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Gründe für die Intimoperationen sind überwiegend ästhetischer Natur, nur in Ausnahmefällen sind die Eingriffe eine ärztliche Heilmaßnahme.

Intimchirurgie

Schnitt im Schritt

Die Schönheits-Chirurgie hat längst den Intimbereich erreicht - aber Fachgesellschaften warnen. Die Eingriffe sind nur selten medizinisch notwendig und können Probleme verursachen. Von Nicola Siegmund-Schultze

Von NICOLA SIEGMUND-SCHULTZE

Verkleinerung der inneren Schamlippen und Vergrößerung der äußeren, Fettabsaugungen am Schamhügel, Vaginal-Verengung, Reduzierung der Klitorishaut, Neupositionierung der Klitoris, Vergrößerung des G-Punktes: Die Intimchirurgie wird zunehmend nachgefragt, auch in Deutschland.

Ein Facharzt für Plastische Chirurgie aus Mannheim hat auch eine Antwort auf den Grund für den zunehmenden Trend: Eine "äußerlich ansprechende Genitalregion mit möglichst perfekten anatomischen Proportionen trägt zur persönlichen Selbstsicherheit bei", schreibt er in einem Sonderprodukt einer Zeitung für Ärzte.

Auf der Homepage der Klinik, deren Chefarzt der Mediziner ist, findet sich der Artikel unter dem Stichwort Schamlippenverkleinerung, gut sichtbar das Operationsergebnis einer Patientin - vorher, nachher. Gleichzeitig heißt es auf der Homepage: "Eine Präsentation unserer schönen Resultate im Vergleich zum Urzustand ist leider seit dem 1. April 2006 vom Gesetzgeber in Deutschland untersagt." Gemeint ist das Heilmittelwerbegesetz.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) aber warnt. "Die Zahlen der Schönheitsoperationen am weiblichen Genitale ohne medizinische Notwendigkeit haben sich in den letzten Jahren dramatisch erhöht", sagt DGGG-Präsident Rolf Kreienberg aus Ulm. "Diese Entwicklung sorgt uns."

In einer aktuellen Stellungnahme der DGGG zur Intimchirurgie heißt es: "Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten bei allen kosmetischen Operationen am weiblichen Genitale fehlen". Und es gebe keine wissenschaftlichen Daten, die belegten, dass die "Eingriffe zu anhaltender psychischer oder funktioneller Besserung führen".

Gründe sind überwiegend ästhetischer Natur

Gründe für die Operationen seien überwiegend ästhetischer Natur, nur in Ausnahmefällen seien die Eingriffe eine ärztliche Heilmaßnahme. Eine solch medizinische Indikation kann zum Beispiel eine starke Asymmetrie der Schamlippen (Labien) sein oder eine Form, die beim Sitzen oder bei Sport- und Freizeitaktivitäten ständig stört und Entzündungen hervorruft.

Einen Grund für den Boom kosmetischer Korrekturen im Intimbereich sehen die Medizinpsychologen Ada Borkenhagen (Berlin) und Elmar Brähler (Leipzig) darin, dass die "nackte Scham" immer häufiger in Magazinen, Filmen und im Internet dargestellt und damit die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen bis dahin weitgehend privaten Körperbereich gelenkt werde.

Das Schönheitsideal vom Intimbereich folge der allgemeinen Norm von Jugendlichkeit: "Gefragt ist ein Genital, das wie das eines jungen Mädchens aussieht und der Oberseite eines Brötchens gleicht, wobei die äußeren Schamlippen die inneren verdecken und die Schamlippen in engen Bikinihöschen und Tangas nicht auftragen (Deutsches Ärzteblatt 2009, Heft 11, S. A-500-502). Das Entfernen des Schamhaars, zum Beispiel durch Teil- oder Vollrasur, kommt zunehmend in Mode.

"Die Scham wird zum zweiten Gesicht", konstatiert Aglaja Stirn, Leiterin der Abteilung Psychosomatik an der Universitätsklinik Frankfurt, deren Forschungsschwerpunkte Körperbild und Körpermodifikation sind. Eine aktuelle Studie, an der Stirn mitgearbeitet hat, ergab: 32 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren rasieren ihr Körperhaar, zu jeweils knapp 70 Prozent auch im Genitalbereich.

"In der Genitalzone werden dadurch Stellen sichtbar, die vorher verborgen blieben, und wir sehen ein zunehmendes Bedürfnis von Menschen, ihren Körper so zu gestalten oder gestalten zu lassen, wie sie ihn sich vorstellen und anderen präsentieren möchten," so Stirn zur Frankfurter Rundschau.

Das Intimideal

Der plastische Chirurg aus Mannheim beschreibt das Intimideal: "Die großen, äußeren Schamlippen bedecken im Idealfall die inneren, kleinen Schamlippen." Allerdings verlängern sich im Lauf des Lebens die inneren Labien bei vielen Frauen, zum Beispiel durch Schwangerschaft oder schlicht beim Älterwerden. "Es ist völlig normal, wenn die kleinen Schamlippen über die großen hinausragen", sagt Marita Eisenmann-Klein aus Regensburg, Generalsekretärin des Weltverbands für Plastische Chirurgie (IPRAS).

Das äußere Genitale sei sehr variabel in seiner Ausbildung. "Da werden neue Normen gesetzt. Es entlastet viele Patientinnen, wenn sie von professioneller Seite hören, dass sie völlig normal sind" (Ärzte Zeitung 2009, 38, S. 2).

Wenngleich operativ bedingte Komplikationen der Initimchirurgie bei erfahrenen Chirurgen nach Angaben der DGGG offenbar nicht häufig sind, lassen sie sich nicht ausschließen. Ein systematisches Monitoring oder größere Studien zu den Langzeit-Ergebnissen ästhetischer Operationen gibt es in Deutschland nicht, so dass Daten fehlen zur Wahrscheinlichkeit für bestimmte Komplikationen bei den verschiedenen Eingriffen.

Narbenprobleme könnten Schmerzen auslösen

Bei der Schamlippenreduktion müsse mit Infektionen gerechnet werden, so Eisenmann-Klein, da in einem von Bakterien besiedelten Bereich operiert werde. Auch bestehe die Gefahr, dass zu viel von den Schamlippen weggenommen werde, weil die Narbenschrumpfung nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Narbenprobleme könnten Schmerzen und Spannungsgefühle hervorrufen, vor allem beim Geschlechtsverkehr. Auch Sensiblitätsstörungen könnten auftreten. Die DGGG weist daraufhin, dass Komplikationen und Langzeitfolgen der Intimchirurgie auch Jahre nach dem Eingriff Sexualleben und Lebensqualität beeinträchtigen könnten.

Wie viele intimchirurgische Eingriffe in Deutschland gemacht werden, ist unbekannt. Eine Untersuchung im Auftrag der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft schätzte die Zahl der Schamlippenkorrekturen bereits für das Jahr 2005 auf circa tausend, schon damals rechneten aber die Autoren mit einer erheblichen Dunkelziffer.

Die DGGG empfiehlt allen ästhetischen Chirurgen, die Motive der Operation genau abzuklären, nur bei körperlichem Befund zu operieren, darüber zu informieren, dass es keine wissenschaftlichen Daten zu anhaltenden psychischen oder körperfunktionalen Verbesserungen gibt, über Risiken umso intensiver aufzuklären, je weniger der Eingriff eine Heilbehandlung ist und darauf hinzuweisen, dass es für die Intimchirurgie keine wissenschaftlich erarbeiteten Operationsstandards gibt, die bei unzureichendem Ergebnis als Klagegrund verwendbar wären.

"Nicht unkritisch einem Modetrend folgen"

Heinz Bull (Krefeld), Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie (GÄCD), sagte der FR: "Auch im Namen der Fachgesellschaft - ich bin mit den Empfehlungen der DGGG vollständig einverstanden. Man sollte da nicht unkritisch einem Modetrend folgen." Dass das GÄCD-Mitglied aus Mannheim es offenbar anders hält, weiß auch Bull.

Auf dem Internet-Portal allerdings, welches unter dem Namen des GÄCD-Präsidenten selbst erscheint, wird ebenfalls Schamlippenkorrektur als Leistung angeboten unter Hinweis auf "ideale" und "unschöne" Formen.

Dasselbe Portal nutzt Matthias Gensior (Korschenbroich), Generalsekretär der GÄCD. Er hält bei der Intimchirurgie eine genaue Abklärung der Motivation für wichtig. "Die Patientin selbst muss das wollen, wenn sie auf ihren Partner oder Ehemann verweist, wäre das für mich persönlich schon ein Grund, einen solchen Eingriff nicht vorzunehmen."

Einen allgemeinen Verhaltenskodex für Schönheitschirurgen aber gebe es nicht, "wir arbeiten daran", sagt Gensior. Klar sei, dass die GÄCD jegliche Art von Schönheitsoperationen bei Menschen unter 18 Jahren ablehne - von Ausnahmen wie Ohrkorrekturen abgesehen.

Die GÄCD schätzt die Zahl der schönheitschirurgischen Eingriffe insgesamt auf circa 400:000 (für 2007). Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf knapp tausend Ärzte aus entsprechenden Fachgesellschaften. Laut dem Gutachten von Korczak gibt es dagegen mehr als zweitausend im Bereich der Schönheitschirurgie tätige Ärzte, die Zahlen sind also nicht vollständig.

Hinzu kommen die Faltenbehandlungen mit Botulinum-Toxin, Unterspritzung mit sogenannten "Fillern" (Kollagen, Hyaluronsäure) oder Laserbehandlung (Dermabrasion), deren Zahl allein von den 470 GÄCD-Mitgliedern auf gut 100:000 im Jahr 2007 beziffert werden - Tendenz steigend, vor allem bei Männern. Die Einnahmen aus schönheitschirurgischen Eingriffen beliefen sich auf circa 800 Millionen Euro pro Jahr.

Schönheitschirurgen klären zu selten psychiatrische Störungen ab

Im Gutachten von Korczak wird moniert, dass Schönheitschirurgen zu selten psychiatrische Störungen durch sachverständige Kollegen abklären lassen. Bei 17 Prozent derer, die einen solchen Eingriff vornehmen ließen, hat die Studie das Risiko einer Körperbildstörung offenbart.

Nach Ansicht des Medizinethikers Giovanno Maio, Direktor des interdisziplinären Ethikzentrums der Universität Freiburg, trägt die ökonomisch motivierte Expansion des ärztlichen Berufs in die wunscherfüllende Medizin zum zunehmenden Gesundheitskult der Menschen bei.

"Da erschließen sich Ärzte zwar lukrative Bereiche, die aber mit Heilung oder Linderung von Krankheiten nicht mehr viel zu tun haben", sagte Maio auf einem Symposium zum Medizinrecht in Köln. "Klinik-Hotels", die biomedizinische Techniken zur Verbesserung gesunder Menschen anbieten, sind für Maio "Fabriken der Entfremdung". "Die Medizin erfüllt nicht nur Wünsche, sie weckt auch Wünsche und unterstützt die Menschen in ihren teilweise irrationalen Erwartungen an Ärzte."

Schließlich werden schönheitschirurgische Eingriffe massiv beworben von den Anbietern, häufig verbunden mit dem Hinweis, dass die Klinik bei der Vermittlung einer Finanzierung behilflich sein kann, damit die Erfüllung des Wunsches nicht am Geld scheitert.

Dass die Medizin zusätzlich zu den Medien einen Verstärker-Effekt auf den Wunsch nach Körperveränderung hat, glaubt auch die Frankfurter Psychosomatikerin Aglaja Stirn. "In unserer beziehungsveränderten Welt, die die Spielräume immer mehr vergrößert, findet ein Wertewandel statt, hin zu einer stärker marktorientierten Gestaltung des Körpers", sagt Stirn. Die Medizin mache diesen Wunsch realisierbar und sie spreche darüber.

"Den Wertewandel kann man vielleicht bedauern, er bedeutet aber natürlich nicht, dass jeder, der eine Körperkorrektur vornehmen lässt, krank wäre", meint Stirn. Es gebe Frauen, die mit einer korrigierten Brust glücklicher seien als zuvor und gestärkt in eine Partnerschaft gingen. Stirn: "Es sollte aber genauer als bisher nach psychischen Problemen geschaut werden, und wenn es sie gibt, dann muss man sie psychosomatisch behandeln."

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