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Die Vertreter der Khwe-Kultur Sonner Ciayi Geria (Mitte) und Thaddeus Chedau begutachten mit Uni-Mitarbeiterinnen die Pflanzensammlungen des Köhler-Archivs.

Projekt

Die Rettung der Klicksprache

Das Frankfurter Universitätsarchiv soll den Erhalt einer bedrohten Sprache in Namibia unterstützen.

Nicht nur erforschen, sondern auch zusammenarbeiten: Frankfurter Wissenschaftler wollen einem kleinen Volk im Südwesten Afrikas beim Erhalt seiner bedrohten Sprache helfen. Dabei könnten auch Sammlungsobjekte in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren.

Eine Sprache mit mehr als 30 sogenannten Klicklauten, die in Namibia nur noch von etwa 7000 Menschen gesprochen wird: Das ist Khwe. Thaddeus Chedau, ein Ältester des kleinen Volkes im äußersten Nordosten Namibias und einer der örtlichen Führer in dem Dorf Mutciku, sorgt sich um die Zukunft seiner Sprache. Denn eine schriftliche Form gibt es traditionell nicht, an den Schulen wird Khwe nicht unterrichtet. Zur Bewahrung von Sprache und Kultur wollen Chedau und Sonner Ciayi Geria, der Vorsitzende eines Komitees der Kweh-Kultur, nun in Frankfurt Unterstützung und Inspiration finden.

Früher wurden die Khwe als „Buschleute“ bezeichnet, heute zählt man sie der Gruppe der San zu, die aber in zahlreiche sehr unterschiedliche Sprachen zersplittert sind.

Aus dem Bwabwata-Nationalpark Namibias in die Bankenmetropole am Main - da treffen Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so kalt sein kann“, sagt Geria kopfschüttelnd. Doch an der Frankfurter Goethe-Universität gibt es ein verbindendes Element: Vor knapp 20 Jahren erhielt die Universität den Nachlass des Afrikaforschers Oswin Köhler. Mehr als 30 Jahre lang hatte er zur Sprache und Kultur der Khwe geforscht, ihre Sprache gelernt.

Köhlers Sammlung aus originalsprachigen Texten, Fotos und Filmen, Audiodateien, ethnographischen Objekte, Zeichnungen und getrockneten Pflanzen sind nach Angaben der Universität „ein einzigartiges Ensemble unwiederbringlicher Geschichts- und Kulturzeugnisse dieser ehemaligen Jäger- und Sammler-Kultur“.

Denn die Welt der Khwe ist im Wandel – das hatte Köhler in den späten Jahren seiner Forschung selbst dokumentiert. Gerade in einer Zeit, in der die Debatte um die Rechte an Kulturgütern aus ehemaligen Kolonialstaaten aufflammt, will die Frankfurter Afrikanistin Gertrud Boden neue Wege gehen: Die zwölfteilige Enzyklopädie, die aus dem Köhler-Archiv erarbeitet werden soll, soll auch den Khwe zugute kommen und daher auch in englischer Übersetzung herauskommen. Zudem bringen Chedau und Geria die Perspektive der Khwe selbst in die Arbeit mit den Sammlungsobjekten ein. Ein Audio-Buch gehört zu den Projekten des mehrwöchigen Aufenthalts in Frankfurt

Dass das Interesse an Zugang zu dem teils schon bedrohten Kulturerbe groß ist, hat Gertrud Boden bei ihren eigenen Forschungsaufenthalten bei den Khwe festgestellt. Das hat durchaus auch einen politischen Hintergrund. Derzeit werden die Khwe in Namibia nicht als selbstständige kulturelle Gemeinschaft anerkannt, was ihnen bestimmte Selbstbestimmungsrechte garantieren würde. „Dabei ist es vollkommen klar, dass das Khwe eine eigene Sprache ist, verbunden mit einer eigenen Kultur“, sagt Boden.

„Es ist gut, hier Dinge zu sehen, die es bei uns schon nicht mehr gibt“, sagt Geria. Verloren gegangenes traditionelles Wissen könne so wiederentdeckt und weitergegeben werden. „Bei uns sitzen an einem Feuer die älteren Frauen mit den Mädchen, an einem anderen Männer mit den Jungen, um ihnen das beizubringen, was sie wissen sollten. Das ist unsere traditionelle Schule.“ Da es bisher aber keine schriftlichen Unterlagen gebe, könne manches Wissen über die Generationen verloren gehen. Noch besser wäre muttersprachlicher Unterricht an den regulären Schulen und durch Khwe-Lehrer.

Andere Verluste sind den veränderten Lebensumständen geschuldet: „Damit kann in meinem Dorf niemand mehr umgehen“, sagt Chedau und nimmt einen hölzernen Bogen in die Hand.

„Wer mit Pfeil und Bogen angetroffen wird, wird festgenommen.“ Denn sein Dorf befindet sich auf dem Gebiet des Nationalparks und die Gesetze gegen Wilderei gelten auch für das einstige Jägervolk. Chedau kann das nicht verstehen: „Wir Khwe haben immer mit den Tieren gelebt. Es war nie so, dass Tierarten durch unsere Jagd bedroht waren.“

Die traditionelle Lebensweise sei nicht mehr möglich, doch alternative Arbeit gibt es nicht, bislang auch nicht durch den Tourismus: „Wir sind zwar im Nationalpark, aber wir sehen die Autos bloß durch unsere Dörfer fahren“, sagt Chedau. „Die Lodges sind alle in einem anderen Teil des Parks.“ Er hofft, dass – womöglich auch mit Teilen der Sammlung in Frankfurt – eines Tages ein Kulturzentrum auf dem Gebiet der Khwe entsteht: als Lernort für Khwe und Besucher gleichermaßen. (Eva Krafczyk, dpa)

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