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Come together: Studierende tauschen sich in der Bibliothek aus.

Haifa

Schmelztiegel der Kulturen

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Studierende im Norden Israels erleben jeden Tag auf dem Campus in Haifa ein tolerantes Miteinander von verschiedenen Religionen.

An der Universität Haifa ist Diversität selbstverständlich. Ebenso wie die Hochschule ist die gleichnamige Hafenstadt im Norden Israels ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen: Juden, Muslime, Christen und Drusen leben dort; sie arbeiten zusammen, treffen im Bus oder im Fußballstadion aufeinander. „Es ist ganz normal, dass Juden auch in arabische Restaurants gehen“, berichtet der 22-jährige Politikwissenschaftsstudent Daniel Kanevski. Dass er an der Uni Haifa studieren kann, sieht er als eine „große Chance“.

Seine Eltern, die vor seiner Geburt aus der Ukraine nach Israel eingewandert sind, besitzen keine akademische Ausbildung. Kanevski ging in einem Brennpunktviertel zur Schule, wo es viele Konflikte gab. Später diente er bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF), musste aber wegen einer Verletzung ausscheiden. Einem Stipendium einer US-amerikanischen Stiftung verdankt er nun die Möglichkeit zu studieren. „Dass ich mal zur Uni gehen werde, hätte ich nie gedacht. Meine Freunde sind beeindruckt, dass ich das geschafft habe“, sagt Kanevski.

Die Uni

Die staatliche Universität Haifa ist in der gleichnamigen nordisraelischen Hafenstadt am Rücken des Karmel-gebirges beheimatet. Mehr als 18 000 Studierende aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen durchlaufen dort ihre akademische Ausbildung: Juden, Muslime, Christen und Drusen. Die Universität Haifa steht für Liberalität und Diversität. Mehr Infos im Netz: www.haifa.ac.il

Interkulturelle Verständigung gehört für ihn wie für seine Kommilitonen in Haifa zum Alltag. Es gibt verschiedene Programme, etwa die Veranstaltung „Brich das Eis“, bei der arabische und jüdische Studierende gemeinsam zum Klettern in die Schweiz fahren. Wie sich die Studierenden kleiden, ist kein Politikum auf dem Campus. „Ob Hijab oder Kippa – jeder kann tragen, was er möchte“, sagt Daniel Kanevski. Dass derzeit auf der politischen Ebene die orthodoxe jüdische Minderheit eine sehr laute Stimme in Israel habe, sieht der Student gelassen; aus seiner Sicht habe das wenig Einfluss auf das alltägliche, meist gut funktionierende Zusammenleben der Kulturen in seinem Land.

Auch zum Feiern kommen die Studierenden zusammen, beim Purimfest etwa mischen sich die Religionen und Sprachen. Besonders gut kommen bei den Gästen die verschiedenen typischen Gerichte an. „Innerhalb der jungen modernen Generation gibt es viele Verbindungen und Freundschaften, wir laden uns gegenseitig ein und essen zusammen“, sagt Tamara Halwani, die Muslima studiert Sozialwissenschaften und gehört zu den rund 20 Prozent der arabischen Israelis im Land.

Auch die 23-jährige Jüdin Linoy Kudinsky schwärmt vom Zusammenleben auf dem Campus. „Ich habe mich mit einer Muslima angefreundet. Zu Anfang dachte ich, wir könnten niemals beste Freundinnen werden.“ Heute wundert sie sich, wie sie das jemals denken konnte. „Ich war nervös, als ich zum ersten Mal bei ihrer konservativen Familie eingeladen war.“ Doch diese Bedenken sind verflogen. „Die Mutter meiner Freundin liebt mich. Wir übernachten beieinander, fahren gemeinsam in den Urlaub und essen miteinander.“

Blick auf den Campus der Uni Haifa.

Linoy Kudinsky macht gerade ihren Master, ihr Schwerpunkt sind asiatische Märkte. Auch sie profitierte von einem Stipendium: Linoy Kudinsky studierte ein Jahr in Taiwan. Außerdem hat sie bereits an mehreren Fremdsprachen-Wettbewerben auf Koreanisch und Chinesisch teilgenommen. Außerdem ist sie ein großer Fan der Tage der Kultur, die die Fachbereiche veranstalten. Dort werden Nationalitäten aus aller Welt auf dem Campus vorgestellt.

Neben Kanevski, Kudinsky und Halwani war auch der Student Taimur Mansour kürzlich in Deutschland, um im Team mit Studierenden aus der ganzen Welt die Vereinten Nationen zu simulieren. Der 30-jährige Mansour ist Teil der Minderheit der israelischen Drusen, die sich im 11. Jahrhundert vom schiitischen Islam abspalteten und eine eigenständige Religion vertreten. Er lebt in dem Ort Isfiya im Karmel-Gebirge. Wie die anderen israelischen Teilnehmer, darunter auch die arabischstämmige Christin und Jurastudentin Luna Shakkour, hat auch er die Debatten und offene Atmosphäre des Treffens genossen. Sein Fazit: „Trotz aller Spannungen auf internationaler Ebene können wir als Individuen miteinander befreundet sein.“

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