Manchmal reicht die Erinnerung an den Heuschnupfen – und schon läuft die Nase. Andrea Warnecke/dpa
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Manchmal reicht die Erinnerung an den Heuschnupfen – und schon läuft die Nase. 

Allergien

Schniefen ohne Pollen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Tübinger Forscher belegen erstmals, dass allergische Reaktionen bereits durch die Umgebung ausgelöst werden können. Ein Experiment, bei dem auch der Schlaf eine wichtige Rolle spielt.

Man kennt es vom Pawlow’schen Hund, dem bereits das Wasser im Maul zusammenlief, wenn er nur einen Glockenton hörte, den er mit der bevorstehenden Fütterung in Verbindung brachte. In der Psychologie wird dieser Vorgang des Lernens einer bedingten Reaktion Konditionierung genannt, das Experiment des russischen Wissenschaftlers Iwan Petrowitsch Pawlow aus dem Jahr 1905 gilt zudem auch als Geburtsstunde der Placeboforschung.

Auf weniger angenehme Weise als beim Vierbeiner des späteren Nobelpreisträgers kann sich dieser Prozess auch bei Allergikern abspielen. Das hat nun ein Forschungsteam der Universität Tübingen festgestellt. Demnach können die typischen Reaktionen wie Niesen, eine laufende Nase und tränende Augen bei Allergikern auch dann auftreten, wenn sie gar nicht direkt den allergieauslösenden Pollen und Gräsern ausgesetzt sind, sondern lediglich in die gleiche Umgebung zurückkehren, in der sie vorher mit diesen Stoffen konfrontiert waren. Allerdings stellte sich dieser Effekt nur dann ein, wenn der Konditionierung eine Schlafphase folgte. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Luciana Besedovsky und Jan Born vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Uni Tübingen veröffentlichten ihre Erkenntnisse im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Am Experiment teilgenommen haben Frauen und Männer, die unter Heuschnupfen leiden. Sie versammelten sich in einem neutralen Versuchsraum und bekamen dort ein Nasenspray verabreicht, das ihre individuellen Allergene – bestimmte Gräser- oder Birkenpollen – enthielt. Wie zu erwarten reagierten alle Probanden mit einer allergischen Reaktion, deren Stärke die Wissenschaftler anschließend über die Menge eines bestimmten Enzyms im Nasensekret bestimmten.

Nach dem Experiment legte sich die Hälfte der Versuchspersonen für acht Stunden schlafen, die anderen Teilnehmer mussten bis zum kommenden Abend wach bleiben – und hatten damit nur scheinbar das schlechtere Los getroffen… Denn als das Experiment eine Woche später im selben Raum wiederholt wurde, stellte sich das große Niesen und Schniefen nur bei der anderen Gruppe ein – und das, obwohl ihnen dieses Mal gar kein Spray mit ihren persönlichen Allergenen in die Nase gesprüht wurde.

„Die Probanden reagierten schon kurz nach Betreten des Versuchsraums mit allergischem Schnupfen. Allerdings nur die aus der Schlafgruppe“, berichtet Luciana Besedovsky. Das Immunsystem der Frauen und Männer, die beim ersten Experiment wachbleiben mussten, blieb dagegen vom neuerlichen Aufenthalt im Versuchsraum ungerührt. Führte man die Teilnehmer der Schlafgruppe in ein anderes Zimmer, so blieb auch bei ihnen die allergische Reaktion aus.

Verknüpfung im Gehirn

„Wie bei klassischen Lernprozessen aus anderen Zusammenhängen spielte die Schlafphase in unserer Studie eine entscheidende Rolle“, erklärt Jan Born: „Nur so verknüpfte das Gehirn eine bestimmte Umgebung fest mit einer allergischen Reaktion.“ Die Wissenschaftler sehen ihr Experiment als einen „ersten Beleg“ dafür an, dass allein ein bestimmter Ort eine allergische Reaktion auslösen kann. Sie gehen davon aus, dass der Hippocampus bei der Konditionierung durch die Umwelt eine zentrale Rolle spielt.

Der Hippocampus ist eine Hirnregion, die zum Limbischen System gehört und an vielen Gedächtnis- und Lernprozessen beteiligt ist. Es ist eines der wenigen Areale im Gehirn, in denen ein Leben lang neue Nervenzellen gebildet werden können. Und: Der Hippocampus arbeitet schlafabhängig. Schon lange ist bekannt, wie wichtig der Schlaf für das Lernen und allgemein für das Verarbeiten von Informationen ist.

Bei Allergikern ist das Immunsystem in diesem Fall der lernende Akteur im Körper. Allergien entstehen, weil es überschießend auf eigentlich harmlose Substanzen aus der Umwelt reagiert, die es so bewertet, als wären es gefährliche Krankheitserreger. Das können Gräser und die Pollen bestimmter Pflanzen sein, die bei immer mehr Menschen Heuschnupfen auslösen. Aber auch Lebensmittel – zum Beispiel Beeren, Nüsse oder Krebstiere -, Kosmetika oder Inhaltsstoffe von Medikamenten sind häufige Verursacher von Allergien.

Eine Allergengabe genügte

Beim ersten Kontakt mit einem solchen Allergen kommt es zur Sensibilisierung, bei einem erneuten Zusammentreffen erinnert sich das Immunsystem daran und aktiviert blitzschnell alle verfügbaren Abwehrmechanismen – die sich je nach Auslöser und betroffenem Organ als Niesen, Husten, Bindehautentzündung oder Ausschlag bis hin zum allergischen Schock äußern können.

Beim Experiment der Tübinger Forscher setzte das Immunsystem diese heftige Abwehrreaktion auch bereits dann in Gang, wenn es gar nicht mit den entsprechenden Antigenen in Berührung kam, sondern sich nur einer Situation ausgesetzt sah, in der diese vermeintlich gefährlichen Stoffe schon einmal aufgetaucht waren. „Erstaunlich ist, wie schnell das Immunsystem die fehlangepasste Reaktion erlernt“, sagt Luciana Besedovsky: „Im Experiment genügte eine einzige Allergengabe, um die allergische Reaktion mit der Umgebung zu verknüpfen.“ Diese Erkenntnis bringe sowohl die Allergie- als auch die Schlafforschung voran. Auf welche Weise dieses Wissen die Situation von Allergiegeplagten verbessern könnte, lässt sich allerdings noch nicht sagen: Der Verzicht auf Schlaf zumindest ist keine Option.

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