1. Startseite
  2. Wissen

Das richtige Maß in der Behandlung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Pamela Dörhöfer

Kommentare

Keine Halbgötter in Weiß: Ärzte verordnen aus Angst vor Fehlern häufig zu viel.
Keine Halbgötter in Weiß: Ärzte verordnen aus Angst vor Fehlern häufig zu viel. © Getty Images/Caiaimage

Häufig werden Patienten in Deutschland mit Verfahren behandelt, die überflüssig und unzureichend sind. Allerdings können auch nützliche Verfahren vorenthalten werden. Damit das vermieden wird, geben Experten jetzt verschiedene Empfehlungen.

Bei Rückenschmerzen sofort zum Röntgen und – falls der Befund nicht weiterbringt – danach zur Untersuchung in den Kernspintomographen: Bei vielen Ärzten in Deutschland ist dieses Procedere gängige Praxis. Dabei gehen die allermeisten Beschwerden auf harmlose Ursachen wie Verspannungen zurück. Bildgebende Verfahren bringen in diesen Fällen nichts – im Gegenteil: Röntgen belastet die Patienten unnötig mit radioaktiver Strahlung, und im Kernspintomographen (MRT) können leicht „Auffälligkeiten“ entdeckt und möglicherweise auch weiter verfolgt werden, die weder die eigentliche Ursache für die Schmerzen noch medizinisch problematisch sind.

Solche Untersuchungen bei unkomplizierten Rückenschmerzen sind Beispiele, die viele Menschen schon erlebt haben dürften – und ein Klassiker für Überversorgung. Wie weit verbreitet überflüssige, aber im Gegenzug auch unzureichende Diagnostik und Therapien in der ärztlichen Praxis in Deutschland sind, hat die Umfrage „Klug entscheiden“ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ergeben. 4181 Ärzte aus verschiedenen Schwerpunkten des Fachs beteiligten sich daran, Kliniker ebenso wie niedergelassene Mediziner. 70 Prozent von ihnen gaben an, mehrmals pro Woche mit Überversorgung konfrontiert zu sein, sagt DGIM-Vorsitzer Gerd Hasenfuß, Direktor der Klinik für Kardiologie und Pneumologie. Aber Patienten müssen auch damit rechnen, dass ihnen nützliche Leistungen vorenthalten werden. Allerdings kommt das offenbar seltener vor: 22 Prozent der Befragten haben mehrmals pro Woche solche Fälle beobachtet.

Um Über- und Unterversorgung gleichermaßen zu vermeiden, haben Experten der DGIM Empfehlungen für die verschiedenen medizinischen Gebiete erarbeitet; sie werden den Kollegen beim Internistenkongress vom 9. bis 12. April im Rosengarten Mannheim erstmals präsentiert. Die Empfehlungen sollen Ärzten helfen, die richtigen Entscheidungen zu finden und auch Patienten die Einschätzung erleichtern, denn für medizinische Laien wird eine eigene, verständliche Version herausgebracht. Einige der insgesamt 120 Empfehlungen stellten die DGIM-Experten bereits vor Kongressbeginn vor.

Bereich Rheumatologie

Von diesen Erkrankungen, die keineswegs nur das entzündliche Rheuma, sondern eine Fülle von Leiden umfassen, sind viele Menschen betroffen. Das Dilemma fängt oft bereits bei der Suche nach dem richtigen Arzt an, sagt Rheumatologin Elisabeth Märker-Hermann, Direktorin der Klinik für Innere Medizin IV an den Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden: „Menschen mit Schmerzen wissen oft nicht, wohin sie sich wenden sollen und gehen dann meist zum Hausarzt oder Orthopäden. Leider ist die Rheumatologie auch in der Ausbildung schlecht vertreten.“ Die von den Ärzten bei Rückenschmerzen häufig angeordnete Untersuchungskaskade mit Röntgen und MRT landete auf der Liste der DGIM bei den „Negativ-Empfehlungen“, weil sie Patienten schaden und zu „Scheinbefunden“ führen könne. „Bei Rückenschmerzen, die seit weniger als sechs Wochen bestehen und nicht mit Warnhinweisen einhergehen, sollte es keine bildgebenden Verfahren geben“, erklärt Elisabeth Märker-Herrmann. „Warnhinweise“ wären Fieber, Nervenausfälle (sie können auf einen Bandscheibenvorfall hinweisen), ein bestehender Tumor oder die Einnahme von Cortison.

Bei einem anderen häufigen Gesundheitsproblem aus dem Bereich der Rheumatologie bleibt eine notwendige Untersuchung indes oft aus: „Wenn jemand morgens plötzlich mit einem geschwollenem Gelenk, etwa einem dicken Knie, aufwacht, wird häufig erst einmal Blut abgenommen und ins Labor geschickt sowie ein MRT gemacht“, erzählt die Wiesbadener Ärztin: „Tatsächlich aber sollte jede akute Gelenkschwellung unverzüglich punktiert werden.“ Ursachen der Beschwerden könnte eine Gicht sein oder eine bakterielle Arthritis, die schnell behandelt werden muss; beide Erkrankungen ließen sich bei einer Punktion leicht feststellen.

Bereich Lungenheilkunde

Viele Kosten könnte man einsparen, würden Patienten mit Asthma oder Chronisch-obstruktiver Lungenkrankheit (COPD) besser im Umgang mit Inhalationsgeräten geschult, sagt Berthold Jany, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin an der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg. Sie bekommen als Therapie meist Medikamente zum Inhalieren verschrieben. „Diese sind meistens nicht einfach anzuwenden, 70 Prozent der Patienten machen es verkehrt“, erklärt Jany. Die Folge: Die Mittel bringen nicht die erhoffte Wirkung. „Also wird ein neues Inhalationssystem verordnet“. Das sollte künftig nur noch nach „Überprüfung der Anwendungstechnik und gründlicher Schulung der Patienten“ erfolgen.

 Vorenthalten wird vielen COPD-Patienten hingegen eine pneumologische Rehabilitation. Sie wäre angezeigt, wenn sich die     Erkrankung akut verschlechtert hat und Patienten deshalb ins Krankenhaus müssen, erklärt Berthold Jany. Die Effektivität von Muskelaufbau und speziellem Fitnesstraining sei „vielfach nachgewiesen: „Die Rehabilitation verbessert die Lebensqualität und verringert die Sterblichkeit. Eine weitere Forderung der Pneumologen: Rauchentwöhnung – Tabakkonsum ist die Hauptursache von COPD – sollte ebenso wie Alkoholentwöhnung stationär angeboten werden.

Bereich Infektiologie

Das große Thema beim Bekämpfen von Infektionen sind Antibiotika-Resistenzen. Eine wichtige Negativ-Empfehlung lautet hier, unkomplizierte akute Infektionen der oberenen Atemwege inklusive Bronchitis nicht mit Antibiotika zu behandeln. Diese nutzten ohnehin meist nichts, da die Erreger meist Viren seien.

Verkürzt werden sollte die Gabe von Antibiotika bei Operationen. Sie werden verordnet, um Wundinfektionen vorzubeugen. Nach Ansicht der Experten reicht es eine einmalige Gabe „im Allgemeinen“ aus, eine verlängerte Dauer über 24 Stunden nach dem Eingriff hinaus erhöhe das Risiko „unerwünschter Wirkungen“ und die Entwicklung von Resistenzen.

Bereich Altersmedizin

Demenz wird häufig als schicksalhaft gesehen – eine Einschätzung, die so nicht stimmt, wie Martin Wehling, Direktor der Klinischen Pharmakologie der Medizinischen Fakultät Mannheim der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, sagt. Ein häufiger – reversibler – Grund für Beeinträchtigungen der Denkleistung seien auch Arzneimittel. Vor allem die Einnahme vieler verschiedener Medikamente stelle einen „gravierenden Risikofaktor“ dar. Besonders gefährlich in dieser Hinsicht seien Benzodiazepine – häufige Wirkstoffe in Schlaf- und Beruhigungsmitteln –, trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika und Opiate. Während letztere bei starken Schmerzen oft unvermeidlich sind, könnten viele Substanzen jedoch durch andere ersetzt werden, die nicht mit solchen fatalen Effekten einhergehen. Im Internet könnten sich Ärzte unter dem Stichwort „FORTA“ über positiv bewertete Alternativen informieren, erklärt Martin Wehling. Aber auch eine allzu starke Senkung des Blutdrucks könne sich negativ auf das Gehirn auswirken.

Auch interessant

Kommentare