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Der spanische Wasserhund ist eine besonders zurückhaltende Rasse.

Genetik

Von schüchternen, mutigen und merkwürdigen Hunden

Forscher untersuchen auffälliges Verhalten von Vierbeinern - und sehen Ähnlichkeiten mit dem Menschen.

Feuerwerk, Donner, Schüsse: Solche Geräusche lassen viele Hunde angsterfüllt unterm Bett kauern. Tatsächlich sei Lärmempfindlichkeit das häufigste unerwünschte Verhalten bei den Vierbeinern, berichten finnische Forscher im Fachblatt „Scientific Reports“. Demnach sind manche Rassen für bestimmte Probleme besonders anfällig. Die Forscher raten, die Ergebnisse bei der Züchtung zu berücksichtigen, damit künftig weniger Hunde im Tierheim landen.

Für die Untersuchung ließ das Team um den Genetiker Hannes Lohi von der Universität Helsinki 13 700 Hundebesitzer einen Online-Fragebogen zu sieben unerwünschten Verhaltensweisen ihrer Haustiere ausfüllen. Dazu gehörten neben Geräuschempfindlichkeit Angst vor Menschen oder anderen Hunden, Furcht vor bestimmten Oberflächen wie Metallgittern oder glänzenden Böden sowie Höhenangst, zwanghaftes Verhalten, Aggressivität und Trennungsangst.

Insgesamt enthielt der Datensatz 264 Hunderassen unterschiedlichen Alters. In ihrer Analyse konzentrierten sich die Forscher allerdings auf die 15 meistgenannten Rassen, darunter Deutsche Schäferhunde, Labrador Retriever, Border Collies, Bernhardiner und Mischlinge.

„In dem Datensatz von fast 14 000 Hunden, den wir zusammengestellt haben, einem der größten der Welt, trat bei 73 Prozent der Tiere unerwünschtes Verhalten auf“, wird Lohi in einer Mitteilung seiner Uni zitiert. Geräuschempfindlichkeit wurde für ein Drittel aller Tiere (32 Prozent) genannt, 17 Prozent hatten Angst vor Artgenossen, 15 Prozent vor fremden Menschen und elf Prozent vor neuen Situationen.

Je älter die Tiere waren, desto empfindlicher reagierten sie auf laute Geräusche. Jüngere Hunde zerstörten häufiger Objekte oder urinierten öfter auf Gegenstände, wenn sie allein waren, und waren zudem häufig unaufmerksam, hyperaktiv oder impulsiv.

Hyperaktivität und Impulsivität traten eher bei Rüden auf, während Weibchen häufiger ängstlich waren. Doch nicht nur Alter und Geschlecht beeinflussen das Verhalten. „Die Probleme scheinen ziemlich rassespezifisch zu sein“, erläutert Lohi. „Zum Beispiel beobachteten wir bei Border Collies ein verstärkt besessenes Starren und Jagen von Licht oder Schatten – Verhaltensweisen, die bei allen anderen Rassen seltener auftraten.“

Ko-Autorin Milla Salonen ergänzt: „Einer der größten Unterschiede zwischen den Rassen wurde in der Angst vor unbekannten Menschen festgestellt, bei der es einen 18-fachen Unterschied zwischen der schüchternsten Rasse und der mutigsten Rasse, dem Spanischen Wasserhund und dem Staffordshire Bullterrier, gab.“

Insgesamt gehen die Wissenschaftler davon aus, dass neben dem Verhalten des Hundebesitzers auch die Gene eine wichtige Rolle spielen. Die Verbindung zwischen Verhalten und Genen hatten bereits frühere Studien nahegelegt. So ergab eine ebenfalls finnische Untersuchung, dass ein Gen bei Schäferhunden mit Geselligkeit assoziiert ist – und gleichzeitig mit Geräuschempfindlichkeit. Lohi vermutet, dass durch die Züchtung besonders sozialer Tiere gleichzeitig besonders lärmempfindliche Individuen ausgewählt wurden.

Überraschenderweise fanden sich viele Verhaltensprobleme bei Mischlingshunden, die gemeinhin als unkompliziert gelten. Die Forscher vermuten allerdings, dass viele dieser Tiere gerettet worden waren, mit einem schwierigen Start ins Leben und einer entsprechenden Sozialisation.

Die Biologen untersuchten auch Verbindungen zwischen verschiedenen Verhaltensweisen. Tatsächlich traten Angst und Aggressivität oft gemeinsam auf. „Wir haben einen interessanten Zusammenhang zwischen Impulsivität, zwanghaftem Verhalten und Trennungsangst entdeckt“, kommentiert Salonen. Auch beim Menschen trete eine Zwangsstörung oft zusammen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung auf. „Dies ist jedoch das erste Mal, dass dies bei Hunden beobachtet wurde“, so Salonen.

Forschung zu tierischen Verhaltensweisen könnte so auch psychische Gesundheitsprobleme beim Menschen verständlicher machen, da sowohl physiologisch als auch verhaltensmäßig viele Ähnlichkeiten bestünden. Zusätzlich würden Hunde und Menschen die gleiche komplexe soziale Umwelt teilen.

Allerdings weisen die Forscher auf Einschränkungen der Studie hin: Zum einen beruhe sie auf Angaben der Hundebesitzer – vielleicht antworteten insbesondere jene, deren Vierbeiner Probleme hatten. Zum anderen wurde nur die Häufigkeit der Verhaltensweisen abgefragt, nicht aber deren Intensität.

Generell sehen die Wissenschaftler in ihrer Untersuchung eine Chance, das Wohlbefinden von Hunden zu verbessern. Denn viele Probleme bedeuteten Stress für die Tiere und steigerten auf lange Sicht das Risiko, dass die Besitzer die Hunde abgeben. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass unerwünschtes Verhalten vererbt zu sein scheint, was bedeutet, dass durch sorgfältige Züchtung, die auf geeigneten Verhaltensindikatoren beruht, die Häufigkeit solcher Verhaltensmerkmale verringert werden könnte“, schließt Lohi. „Dies würde die Lebensqualität nicht nur der Hunde, sondern auch ihrer Besitzer verbessern.“ (Alice Lanzke, dpa)

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