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Klimaüberhitzung: Gibt es wirklich Grund zur Panik?

Klimawandel

Das Risiko des Aussterbens

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Dass die Klimakrise das Ende der Zivilisation herbeiführt, ist unwahrscheinlich. Dennoch finde diese Möglichkeit noch zu wenig Beachtung, sagt Hans Joachim Schellnhuber.

Derzeit wandelt sich die Wahrnehmung des Klimaproblems rapide. Der neutrale Begriff „Klimawandel“ wird zunehmend durch den der „Klimakrise“ ersetzt. Statt der noch freundlich klingenden „Erderwärmung“ wird sich absehbar „Klimaüberhitzung“ oder ein ähnlicher Begriff durchsetzen. Doch ist es angemessen, in diesem Zusammenhang vom Ende unserer Zivilisation oder gar dem Aussterben der Menschheit zu sprechen? Einige der derzeit wichtigsten Klimabewegungen tun genau das. „Extinction Rebellion“ (XR) trägt das Aussterben schon im Namen und die erste Forderung der weltweiten Bewegung ist: Sagt die Wahrheit und erklärt den Notstand.

Aber gibt es wirklich Grund zur Panik? Schließlich sagt der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), dass die Überhitzung theoretisch noch bei 1,5 Grad gestoppt werden kann. Die IPCC-Berichte gelten als eine Art „Goldstandard“ der Klimawissenschaften, weil in ihnen die Erkenntnisse aus Tausenden von Studien zusammengefasst werden.

Doch die Berichte des Weltklimarats werden auch kritisiert, etwa wegen ihrer Sprache. Hans Joachim Schellnhuber, Ex-Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und IPCC-Autor, sagt über einige IPCC-Autoren: Unter ihnen habe sich ein Trend entwickelt, „auf der Seite mit dem geringsten Drama zu irren“. Sie stellen die Situation also besser dar, als sie ist, um nicht zu alarmistisch zu klingen.

Zudem geht der IPCC davon aus, dass sich die Erwärmung des Weltklimas linear fortsetzt. Viele Computermodelle zeigen aber, dass sich der Temperaturanstieg beschleunigt. Statt erst im Jahr 2040 könnte so die 1,5-Grad-Schwelle schon 2030 erreicht werden. Zudem berücksichtigt der IPCC, so eine weitere Kritik, Rückkopplungseffekte wie das Tauen des Permafrostbodens zu wenig. Solche Effekte könnten dafür sorgen, dass sich die Klimaüberhitzung selbst verstärkt.

Das größte Manko ist laut Schellnhuber aber die „Wahrscheinlichkeitsobsession“ beim IPCC, denn dadurch werde den gefährlichsten Entwicklungen zu wenig Beachtung geschenkt: „Wahrscheinlichkeiten zu berechnen hat wenig Sinn in den kritischsten Bereichen wie dem Tauen des Permafrosts oder dem möglichen Kollaps ganzer Staaten.“

Hinzu kommt, dass sich der materielle Schaden etwa des Zusammenbruchs unserer Zivilisation nicht beziffern lässt. In einer neuen Studie des australischen Thinktanks Breakthrough heißt es dazu: „Ein Risiko wird üblicherweise berechnet, indem man die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses mit dem zu erwartenden Schaden multipliziert. Aber wenn sich der Schaden nicht mehr quantifizieren lässt, kommt diese Methode an ihr Ende.“ Aber selbst im noch quantifizierbaren Bereich wird nach Ansicht von Forschern das Risiko unterschätzt, wenn man sich vor allem auf die relativ wahrscheinliche Erwärmung konzentriert und die Worst-Case-Szenarien ausblendet. Denn bei diesen nehmen die Schäden exponentiell zu.

Schellnhuber fordert daher, weniger den „Wahrscheinlichkeiten“ als vielmehr den „Möglichkeiten“ Beachtung zu schenken. „Dies entspricht der Szenarioplanung in der Wirtschaft, wo auch die Folgen möglicher Entwicklungen untersucht werden, die zwar unwahrscheinlich erscheinen, aber weitreichende Konsequenzen haben“, sagt der renommierte Experte.

Genau das haben die Autoren der Studie des australischen Thinktanks Breakthrough, David Spratt und Ian Dunlop, getan und ein Szenario entwickelt, bei dem sich das Klima bis zum Jahr 2050 um drei Grad –nicht extrem – aufheizt. Für die 30 Jahre bis zur Mitte des Jahrhunderts gibt es eine Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent, dass sich das Klima um 3,5 bis vier Grad erwärmt.

Um zu zeigen, wie es dazu kommen kann, erzählen Spratt und Dunlop eine „Geschichte“: Im kommenden Jahrzehnt wird der Klimakrise noch immer zu wenig Beachtung geschenkt und die Emissionen steigen noch bis 2030 an, um erst danach zu sinken. Dann ist es bereits zu spät und das Klima erwärmt sich bis 2050 um drei Grad.

Rückblickend würden Wissenschaftler dann feststellen, dass mehrere Kipppunkte erreicht wurden, etwa das Tauen des Permafrosts und Dürren im Amazonas-Regenwald. Ein Drittel der Erde ist nun an mindestens 20 Tagen pro Jahr zu heiß, als dass Menschen im Freien überleben könnten. Die Nahrungsmittelproduktion reicht nicht mehr, um alle Menschen zu ernähren, und es gibt mehr als eine Milliarde Klimaflüchtlinge.

Aktivisten von „Extinction Rebellion“ und Greta Thunberg nehmen mit ihrer apokalyptischen Sprache auf derartige Szenarien Bezug. Noch ist es wahrscheinlicher, dass unsere Zivilisation nicht endet und die Menschheit nicht ausstirbt. Trotzdem ist es möglich, wenn der Schutz des Klimas weiter nur halbherzig betrieben wird. Genau diese „Möglichkeiten“ müssen mehr Beachtung finden, sagt Schellnhuber: „Das gilt insbesondere, wenn es um das Überleben unserer Zivilisation geht.“

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