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Befürworter der Digitalisierung monieren, dass in den Kliniken immer noch zu viel auf Papier und oft handschriftlich festgehalten wird.

Digitalisierung

Der Roboter als Diagnostiker und Operateur

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Die Digitalisierung in Krankenhäusern umfasst nahezu alle Bereiche von der Aufnahme bis zum Eingriff und wird Berufsbilder gravierend verändern. Deutschland hinkt noch hinterher.

Das Berufsbild des Arztes wird sich gravierend verändern, er wird in Zukunft nicht mehr der alleinige Wissensträger sein. Er muss auch gar nicht mehr alles wissen. Stattdessen werden Künstliche Intelligenzen viele Aufgaben übernehmen. Ärzte können sich dadurch wieder mehr um die Belange der Patienten kümmern.“ Das sagt Jochen Werner, der selbst Mediziner ist und als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen eine der großen Kliniken in Deutschland leitet. Das Haus mit 1700 Betten und rund 8000 Mitarbeitern befindet sich auf dem Weg zum „Smart Hospital“ – was bedeutet: Die Digitalisierung hat schon viele Bereiche erfasst und wird weiter ausgebaut. Das fängt bei einem digital unterstützten Callcenter an, das die telefonische Erreichbarkeit verbessern soll, beinhaltet Orientierungshilfen, die es Besuchern erleichtern sollen, sich zurechtzufinden oder Identifikations-Armbänder für die Patienten, die sich scannen lassen und die Gefahr von Verwechslungen minimieren sollen. Auch Organisationsprozesse – etwa bei der Aufnahme – werden zum Teil elektronisch abgewickelt.

Im medizinischen Bereich beginnt es mit dreidimensionalen Computertomografie-Ausdrucken und reicht bis zu Systemen künstlicher Intelligenz, die verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Ein hochentwickelter Roboter steht sogar selbst am OP-Tisch und operiert. Letzteres ist längst keine Seltenheit mehr: Bereits 2015 wurde in Deutschland die Hälfte aller Patienten, die wegen einer Krebserkrankung die Prostata entfernt bekamen, mit einem solchen Robotik-System operiert.

Elektronische Patientenakten wichtige Grundlage

Insgesamt nehmen Elektronik, Roboter und künstliche Intelligenzen eine immer wichtigere Rolle in deutschen Kliniken ein. So gaben 2017 für eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger 90 Prozent der befragten Krankenhausmanager an, eine „Digitalisierungsstrategie“ zu haben. Allerdings verfügt bislang nur eine Minderheit der Kliniken über umfassende elektronische Patientenakten, die als wichtige Grundlage gelten, um viele Routineaufgaben an den Computer zu übertragen; am weitesten fortgeschritten ist in dieser Hinsicht das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

„Bei der Digitalisierung hinken in Deutschland sowohl Unikliniken als auch regionale und städtische Krankenhäuser stark hinterher, sowohl gegenüber den USA, aber auch im europäischen Vergleich“, sagt der Medizinprofessor Erwin Böttinger von der gemeinsamen Digital-Engineering Fakultät der Universität Potsdam und des Hasso-Plattner-Instituts. Der Digital Health-Experte hält es für „dringend erforderlich“, jetzt zu investieren – sieht in dem späten Zeitpunkt aber auch eine Chance: Dadurch könne die Digitalisierung nach neuesten technologischen Standards umgesetzt werden, über die Kliniken, die vor 15 Jahren eingestiegen seien, noch längst nicht verfügt hätten.

Manch einen mag es indes gruseln angesichts der Vorstellung, dass Maschinen Diagnosen treffen und Therapien ausführen, ja sogar mit dem Skalpell selbst Hand anlegen. Ist das der Weg hin zu einer von der Technik dominierten Medizin, die den Arzt aus Fleisch und Blut allmählich ins Abseits drängt? Keineswegs, findet Jochen Werner, eher das Gegenteil sei der Fall. Er ist davon überzeugt, dass die Qualität der medizinischen Versorgung profitieren wird, dass Patienten sich sicherer, wohler und besser aufgehoben fühlen können.

Auch die Arbeitsbedingungen für Mediziner und pflegendes Personal werden sich seiner Ansicht nach deutlich verbessern, wenn Computersysteme einen Teil der täglichen Arbeit übernehmen. Ihnen bliebe mehr Zeit, einen intensiveren Kontakt mit den Kranken aufzubauen. Zudem ermögliche die Digitalisierung dem Klinikpersonal auch untereinander wieder mehr Kommunikation, ist Werner überzeugt; mangelnde Kommunikation im hektischen Klinikalltag gilt als eine Hauptquelle für Fehler. Erwin Böttinger erklärt: „Durch die Entledigung von Aufgaben, die auch maschinell geleistet werden können, rückt die eigentliche Kernaufgabe wieder in den Vordergrund.“

Was wären solche Tätigkeiten, auf die Mediziner, Krankenschwestern und Pfleger gut verzichten könnten? Dazu gehören vor allem administrative und andere Routinearbeiten, die viel Zeit verschlingen, sagt Jochen Werner: zum Beispiel das Dokumentieren, das in vielen Krankenhäusern noch handschriftlich gemacht wird. „Ärzte tippen zudem häufig ihre Arztbriefe selbst.“ Das sei „nicht sinnvoll“, ebenso wenig die mehrfache Anamnese, erklärt der Ärztliche Direktor aus Essen: „Erst kommt der Stationsarzt, dann die Pflegekraft und dann fragt noch einmal der Oberarzt nach und schreibt alles auf. Und wenn ein Patient vielleicht nach einem halben Jahr erneut aufgenommen werden muss, geht alles wieder von vorne los. Sicherer und effektiver wäre eine elektronische Patientenakte, die stetig ergänzt wird.“

Auch am Universitätsklinikum Frankfurt hat man 2015 mit der digitalen Dokumentation begonnen, seither wird sie stetig weiter ausgebaut. Michael von Wagner, Oberarzt an der Medizinischen Klinik I und Ärztlicher Leiter der Stabsstelle Zentrales Patientenmanagement, sieht vor allem häufige Unterbrechungen bei der Aufnahme oder auch schlecht leserliche handschriftliche Anordnungen als potenzielle Ursache von Fehlern an. Unterstützung soll an der Frankfurter Uniklinik auch das „Clinical Decision Support“-Programm bieten, das mit den geltenden Leitlinien und dem gesicherten Wissen zu den verschiedenen Krankheitsbilder gespeist und laufend an den Forschungsstand angepasst wird. Es liefert eine Auswahl ärztlicher Anordnungen, die auf die jeweiligen Beschwerden eines Patienten zugeschnitten sind, sowie einen Katalog mit allen Schritten, die nach geltenden Standards empfohlen werden.

„Es ist nachgewiesen, dass mit elektronischen Systemen Fehler in den Behandlungsabläufen vermieden werden“, erklärt Erwin Böttinger. Die Digitalisierung dürfe sich indessen nicht nur auf die stationäre Behandlung erstrecken, es brauche auch „digitale Schnittstellen“ zu niedergelassenen Praxen, in deren Obhut die Patienten entlassen werden. „Dort tappt man oft erst einmal im Dunklen, das ist ein Riesenproblem.“ Es sei deshalb wichtig, dass niedergelassene Mediziner Informationen digital abrufen können. „Es darf keine Lücke entstehen, denn eine nicht kontinuierlich durchgeführte Behandlung zwischen Krankenhaus und niedergelassenem Arzt stellt immer eine große Gefahr dar.“

Künstliche Intelligenzen werten Röntgenbilder aus

Doch wie steht es um die Sicherheit all dieser Daten? Muss man Sorge haben, zum gläsernen Patienten zu werden? Erwin Böttinger schätzt das Risiko als „hypothetisch und nicht quantifizierbar“ ein, „im Verhältnis zum großen Nutzen ist es minimal“: „Das Risiko für den Patienten ist viel größer, wenn Daten nicht an niedergelassene Ärzte weitergeleitet werden.“

Computersysteme sind indes längst nicht mehr nur Unterstützer längst nicht mehr nur Unterstützer für Mediziner, Schwestern und Pfleger, sondern arbeiten in Diagnostik und Therapie aktiv mit. Bei der Analyse von Blut- und Gewebeproben sowie bei der Auswertung von radiologischen Aufnahmen spielen sie schon eine große Rolle. In der Pathologie, bei der Beurteilung von Gewebeproben, seien künstliche Intelligenzen „mittelfristig in der Lage, die Diagnosestellung über Mustererkennung zu verbessern“, sagt Jochen Werner. Das helfe, seltene Erkrankungen festzustellen. Auch die Sequenzierung von Tumorgenomen, die für die Krebstherapie immer wichtiger wird, sei ohne elektronische Datenverarbeitung nicht denkbar.

Vor allem jedoch werden sich die diagnostischen Berufe wie der des Radiologen in den nächsten Jahren „extrem ändern“, sagt der Mediziner. Das bedeute nicht, dass dieser Facharzt überflüssig werde – aber seine Tätigkeit werde künftig stärker durch eine enge Kooperation mit der Maschine geprägt sein. Gerade in der Radiologie kämen immer mehr Aufnahmen auf die Mediziner zu, menschliche Augen könnten da nach stundenlangem Schauen auf den Schirm leicht ermüden mit der Folge, dass sich Fehler einschleichen, erklärt Werner. Künstliche Intelligenzen seien zudem in der Lage, in Aufnahmen kleinste Auffälligkeiten zu erkennen. „Die Analyse digitaler Bilddaten über Algorithmen ermöglicht eine höhere Präzision als die visuelle Unterscheidung von Graustufen.“ Bei bestimmten Krankheitsbildern – zum Beispiel der Lunge – sei die Trefferquote deshalb höher als die des Menschen. Laut einer US-Studie soll insgesamt die höchste Genauigkeit in der Radiologie durch das Zusammenspiel von Mensch und Maschine zu erzielen sein.
Wie so eine Kooperation in der Praxis aussehen könnte? Bei einem Screening, erläutert Werner, könne ein Computer zunächst das gesamte Material auswerten – das der Erfahrung nach ja vor allem aus eindeutig unauffälligen Befunden besteht. „Mit den Fällen, die Besonderheiten zeigen, kann sich der Radiologe dann intensiv beschäftigen und eine weitere Diagnostik anschließen.“

Eine erhöhte Genauigkeit ließe sich mit Hilfe spezialisierter Computer auch bei der Strahlentherapie erzielen, sagt der Mediziner. Ein ähnliches Argument führt er auch als Vorteil von Operationsrobotern an: Durch das Zusammenwirken von chirurgischen und bildgebenden Systemen nehme die Präzision zu. So könnten die Operationsroboter Computertomografie-Aufnahmen unmittelbar als Basis für den Eingriff nutzen. Ein weiterer Pluspunkt seiner Ansicht nach: „Roboterarme haben eine hohe Bewegungsfreiheit und zittern nicht.“. Komplikationen wie Nervenverletzungen würden dadurch unwahrscheinlicher. Und was ist, wenn das System aufgrund technischer Probleme ausfallen sollte? Man kann jederzeit umsteigen, sagt Werner – und „natürlich“ hätten Patienten die Wahl, ob sie sich von einer Maschine operieren lassen wolle. Auch müsse man wissen, dass diese nicht selbständig operiere, sondern nach wie vor der Chirurg dahinter stehe.

Dass sich Klinikgeschäftsführer und Wissenschaftler für den zunehmenden Einsatz von Computersystemen im Krankenhaus begeistern können, ist nachvollziehbar. Doch wie sehen es Patienten und wie Menschen, die im Krankenhaus arbeiten? Bei einer Umfrage der Wirtschafts- und Beratungsgesellschaft PwC in zwölf verschiedenen Ländern gaben 55 Prozent an, offen dafür zu sein, wenn klassische ärztliche Tätigkeiten vermehrt von Robotern und künstlicher Intelligenz erledigt würden. Die deutschen Teilnehmer waren allerdings skeptischer als der Durchschnitt, sie stimmten nur zu 41 Prozent zu. Knapp die Hälfte der Befragten würde sich von einem Roboter operieren lassen, wenn es sich um einen „kleineren Eingriff“ handele, auch hier lagen die Deutschen mit 43 Prozent unter dem Durchschnitt. An der Universitätsmedizin Essen und seinen Tochterunternehmen wurde deshalb ein „Institut für Patientenerleben“ gegründet, das den Prozess der Digitalisierung begleiten und hinterfragen soll.

Den größten merklichen Einschnitt stellt die stärkere Einbeziehung von Computersystemen freilich für jene Menschen dar, die an den Kliniken arbeiten – wobei sicherlich die Angst vor Personalabbau an erster Stelle stehen dürfte. In den USA, wo die Digitalisierung weit fortgeschritten ist, sei es dazu nicht gekommen, sagt Erwin Böttinger. Bei einer Umfrage des Instituts Arbeit und Technik unter Ärzten und Pflegepersonal zu ihren Erfahrungen mit der Digitalisierung gab im Sommer 2016 ein Fünftel an, dadurch seien Arbeitsplätze weggefallen.

Knapp ein Viertel ging jedoch davon aus, dass vielmehr sogar zusätzliche Stellen entstanden seien. 61 Prozent fanden, dass die Einbeziehung von Computertechnologie ihnen die Arbeit erleichtere, die Hälfte berichtete von Zeitersparnis, ein Drittel jedoch beklagte mehr Hetze und Leistungsdruck, jeder Vierte fühlte sich zudem stärker kontrolliert.

Für Ärzte und Pflegepersonal bedeutet die Digitalisierung freilich nicht nur, dass ihnen Arbeiten abgenommen werden – sie müssen auch in der Lage sein, mit den neuen technischen Möglichkeiten umzugehen. Und diese werden weiter wachsen, sagt Philipp Boehme, der an der Universität Witten/Herdecke einen Kursus zur digitalen Transformation des Gesundheitswesens leitet. Eine Hightech-Versorgung sei aber immer nur aber immer nur so gut wie der Arzt, der sie durchführt“, erklärt Jahn Ehlers, Vizepräsident der Uni Witten/Herdecke: Er müsse „mehr als ein grundlegendes Verständnis dafür besitzen“ und auch die Kompetenz haben, neue Methoden kritisch zu hinterfragen. Dafür brauche es ein „Umdenken an den Universitäten“, um die Studierenden auf die veränderte Arbeitswelt vorzubereiten. Das Medizinstudium haben sich vielerorts in Deutschland diesen neuen Entwicklungen jedoch noch nicht angepasst.

Erwin Böttinger sieht noch ein anderes Problem: Kliniken können Kosten für Digitalisierung und IT-Sicherheit bisher nicht bei den Kassen geltend machen, sie sind nicht in der Vergütungsstruktur enthalten. Hier müsste es eine Änderung im System geben, findet der Wissenschaftler.
Elektronische Patientenakte, Roboter, die Röntgenbilder begutachten – es dürfte  erst ein Vorgeschmack sein. „Unzählige Studien belegen, dass die Medizin erst am Anfang ihrer technischen Möglichkeiten steht“, sagt Philipp Boehme von der Universität Witten/Herdecke.

Doch gleich, wie weit die Entwicklung der Technik noch geht – so sagt Jochen Werner doch auch: „Der Mensch wird nie überflüssig in der Medizin werden. Die Maschine wird die Menschlichkeit, die notwendige Empathie nicht ersetzen und ihm eine vertrauensvolle gemeinsame Entscheidungsfindung nicht abnehmen.“

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