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Rotmilane kommen vor allem in Mittel- und Ostdeutschland vor. Ihre Bestände sind stark gefährdet.

Artenschutz

Rotmilan contra Wasserstoff

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Eine Studie zeigt: Der Konflikt zwischen Artenschutz und Energietechnik wäre lösbar – aber es müsste sich einiges ändern.

Der Rotmilan ist für Naturfreunde hierzulande das Wappentier, wenn es um die Konflikte zwischen Vogelwelt und Windkraft geht. Sein weltweit wichtigstes Verbreitungsgebiet hat der Greifvogel nämlich in Deutschland, vor allem in Mittel- und Ostdeutschland. Seine Bestände sind besonders dort gefährdet, wo viele Windanlagen stehen. Neben dem Mäusebussard gehört der Rotmilan zu den am häufigsten registrierten Kollisionsopfern an Windrädern, für ihn ist es sogar die häufigste gemeldete Todesursache in Deutschland. Präzise Schätzungen, wie viele Vögel und Fledermäuse insgesamt auf diese Weise zu Tode kommen, sind schwierig. Die bundesweite Zahl bewegt sich zwischen 10 000 und 100 000 Tieren jährlich.

Dennoch will sich zum Beispiel der Naturschutzbund (Nabu) keineswegs das Etikett eines „Windkraft-Bremsers“ anheften lassen. Verglichen mit der Gesamtzahl der Windräder bewegten sich die Klagen seines Verbandes „im Promillebereich“, erklärte jüngst Nabu-Chefornithologe Heinz Kowalski. Der Rotmilan sei allerdings die Vogelart, „für die wir weltweit die höchste Verantwortung haben“, beschreibt Kowalski den hier besonders zugespitzten Konflikt zwischen Arten- und Klimaschutz.

Wie der aufgelöst werden könnte – dazu hatte der Nabu das Wuppertal-Institut mit einer Studie beauftragt, deren Ergebnisse er Mitte Mai vorstellte. Die Essenz: Ein naturverträglicher Klimaschutz ist möglich, setzt aber deutlich andere Akzente. So müsse künftig viel stärker auf die Solarenergie gesetzt werden. Derzeit hätten Wind und Sonne bei der Stromerzeugung ein Verhältnis von 2,5 zu eins. In einigen Energiewende-Szenarien verschlechtere sich das Verhältnis sogar auf vier zu eins.

Der Nabu plädiert dagegen für ein Wind-Solar-Verhältnis von zwei zu eins als langfristiges Ziel. Zumindest rechnerisch dürften dann etwa 7000 Windanlagen – rund ein Viertel bis ein Fünftel des gesamten Zubaus – bis 2050 nicht errichtet werden.

Die Solarpaneele sollen vor allem auf Dächern und anderen Siedlungsflächen Platz finden. Ein Konzept, das auch der im Februar veröffentlichte „Erneuerbare-Energien-Report“ des Bundesamts für Naturschutz fordert, wobei das Amt einen Schwerpunkt auf städtischen Mieterstrom legen möchte.

Zweifel hegt die Wuppertal-Studie auch an der Naturverträglichkeit einer grünen Wasserstoffwirtschaft. Wolle man zum Beispiel die gesamte Stahl- und Zementherstellung in Deutschland auf „grünen“, mit Ökostrom erzeugten Wasserstoff umstellen, erfordere das eine Strommenge von 126 Milliarden Kilowattstunden. Der dafür absehbare Bau tausender neuer Windstromanlagen – die Studie kommt auf 50 000 Megawatt an zusätzlich benötigter Kapazität – würde die Vorteile eines stärkeren Solarausbaus zunichtemachen.

Studienautor Sascha Samadi kommt deswegen zu der Überlegung, ob man in den Industriesektoren, die „nicht ganz so leicht zu dekarbonisieren“ sind, vielleicht besser die CCS-Technologie einsetzen sollte.

Das Leben der Kohleverstromung durch CCS verlängern – dagegen habe sich sein Verband immer konsequent eingesetzt, betont Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. Dabei bleibe es auch. Die Frage sei nur, was man mit Industrie-Emissionen anstelle, wenn alle anderen Möglichkeiten sich als nicht gangbar erweisen. Der Nabu setze hier auf den Diskurs mit der Industrie. „Die letzten fünf Prozent CO2-Einsparung werden die teuersten und schwierigsten“, meint der Verbandspräsident.

Eine weitere Möglichkeit, der sich verschärfenden Flächenkonkurrenz in Deutschland aus dem Weg zu gehen, sieht das Wuppertal-Gutachten darin, mehr Ökostrom oder „grüne“ synthetische Kraftstoffe zu importieren.

„Bezüglich der Akzeptanz wie auch der Naturverträglichkeit erscheint eine durch importierte Energieträger geminderte Nutzung insbesondere der Windenergie und der Biomasse vorteilhaft“, ist in der Studie zu lesen. Auch die Branche, die auf grünes Gas setzt, ist sich einig, dass es ohne Erneuerbaren-Importe nicht gelingen wird, die Bundesrepublik klimaneutral zu machen.

Erwartungsgemäß sieht die Studie auch die Nutzung von Biomasse kritisch – aber nicht allein, weil in den Monokulturen die Bestände von Kiebitzen und Feldlerchen kräftig zurückgehen, wie Nabu-Ornithologe Kowalski bemerkt. Pro Hektar könnte man laut Studie mit Photovoltaik ein Mehrfaches an Energie „ernten“, als wenn auf der Fläche Biomasse angebaut und dann verwertet wird.

„Wir wollen die Klimaziele erreichen, aber die Biodiversität nicht opfern“, bringt Olaf Tschimpke die Herausforderung auf den Punkt. Die gleicht schon einer Quadratur des Kreises.

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