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Kopfschmerzen kennen die meisten Menschen, bei manchen werden sie sogar chronisch.

Kopfweh, Migräne, Nervenschmerzen

Schnelle, professionelle Hilfe für Schmerzpatienten

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Trotz besserer Behandlungsmöglichkeiten ist eine adäquate Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland nicht gewährleistet.

Schmerzen gehören zu den am meisten verbreiteten Leiden. Kopfweh etwa dürfte fast jeder erwachsene Mensch kennen. Weltweit rangiert es bei den unter 50-Jährigen als Erkrankung auf Platz eins. Allein in Deutschland leiden zudem 18 Millionen unter Migräne. Und in Krankenhäusern klagt rund die Hälfte der Patienten unter Schmerzen nach einer Operation, bei einem Viertel fallen diese sogar sehr stark aus.

Doch trotz der großen Häufigkeit von Schmerzen ist die Versorgung der Patienten in Deutschland oft nicht befriedigend. Das kann fatale Folgen haben: Denn akute Schmerzen neigen bei unzureichender Behandlung nach wenigen Monaten zur Chronifizierung und sind dann schwerer in den Griff zu bekommen. Fehlende Therapiemöglichkeiten indes sind nicht der Hauptgrund für diese Situation, in dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahren viel getan.

Doch die Erkenntnisse aus der Forschung würden zu wenig in der Praxis umgesetzt, sagt Stefanie Förderreuther, Oberärztin an der Neurologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München und Präsidentin der Deutschen Migräne und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). „Trotz aller Fortschritte benötigen wir mehr Spezialisten.“

Beim Deutschen Schmerzkongress mit rund 2300 Teilnehmern vergangene Woche in Mannheim war der aktuelle Forschungsstand ebenso Thema wie die Frage, auf welche Weise sich die Schmerzbehandlung in der Praxis verbessern ließe. Veranstaltet wird der Kongress alljährlich von der Deutschen Schmerzgesellschaft und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.

Bei Kopfschmerzen  sei es heute möglich, dass jeder Patient eine individuelle Therapie erhalten, erklärt Stefanie Förderreuther. Die Betroffenen müssten nur richtig diagnostiziert und behandelt werden. Doch Kopfschmerzen würden immer noch „viel zu oft bagatellisiert“, in der hausärztlichen Praxis sei häufig zu wenig Zeit für diese Patienten. Erst vor wenigen Tagen habe eine Analyse bestätigt, dass vorbeugende Maßnahmen zu selten eingesetzt und die Empfehlung der Leitlinien zu Kopfschmerzen zu wenig befolgt würden.

Die Deutsche Schmerzgesellschaft informiert auf www.dgss.org ausführlich zum Thema Schmerz.

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft tut das auf www.dmkg.de und liefert zudem Adressen von Spezialisten.

Zur Initiative „Attacke! Gemeinsam gegen Kopfschmerzen“ finden sich Infos auf www.attacke-kopfschmerzen.de. Dort finden Ärzte auch Fortbildungsangebote.

Eine von der DMKG ins Leben gerufene Kampagne mit dem Titel „Attacke! Gemeinsam gegen Kopfschmerzen“ soll helfen, das Bewusstsein für diese Erkrankung bei Patienten und Ärzten zu erhöhen. Gerade Hausärzten komme eine „Schlüsselrolle“ zu, sagt Stefanie Förderreuther, für sie seien Weiterbildungen wichtig. Denn der Hausarzt ist meist die erste Anlaufstelle. Er muss einschätzen, welche Art von Kopfschmerzen vorliegt und welche Ursache dahinterstecken könnte; es sind rund 200 bekannt, von der harmlosen Verspannung bis zum lebensbedrohlichen Hirntumor. Auf dieser Basis muss der Hausarzt dann entscheiden, ob er jemand selbst behandelt oder zu einem Spezialisten oder in eine Klinik schickt.

Damit sich ein Arzt gut vorbereiten kann und mehr Zeit für die Beratung bleibt, wäre es sinnvoll, wenn er vorher zum Beispiel schon wüsste, welche Medikamente ein Patient bereits eingenommen hat, sagt Stefanie Förderreuther. Zu diesem Zweck will die DMKG ein bundesweites Kopfschmerzregister starten, das durch eine App für das Smartphone ergänzt wird. Auf diese Weise könnten Patienten ihrem Arzt wichtige Daten zur Verfügung stellen; deren Sicherheit soll dabei gewährleistet sein.

Ein Problem ist auch, dass viele Patienten sich selbst therapieren. Tatsächlich können Wirkstoffe wie Paracetamol oder Ibuprofen bei akuten Spannungskopfschmerzen gut helfen – werden sie jedoch an mehr als zehn Tagen im Monat eingenommen, führen sie selbst zu Kopfschmerzen und fördern deren Chronifizierung, warnt Förderreuther.

Vor allem auch bei Migräne  sollten Patienten auf Selbstmedikation verzichten und versuchen, das Ausmaß der Erkrankung mit Prophylaxe zu reduzieren, empfehlen Experten. Migräne äußert sich in Attacken mit schweren, meist pulsierenden, einseitigen Kopfschmerzen, und bei einigen Patienten zudem mit Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit.

Bei der Migräneprophylaxe sind jüngst weitere Optionen hinzugekommen. So wurden 2018 und 2019 in Deutschland drei Mittel zur Vorbeugung zugelassen, die erstmals direkt in den Mechanismus beim Entstehen einer Attacke eingreifen: Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab. Bei allen handelt es sich um Antikörper, die das Protein Calcitonin gene-related peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor blockieren. CGRP ist ein Botenstoff, der Schmerzsignale überträgt und Blutgefäße erweitert. In Studien hätten die Antikörper die Häufigkeit der Attacken um 50 Prozent reduziert, erklärt Charly Gaul, Ärztlicher Direktor der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Auch seine Erfahrungen aus der eigenen Praxis seien positiv. Gaul berichtet davon, dass kaum Nebenwirkungen zu beobachten seien – was dazu führe, dass die Patienten die Therapie durchhalten (die Mittel werden vom Arzt regelmäßig injiziert). Das unterscheide die neuen Mittel von anderen Medikamenten zur Prophylaxe – Beta-Blockern und trizyklischen Antidepressiva –, die wegen Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Gewichtszunahme oft wieder abgesetzt würden.

Allerdings komme das Protein CGRP nahezu überall im Körper vor, sagt Charly Gaul. Deshalb seien auch Effekte an anderen Organen denkbar. Ob es dazu kommt, könnten erst Langzeiterfahrungen zeigen. Auch kann man sich bislang noch nicht erklären, warum nur ein Teil der Patienten auf die Antikörper anspricht. Wissenschaftler hoffen, Biomarker zu finden, mit denen sich das vor der Therapie feststellten lässt. Das wäre nicht nur sinnvoll, um Patienten einen unnötigen Behandlungsversuch zu ersparen, sondern auch aus dem Grund, weil die Antikörper sehr teuer sind. Verschrieben werden dürfen sie derzeit nur Patienten, die unter chronischer Migräne leiden und bei denen andere Methoden nicht helfen oder zu Unverträglichkeiten geführt haben.

Neue Erkenntnisse gibt es auch auf dem Gebiet der Phantom- und Nervenschmerzen. So habe man festgestellt, dass eine „Spiegeltherapie“ bei Phantomschmerzen  helfen kann, berichtet Christian Maihöfner, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum Fürth. Ein US-Neurologe fand heraus, dass es Wirkung zeigte, wenn er Patienten mit einem amputierten Bein durch einen Spiegel optisch „vorgaukelte“, die verlorenen Gliedmaßen wären noch vorhanden. Eine solche Therapie, sagt Maihöfner, könne auch bei neurologischen Ausfällen nach einem Schlaganfall helfen.

Nervenschmerzen  können Folgen von Gürtelrose, Diabetes, aber auch von Schlaganfall und Multiple Sklerose sein, sagt Maihöfner. oft seien die Ursachen aber nicht mehr erkennbar. Etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden unter Nervenschmerzen, für die gerade neue Leitlinien herausgekommen sind. Bei der medikamentösen Therapie gelten nun als erste Wahl Pregabalin, eine relativ neue Substanz, die gezielt auf bestimmte Zellen im Kleinhirn wirkt, das Anti-Epileptikum Gabapentin sowie Duloxetin, das schmerzhemmende Nervenbahnen stimulieren soll, und trizyklische Antidepressiva.

Von Schmerzen verschiedenster Art werden Patienten in Kliniken und Bewohner von Pflegeeinrichtungen geplagt. Im Krankenhaus bestehe das Risiko, dass Schmerzen nach Operationen,  wie sie häufig auftreten, chronisch würden, wenn man sie nicht rechtzeitig erkenne und behandele, sagt Claudia Sommer, Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft und leitende Oberärztin an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg. „Der Chirurg schaut dann vor allem, ob sein Eingriff gut verlaufen ist.“ Schmerzen könnten so leicht vernachlässigt werden. Damit sie nicht chronisch würden, sei ein „umfassendes Schmerzmanagement“ vonnöten. Gleiches gelte für Pflegeeinrichtungen, wo insbesondere Menschen mit Demenz gefährdet seien, da sie nicht in der Lage seien, über ihr Befinden Auskunft zu geben. Eine Lösung sehen Experten in „Pain Nurses“, Pflegekräften, die sich zum Thema Schmerz weitergebildet haben. 25 000 davon arbeiten bereits in Deutschland; in etwa 70 Prozent der Krankenhäuser gibt es „Pain Nurses“. Das ist zwar die Mehrzahl, bedeutet aber noch längst keine flächendeckende Versorgung.

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