Seit 1972 wurden 27 Schaltsekunden eingefügt. Das sorgt in Zeiten digitaler Technik jedoch für Probleme.
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Seit 1972 wurden 27 Schaltsekunden eingefügt. Das sorgt in Zeiten digitaler Technik jedoch für Probleme.

Erdrotation und Weltzeit

Pause für die Schaltsekunde – System soll überarbeitet werden

  • Tanja Banner
    VonTanja Banner
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Im Alltag stört eine eingefügte Schaltsekunde nicht – doch digitale Technik kann sie aus dem Tritt bringen. Deshalb hat die Schaltsekunde erstmal Pause.

Versailles – 86.400 Sekunden ergeben einen Tag – zumindest in der Theorie. In der Praxis gibt die Erdrotation den Takt vor und die schwankt etwas. In der Regel verlangsamen die Gezeitenkräfte des Mondes die Erde um etwa 1,78 Millisekunden pro hundert Jahre. 2020 hatte sich die Erdrotation jedoch gegen den Trend beschleunigt – es wurde der kürzeste Tag gemessen.

Seit 1972 hilft eine Schaltsekunde, wenn die Abweichung zwischen Erdrotation und offizieller Weltzeit mehr als 0,9 Sekunden beträgt. Bisher wurden 27 Schaltsekunden eingefügt. Sie wird in der Jahresmitte oder an Silvester eingeschoben, um Erdrotation und Uhrzeit wieder in Einklang zu bringen. Während Menschen das – im Gegensatz zum Schalttag oder etwa der Zeitumstellung – gar nicht merken, sorgt die Schaltsekunde technisch für Probleme. Aus diesem Grund soll das Einfügen einer Schaltsekunde ab 2035 erst eimal ausgesetzt werden.

Schaltsekunde soll pausieren – Erdrotation und Weltzeit driften auseinander

Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht im Schloss Versailles hat deshalb beschlossen (PDF des Beschlusses), dass die maximal akzeptierte Abweichung von Erdrotation und Weltzeit bis spätestens 2035 neu festgelegt werden soll. Das Internationale Komitee für Gewicht und Maß (CIPM) soll gemeinsam mit der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) und anderen Organisationen eine neue Regelung erarbeiten, die bis 2035 in Kraft treten kann und „die Weltzeit für mindestens ein Jahrhundert“ stabil hält.

Das Aussetzen der Schaltsekunde könnte dafür sorgen, dass die offizielle Weltzeit und die Erdrotation um bis zu einer Minute auseinanderdriften. Für den Alltag hätte das jedoch keine Bedeutung.

Schaltsekunde sorgt für Probleme mit Atomuhren

Die Schaltsekunde sorgt vor allem in dem Bereich für Probleme, in dem die Uhrzeit auf Atomuhren basiert. Dort ist das Einfügen einer Schaltsekunde nicht einfach – es gibt drei Möglichkeiten: Die Zeit kann für eine Sekunde angehalten werden, die Sekundenzählung auf 61 erweitert werden oder der Takt der Uhren wird für kurze Zeit verlangsamt. Weil das bei jeder Organisation und jedem Unternehmen anders gehandhabt wird, kommt es in der Zeit vor der Einfügung einer Schaltsekunde zu vorübergehenden Abweichungen. Das sind zwar nur Sekundenbruchteile, doch bei digitalen Systemen oder der Finanzwelt kann das zu Problemen führen.

Die schnellere Erdrotation kann außerdem dazu führen, dass irgendwann eine negative Schaltsekunde nötig wird – das wurde bisher noch nie gemacht und es ist unklar, ob und wie es technisch möglich ist. Ein weiterer Grund, der für die Fachleute dafür spricht, das Prinzip der Schaltsekunde zu überarbeiten.

Weil die Schaltsekunde immer wieder zu Problemen in technischen Programmen, in der Raumfahrt und Satellitennavigation führt, hatten bereits im Sommer mehrere Technologie-Unternehmen – darunter Meta, Google, Microsoft und Amazon – gefordert, keine weiteren Schaltsekunden mehr einzuführen. (tab)

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