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Die mexikanische Tattoo-Künstlerin Maria Jose Cristerna lebt ihre Kreativität am eigenen Körper aus.
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Die mexikanische Tattoo-Künstlerin Maria Jose Cristerna lebt ihre Kreativität am eigenen Körper aus.

Kreatives Denken

Schräger Flug der Ideen

Kreatives Denken löst bei vielen Menschen Unbehagen aus, lässt sich aber trainieren.

Von Stanislaw Dick

Kreatives Denken löst bei vielen Menschen Unbehagen aus, lässt sich aber trainieren.

Schon wieder ist das Experiment schiefgegangen. Wie so oft steht Schleifstein, der schrullige Professor im Weißkittel aus dem „Innovationslabor“, mit qualmendem Haupthaar vor den Trümmern seiner neuesten Kreation. Macht aber nichts. Die Erfindung selbst ist zwar Unfug, wie immer. Doch der Konzernchef hat trotz des Fehlschlags das Potenzial dahinter sofort erkannt: „Aber die Idee ist gut“, bescheidet er. „Wir machen es einfach!“

Eine Unerschrockenheit gegenüber dem Neuen, wie sie in diesem Fernsehwerbespot gezeigt wird, ist in der Praxis eher selten anzutreffen. Die meisten von uns tun sich schwer damit, innovative Ideen zu erkennen und zu akzeptieren. Jennifer Mueller und Shimul Melwani, Psychologinnen an den Universitäten von Pennsylvania und North Carolina, haben das in einer Reihe von Experimenten beobachtet, die sie im Journal Psychological Science vorstellen. Sie konfrontierten mehr als 200?Versuchspersonen mit kreativen Innovationsideen wie etwa einem Laufschuh, der seine Gewebedichte der Außentemperatur anpasst und den Fuß somit vor Blasen schützt.

Die Forscherinnen ermittelten, wie die Probanden solche Ideen bewerteten. Das Ergebnis: Selbst wenn objektive Fakten die Praxistauglichkeit der vorgeführten Ideen belegten, wurden sie von den Teilnehmern unbewusst zurückgewiesen. Das führte bisweilen dazu, dass sie die Originalität einer Idee nicht einmal erkannten. Stattdessen bevorzugten sie „praktische“ Produkte, erprobt und bewährt.

Gerade das Neue stimmt Menschen oft unbehaglich, denn es bedroht die gewohnten Handlungs- und Denkroutinen. Ob Kopernikus’ heliozentrisches Weltbild, Darwins Evolutionslehre oder Van Goghs revolutionärer Malstil: Die meisten weltverändernden Ideen schienen den Zeitgenossen zunächst absurd.

Große innovative Erfindungen sind zweifellos gescheit. Sie greifen aber nicht – oder nicht nur – auf jene Art von Grips zurück, wie sie in Intelligenztests abgefragt wird. Intelligenztests waren schon zur Mitte des 20. Jahrhunderts recht zuverlässige Messinstrumente. Gleichwohl fand der US-Psychologe Joy Peter Guilford es unbefriedigend, dass diese Verfahren nicht alle Formen des Denkens abdeckten. Gerade originelle Einfälle fielen beim Intelligenztest unter den Tisch.

Ein Wust von Mustern

Konventionelle Intelligenztests verlangen nach orthodoxen Lösungen. Schließlich muss gewährleistet sein, dass der Auswerter die Antworten eindeutig als richtig oder falsch einstufen kann. Tests dieser Sorte verlangen laut Guilford „konvergentes Denken“. Damit meinte er die – wertvolle – Fähigkeit, in einem Wust von Symbolen oder Mustern eine Struktur zu erkennen, die ihnen zugrunde liegt. Kreatives Denken hingegen ist „divergent“. Es ist die Gabe, mit Strukturen zu spielen, sie zu kombinieren.

Wenn ein Ottonormaldenker nach einer Nadel im Heuhaufen suche, soll Albert Einstein einmal gesagt haben, dann höre er auf, sobald er die Nadel gefunden habe. „Ich aber würde weitersuchen, bis ich alle möglichen Nadeln gefunden habe.“ Kreativität ist das Talent, gerade nicht die nächstbeste Nadel hervorzukramen.

Auf diesem Prinzip basieren aber die meisten Kreativitätstests. Die Testpersonen erhalten etwa ein weitgehend leeres Blatt, auf dem bloß ein paar geometrische Fragmente verstreut sind. Diese Strukturen soll der Proband nun auf möglichst originelle Weise zu einer Zeichnung verbinden. Oder er sieht einen kleinen Kreis, umgeben von einem größeren Kreis. Was könnte das sein? Etwa ein Mexikaner mit Sombrero, von oben gesehen?

Bei solchen Tests kommt es darauf an, möglichst viele Lösungen zu produzieren. Doch auch die Originalität dieser Lösungen wird bewertet. Denn: Nicht jeder ungewöhnliche Einfall ist wirklich originell, die meisten sind einfach nur gaga. Auch kreative Ideen müssen natürlich in den Kontext passen, sie müssen dem Problem angemessen, müssen relevant und tauglich sein. Wirklich kreative Einfälle sind zwar überraschend, aber keine Hirngespinste.

Zur Kreativität bedarf es auch der Vernunft. Bloß sollte die Vernunft all die verrückten Einfälle, die die Fantasie beisteuert, nicht allzu früh zensieren. Wir tun besser daran, dem „divergenten Denken“ erst einmal Raum geben. Verwerfen können wir die Ideen dann ja immer noch.

Vom Kleinen zum Großen

Kann man diese Haltung lernen oder gar lehren? Zumindest können Kinder sich darin üben, und diese Übungen haben einen Effekt, wie die Psychologin Nira Liberman und ihre Mitforscher an der Tel Aviv University jüngst in einer Studie nachwiesen. Jene Kinder, die zuvor darauf geeicht worden waren, gedanklich vom Kleinen zum Großen fortzuschreiten, lieferten im Kreativitätstest mehr und originellere Ideen. „Expansiv“ nennt Liberman dieses Von-innen-nach-außen-Denken. Solche Übungen sorgten für Distanz von den Denkroutinen des Alltags und beflügelten damit die Vorstellungskraft, vermutet die Psychologin aus Israel.

Auch Jennifer Mueller und Shimul Melwani sehen in unserem Haften am Gewohnten, unserem reflexhaften Zurückweisen des Neuen einen Hemmschuh für Wirtschaft und Forschung. Gebraucht würden „kreative Ideen, um Innovationszentren dabei zu helfen, Kreativität zu erkennen und zu akzeptieren“. Zu erfinden wäre also ein Verfahren, um unseren Kreativitätswiderstand zu brechen. Wissen Sie was? Wir machen es einfach.

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