ersatzbefriedigung, das können Zucker- oder Esssucht sein, Nikotin, Alkohol, Drogen oder Tabletten.

Die meisten Verhaltensauffälligkeiten und -störungen jenseits der genetisch bedingten lassen sich mit unstimmigen Reizbilanzen im Aufwachsen junger Menschen erklären; deshalb sind die therapeutischen Chancen umso größer, je früher sie entdeckt werden. Die Symptome sind vielfältig und entstehen, indem sich das Kind unbewusst entweder für diejenigen entscheidet, die ihm in seiner Umgebung vorgelebt werden – von Eltern, Geschwistern, Freunden, Nachbarn oder Bildschirmhelden –, oder für diejenigen, die der eigene Körper als Schwachstellen anbietet: Asthma, Allergien, Neurodermitis, Migräne, Depressionen oder nervöse Tics.

Mehr als 70 Prozent der deutschen Schüler gelten als leicht oder schwer neurologisch gestört

So nimmt jeder zehnte Schüler zwischen 13 und 16 Jahren regelmäßig Schmerz-, Beruhigungs-, Aufputsch- oder Schlafmittel, ist jeder vierte Vorschüler sprachgestört im Sinne von Sprechverweigerung, Poltern oder Stottern. Verzögerungen in der Sprachentwicklung haben oft die Ursache in einer Kombination aus übertriebenem Bildschirm- respektive Displaykonsum einerseits und einem Mangel an elterlicher Bereitschaft zu Ansprache und Zuhören andererseits.

Mehr als 70 Prozent der deutschen Schüler gelten als leicht oder schwer neurologisch gestört. Das war übrigens schon immer so! Die meisten Störungen werden von Eltern, ErzieherInnen und Lehrkräften gar nicht wahrgenommen oder fließen – wenn es um Schule geht – einfach nur negativ (oder gar nicht) in eine Note ein, so wie bei der Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche) und der Dyskalkulie (Rechenschwäche). Selbst Pädagogen wissen oftmals nicht, dass die Legasthenie auch – neben vielen anderen Ursachen – darauf zurückzuführen ist, dass die erste Stufe auf dem Weg zum richtigen Schreiben noch nicht bewältigt wurde, nämlich das hörmäßige Erfassen des Klangbildes eines Wortes.

Finnland und Schweden machen es schon lange viel besser

Auch wenn viele Faktoren für ADS und ADHS nicht im direkten Einflussbereich von Lehrerinnen und Lehrern liegen, so könnten sie doch dank entsprechender Ausbildung wohlwollend und fördernd eingreifen. Aber als die Pädagogik in Deutschland universitär, also wissenschaftlich werden sollte, verbannte man viele Praxisanteile aus der Ausbildung, weil man sie für unwissenschaftlich hielt, und verlagerte sie in die Zeit nach dem Studium, also ins Referendariat. Das war falsch! 

Finnland und Schweden machen es schon lange viel besser: Lehramtsstudenten dort verbringen die Hälfte ihrer Zeit an der Uni, die andere Hälfte aber sind sie einer Vorschul- oder Schulklasse zugeordnet, so dass sie eine optimale Theorie-Praxis-Verknüpfung durchlaufen und sich diejenigen Studienanteile in der Universität abholen, die sie im Angesicht der Besonderheiten von Janne, Antti und Sanna oder einem irgendwie auffälligen Matti vor Ort als Notwendigkeit erfahren und begriffen haben.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Sein Buch „Die 15 Gebote des Lernens“ ist bei Primus erschienen.

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