Robert Koch.
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Medizin

Robert Koch: Der Mann der Stunde?

  • vonKarsten Essen
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Robert Koch steht für bahnbrechende medizinische Errungenschaften - die er jedoch zum Teil mit äußerst fragwürdigen Methoden erreichte. Ein Blick auf das Leben eines umstrittenen Nobelpreisträgers.

Wer ist der Mann der Stunde, in Berlin, in Deutschland? Das hängt sehr von Zeit und Stunde ab – und von den Umständen, unter denen wir Heutige auf einen bestimmten historischen Augenblick Rückschau halten. Schon des Längeren stellt die Expertokratie eine Schattenregierung moderner Gesellschaften, die Deutungshoheit der Fachmänner und -frauen in Politik und Gesellschaft ist weitgehend anerkannt. Im Moment zum Beispiel insbesondere die der Virologen und Virologinnen.

Nobelpreisträger Robert Koch: Held des 19. Jahrhunderts

Im März 1882 hieß der Held der weltgeschichtlichen Stunde zweifelsohne Robert Koch. Mediziner und Naturforscher waren Vorbilder damals, Vertreter und Pioniere einer modernen, aufgeklärten Wissenschaft im Zeitalter von internationaler Konkurrenz und Imperialismus. Die Rede von den „Halbgöttern in Weiß“ kam auf. Kinder wollten werden wie sie. Manchmal erlebten sie Ruhm und Verehrung wie Popstars heutzutage. Im Konzert der Experten spielte Koch die erste Geige, als er vor den Größen seiner Zunft in der „Berliner Physiologischen Gesellschaft“ den Vortrag „Aetiologie der Tuberculose“ hielt. Dabei erklärte er die Ursachen, Übertragungswege und vor allem den Erreger der Volkskrankheit, an der zu jener Zeit etwa jede/r Siebte in Deutschland verstarb, teilweise noch im Kleinkindalter.

Koch hatte in Tierversuchen mit Meerschweinchen und durch neuartige Färbemethoden Tuberkelbakterien isolieren und abbilden können. Applaus brandete auf am Ende seiner Ausführungen, dann: Stille; allen war bewusst, einer medizinhistorischen Sternstunde der Menschheit beigewohnt zu haben, der Entstehung ganz neuer Forschungsgebiete der Bakteriologie und der Infektiologie. Die Verleihung des Roten Adlerordens an Koch und die Ernennung zum Geheimen Regierungsrat durch Kaiser Wilhelm I. folgten, zusätzlich zu seiner Beförderung zum Direktor wichtiger wissenschaftlicher Institute und Ämter.

Doch wer war dieser Mann, nach dem als ihrem Begründer eine heute vielzitierte und -gefragte Forschungseinrichtung benannt ist? Aus welchen Anfängen kam er, was trieb ihn an?

Robert Koch: Vorreiter einer neuen wissenschaftlichen Ära

Robert Koch war von früh an ein Mensch des Zwiespalts, hin- und hergerissen zwischen seinen verschiedenen Begabungen und Leidenschaften. Als kleiner Junge wollte er am liebsten reisender Naturforscher werden, inspiriert wohl von vielen seiner Verwandten, die nach Südamerika ausgewandert waren. Als Student in Göttingen schwankte er kurz zwischen der Philologie und der Medizin. Später, in den 1870er Jahren, wirkte er als Kriegs- und Armenarzt, als Retter der leidenden Menschheit im umfassenden Sinne. Koch war gemäß dem wissenschaftlichen Positivismus seiner Epoche technischen Innovationen gegenüber sehr aufgeschlossen und setzte schon früh Kamera und Mikroskop bei seinen Forschungen ein. Seine Entdeckung und Beschreibung des Milzbranderregers (1876), verantwortlich für verheerende Tierseuchen, profitierte maßgeblich von dieser fortschrittlichen Haltung. Zu dieser Zeit begann Koch auch, systematische Tierversuchsreihen zur Grundlage seiner Arbeit zu machen, eine naheliegende Praxis, die zwar heilkundlich gerechtfertigt erscheint, heute, zur Gewinnung etwa von Kosmetika, jedoch kritischer betrachtet wird.

Robert Koch gilt als Pionier der Hygieneforschung

Kochs internationales Renommee begann zu wachsen, und als ihn 1883 Nachrichten von Cholera-Ausbrüchen in Ägypten und Indien erreichten, zögerte er nicht lange, als führender Kopf einer deutschen Expedition in jene Länder zu reisen und mit seinen Methoden für Aufklärung und im besten Falle Heilung zu sorgen. Zwar gilt Koch nicht als Entdecker des Choleraerregers, doch leitete er deduktiv, beinahe wie ein Detektiv, den Zusammenhang von Wasserentnahmestellen, Latrinen und Krankheitsherden her, beschrieb also die Übertragungswege einer gefährlichen Krankheit und festigte damit seinen Ruf als Infektiologe.

Als Dozent und Professor für Hygiene, verpflichtet dem deutschen Ideal von Lehre und Forschung, war Koch wenig talentiert. Man weiß, dass ihm Vorlesungen und Prüfungen ein Angang waren. Hier unterschied er sich vom kommunikativeren, partnerschaftlicheren Stil seines französischen Kollegen und Konkurrenten Louis Pasteur, der sich in jener Zeit durch Papiere und Vorträge in großer Zahl einen Namen machte. Dennoch betrieb Koch erfolgreich den Aufbau einer eigenen Schule seiner wissenschaftlichen Denkungsart und Methodik und lancierte Vertrauensmänner an strategisch wichtige Positionen.

Robert Koch: Außerordentlicher Forscher mit schwierigem Charakter

Der Forscher Koch allerdings ließ nach den frühen Erfolgen erst einmal nicht mehr viel von sich hören. Er durchlebte offenbar auch privat krisenhafte Zeiten, begann eine Affäre mit dem 17-jährigen Modell Hedwig Freiberg und ließ sich von seiner ersten Frau Emmy scheiden. In mehrfacher Hinsicht erscheint das Jahr 1890 als Kochs Schicksalsjahr und existenzieller Wendepunkt. Nach seinen wissenschaftlichen Triumphen sah es kurzzeitig so aus, als verlöre der Mann aus bürgerlich-gesitteten Verhältnissen die Bodenhaftung.

Person & Debatte

Robert Koch wurde 1843 in Clausthal am Harz in eine Familie hineingeboren, in welcher Bergbau und Beamtentum gleichermaßen prägende Einflüsse waren. Er hatte insgesamt zwölf Geschwister. Robert scheint früh ein aufgewecktes Kind gewesen zu sein, brachte sich mit vier Jahren selbst Lesen und Schreiben bei und erlangte 1862 das Abitur auf einem humanistischen Gymnasium. 1866 promoviert er in Göttingen, 1867 heiratet er seine erste Frau Emmy, geb. Fraatz. Von ihr lässt er sich 1893 scheiden und heiratet Hedwig, geb. Freiberg. Nach einem knappen Jahrzehnt als „Kreisphysikus“ in Bomst (Provinz Posen) wird er von 1880 bis 1885 Regierungsrat am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin, danach bis 1891 Erster Professor für Hygiene an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Bis 1904 ist Koch Direktor des Königlich Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten. 1905 erhält er den Nobelpreis für Physiologie/Medizin. Fünf Jahre später, am 27. Mai 1910, stirbt Robert Koch in Baden-Baden. In letzter Zeit entzündete sich an derPerson Robert Kochs aufgrund seiner aus heutiger Sicht ethisch fragwürdigen Methoden während seiner Arbeit in den europäischen Kolonien, aber auch in Deutschland, eine zum Teil vehement geführte Debatte. Diese gipfelte etwa in der Forderung des Historikers Jürgen Zimmerer auf Deutschlandfunk Kultur, das Robert-Koch-Institut umzubenennen, da es anderenfalls stets mit einer historisch belasteten Figur aus der Zeit des kolonialen Rassismus verbunden bliebe. kes

Obwohl er mit öffentlichen Geldern an staatlichen Stellen geforscht hatte, versuchte er, ganz moderner Medizinunternehmer, aus seiner Entdeckung durch Patentanmeldung persönlichen Profit zu schlagen und forderte ein eigenes Institut zur industriellen Herstellung seines neu entwickelten Antidots, des Tuberkulins. Als er auf Widerstände in der preußischen Bürokratie stieß, deutete er an, dass es in den USA zahlungskräftige Interessenten an seiner Wunderdroge gebe. Kurz vor der öffentlichen Präsentation des Heilmittels, auf dem so viele Hoffnungen ruhten – es wurde für die aus aller Welt angereiste Scientific Community, zu der auch der Naturforscher und Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle zählte, der Circus Renz in Berlin angemietet –, überschritt der von sich sehr überzeugte Koch eine rote Linie der Wissenschaft: Er experimentierte mit Menschenversuchen, wenn auch vorerst nur an sich selbst und seiner Geliebten.

Robert Koch experimentierte an seiner Geliebten

Koch meinte ihren Erinnerungen zufolge, sie könne „wahrscheinlich recht krank“ werden, „sterben würde ich voraussichtlich nicht“. Beruhigend zu wissen, nicht wahr? Hier gemahnt Robert Koch tatsächlich an den berühmten, mit wissenschaftlichen Methoden agierenden Detektiv Sherlock Holmes, von dem der Mediziner Dr. Watson früh erfährt, dass er, ohne mit der Wimper zu zucken, seinem Zimmergenossen das neueste Alkaloid verabreichen würde, nur um dessen Wirkung aus der Nähe studieren zu können. Leichten Herzens würde er das Gift allerdings auch selbst einnehmen, sollte der Freund gerade nicht zur Hand sein.

Robert Kochs Tuberkulosemittel scheiterte

Was dann folgte, muss für den ehrgeizigen Koch traumatisch gewesen sein. Nach kurzer allgemeiner Euphorie über den endlich entdeckten Wirkstoff stellt sich heraus, dass er mitnichten sämtliche Erreger im Körper unschädlich macht. Vielmehr starb die Mehrzahl der Patienten an der äußerst schmerzhaften Behandlung. Ausgerechnet Kochs Lehrer Rudolf von Virchow ist es, der schließlich die Sache als „Tuberkulinschwindel“ entlarvt. Koch muss sein Scheitern eingestehen. Allerdings ist man sich heute einig, dass er in dieser Angelegenheit nicht wie ein Scharlatan gehandelt hat, sondern sich tatsächlich selbst getäuscht hatte über die Wirksamkeit seines Vakzins.

Überstürzte Abreise aus Berlin, wieder nach Nordafrika, wo er noch wohlgelitten ist. Was wie ein freiwilliges Exil wirkt, entwickelt sich für Koch zur Chance und Erfüllung: endlich das Abenteuer Ausland! „Bei uns zu Hause ist nun schon so gründlich aufgearbeitet und die Concurrenz eine so gewaltige, daß es sich wirklich nicht mehr lohnt, dort zu forschen. Hier draußen aber, da liegt noch das Gold der Wissenschaft auf der Straße. Wie viel Neues habe ich gesehen und gelernt, als ich zum ersten Male nach Afrika kam!“, schreibt Robert Koch im Jahr 1903.

Robert Kochs Zeit in Afrika war von mehr Kontroversen geprägt

Zwiespältige Sätze! Einerseits sprechen aus ihnen gesunde Aufbruchsstimmung und humane Vision. Doch sie künden auch von einem gleichsam faustischen deutschen Forschergeist, der froh ist, aller Hemmnisse der Zivilisation ledig zu sein, und die universale wissenschaftliche Entgrenzung anstrebt. Für die Beschreibung und Klassifizierung so unterschiedlicher Erkrankungen wie der Rinderpest, Malaria und Schlafkrankheit waren Kochs Unternehmungen dieser Jahre sicherlich ein Segen, für viele Einwohner der unterentwickelten Länder, in welchen er tätig wurde, bleibt das fraglich. Zwangsweise unterwarf er sie Massen- und Reihentests mit hochdosierten Arsenpräparaten, die im schlimmsten Fall zu Erblindung führten. So forderte er gar die Einrichtung von „Concentration Camps, wie sie die Engländer nennen“, um Kranke von Gesunden zu separieren.

In späteren Jahren hielt sich Koch nicht mehr häufig im Reich auf, er forschte vor allem in den deutschen und britischen Kolonien. Doch er verzeichnete noch zwei Erfolge in Europa: Schon 1891 wurde ihm – allen vorangegangenen Skandalen zum Trotz – sein Spezialinstitut für Infektionskrankheiten gewährt, die Vorläuferorganisation des heutigen Robert-Koch-Instituts. Und bei der großen Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg eilte er als oberster Gutachter und erster Katastrophenhelfer herbei.

Robert Kochs Entwicklung zum Epidemiologen

Dort sprach er angesichts der aus Enge und Armut entstandenen unhygienischen Verhältnisse den vielsagenden Satz: „Ich vergesse, daß ich in Europa bin!“ Er wirkte tatkräftig darauf hin, die Seuche einzudämmen, vor allem durch Quarantänemaßnahmen sowie moderne Filtersysteme für die Trinkwasserversorgung. Zu dieser Zeit macht Koch die Entdeckung, dass auch Menschen ohne Krankheitssymptome infektiös sein können. Diesen gefährlichen, weil schwer zu identifizierenden „Bazillenträgern“ galt fortan seine besondere Aufmerksamkeit.

Koch entwickelte sich zum gefragten Epidemiologen. Zwar wurde die aufgeklärte deutsche Bevölkerung mit der Zeit skeptischer und entwickelte allmählich die Vorstellung einer gesetzlich zu schützenden Unverletzlichkeit des Leibes, doch war das Reichsseuchengesetz von 1900 in dieser Hinsicht schwammig formuliert, so dass etwa während der großangelegten Typhus-Kampagne von 1903 an Tausende Verdächtige isoliert und teilweise zwangsbehandelt wurden. Jedenfalls hatten sie sich umfassenden bakteriologischen Untersuchungen zu unterziehen. 1906 wurde das Gesetz novelliert und eine eigene Kategorie der „Krankheitsverdächtigen“ geschaffen, nachdem mancher Arzt symptomfreie Infizierte schlicht als krank im Sinne des Gesetzes deklarieren wollte.

Robert Koch der Mann der Stunde also? Oder doch eher, psychologisch interessanter gar, ein zwiespältiger deutscher Charakter, visionär, hochbegabt, wissenschaftlich innovativ, verdienter Träger des Nobelpreises für Medizin – doch auch übermäßig ehrgeizig, mit Lust an der kompromisslos geführten Kontroverse sowie leicht narzisstisch gekränkt. Dazu mit dem fatalen Hang seiner Epoche, seine Wissenschaft absolut zu setzen, sowie – die Dialektik jeder Aufklärung nicht achtend und sicherlich stets mit besten Absichten – ein Expertenregime installieren zu wollen, das noch über staatlicher Autorität stünde und Zwangsmaßnahmen nicht scheute.

Robert Koch war der Begründer der modernen Infektiologie und Epidemiologie

Robert Kochs durchaus beeindruckende Vita kann uns Heutige in vielfältiger Hinsicht interessieren: als übererfülltes Heldenleben im Dienste der medizinischen Forschung mit unbestreitbaren Fortschrittserfolgen; als ein spannendes Stück Wissenschaftsgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts; als Streitfall innerhalb aktueller (post-)kolonialistischer Debatten oder – geradezu virulent – als die des Begründers der modernen Infektiologie und Epidemiologie, welche sich in Einrichtungen wie dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin oder eben dem Robert-Koch-Institut wirkmächtig manifestieren. Es lohnt hier mehr denn je der Blick auf den Menschen jenseits der Institutionen. Wir sind mit Robert Koch noch lange nicht fertig.

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