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Seit zehn Jahren saust die Kometensonde Rosetta ( hier eine Computersimulation) durchs All. Das Ziel: der Komet „67P/Tschurjumov-Gerasimenko“.

"Rosetta" und "Philae"

Reise zum Ursprung des Lebens

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Am Ende schien die Spannung fast unerträglich. Doch dann bricht kollektiver Jubel bei der ESA aus: Mit "Philae" landet zum ersten Mal ein von Menschen erschaffenes Gerät auf einem Kometen. Doch ganz so rund wie gehofft lief die Landung nicht.

Am Ende schien die Spannung fast unerträglich. Gebannt starrt Paolo Ferri, Leiter des Flugbetriebs bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA, im Darmstädter Kontrollzentrum auf den die Parade von Bildschirmen vor sich. Sein Kollege, Missionsmanager Andrea Accomazzo, wippt unruhig hin und her, wischt sich zwischendurch den Schweiß von der Stirn. Seit mehr als 20 Minuten warten sie auf das alles entscheidende Signal. Mit ihnen fieberten gestern in Darmstadt mehrere hundert geladene Gäste und Journalisten – und Tausende Menschen in aller Welt, die das Geschehen zuhause an ihren Computern verfolgten. Sogar Captain Kirk drückte die Daumen: Science-Fiction-Legende William Shatner schickte per Twitter Grüße zur ESA und sorgte damit für große Begeisterung.

.@philae2014’s first postcard just after separation – it’s of me! #CometLanding Credit: ESA/Rosetta/Philae/CIVA pic.twitter.com/OXJwGunL3V

— ESA Rosetta Mission (@ESA_Rosetta)

12. November 2014

Dann, endlich, um 17.02 Uhr die Erlösung: „Philae“, der Landeroboter der Sonde „Rosetta“, ist auf der Oberfläche des Kometen 67P/Tschurjumov-Gerasimenko angekommen und sitzt dort sicher auf unwirtlichem Grund. Der Jubel ist grenzenlos. „Wir sind die ersten, die auf einem Kometen gelandet sind. Das wird für immer bleiben“, sagte ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain. „Unvorstellbar, epochal. Ein Traum wird wahr“ kommentierte ein sichtlich ergriffener hessischer Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU): „Ein großer Tag für die Menschheit.“

Für die Mitarbeiter der ESA und die an der Mission beteiligten Spezialisten war es „der längste Tag“, wie Holger Sierks vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung erklärte. Die Übermüdung und Anspannung war ihnen allen gestern deutlich anzusehen: Seit den Nachtstunden hatten sie auf den großen Moment hingearbeitet: die Landung auf dem vier Kilometer langen Kometen 67P/Tschurjumov-Gerasimenko, einem unscheinbaren Gesteinsbrocken im All, knollenförmig und runzlig wie eine verschrumpelte Kartoffel, eisig und vermutlich übelriechend. Es ist der Höhepunkt der mehr zehn Jahre dauernden Reise der „Rosetta“-Sonde zu dem 510 Millionen Kilometer entfernten Ort – und das erste Mal, das ein von Menschen geschaffenes Gerät einen solchen Himmelskörper „betritt“; die Vorbereitungen dafür reichen bis ins Jahr 1985 zurück.

„Rosetta“ ist das bisher aufwendigste, ehrgeizigste und teuerste Unternehmen der ESA: 1,4 Milliarden Euro lassen sich die 17 beteiligten Nationen die Mission kosten, 300 Millionen steuert Deutschland bei. Auch die US-Weltraumbehörde NASA wirkt als Partner bei dem Großprojekt im All mit, das Experten wie der ehemalige Astronaut und Direktor für bemannte Raumfahrt bei der ESA, Thomas Reiter, gerne mit der ersten bemannten Mondlandung vergleichen.

Denn es geht um die ganz großen Fragen bei dieser Mission: Wie ist unser Sonnensystem entstanden, wie die Erde? Wie kam Leben auf unseren Planeten, wie das alles bedingende Wasser hierher? 67P/Tschurjumov-Gerasimenko soll Aufschluss geben: Die Bedeutung des Kometen liegt in dessen Alter und Beschaffenheit. Diese kleinen Himmelskörper aus Eis, gefrorenem Gas und Staub sind Überbleibsel aus der Entstehungszeit unseres Sonnensystems, als sich aus einer interstellaren Gas- und Staubwolke die Planeten bildeten. Während sich Letztere durch den Einfluss der Sonneneinstrahlung und geologische Prozesse verändert haben, blieb die Materie auf den Kometen und Asteroiden nahezu unverändert erhalten. Von ihrer Erforschung, vom Wissen über die genaue Beschaffenheit erhofft sich die Fachwelt deshalb neue Erkenntnisse über jene Prozesse vor rund 4,6 Milliarden Jahren.

Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, ob das Wasser einst von Kometen auf die Erde gelangt ist. Die düstere, zerklüftete Oberfläche von 67P/Tschurjumov-Gerasimenko wirkt fremd und lebensfeindlich. Und doch könnte unserer blauer Planet einst ähnlich ausgesehen haben in jener schier unendlich lange zurückliegenden Zeit, als es noch kein Wasser gab. Doch wie soll ausgerechnet ein Komet dieses Lebenselixier gebracht haben? Die Erklärung, an die viele Wissenschaftler glauben, klingt plausibel: In der Frühphase des Sonnensystems kam es zu häufigen Einschlägen solcher Himmelskörper auf der Erde – und sie könnten Eis aus den kalten Randzonen des Sonnensystems mitgebracht haben. Auf der Oberfläche angekommen, schmolz es zu Wasser, aus dessen Mengen sich wiederum die Meere bildeten. Eine weitere These besagt, dass auch organische – also kohlenstoffhaltige – Moleküle, die für das Entstehen von Leben bedeutsam sind, durch Kollisionen mit Kometen und Asteroiden auf die Erde geraten sind. Auch dieser Vermutung soll im Zuge der „Rosetta“-Mission nachgegangen werden.

Um all das zu untersuchen, wurde im Landeroboter „Philae“ ein Minilabor eingerichtet, das mit hochmodernen Instrumenten ausgestattet ist. Hochauflösende Kameras sollen präzise Bilder von der Oberfläche machen und zur Erde schicken, Gesteinsproben werden genommen und bis ins Detail analysiert. Auch die erst im Sommer entdeckte Staubhülle des Kometen, das sogenannte Koma, soll untersucht werten.

Bereits während des siebenstündigen Herabsinkens auf die Oberfläche hat „Philae“ die Arbeit aufgenommen und beim Weg von der Muttersonde zum Kometen überraschend scharfe Bilder gemacht. Auf dem Kometen geht es gleich ohne Pause weiter. Eile ist geboten, denn die Batterien an Bord halten nur drei bis vier Tage, erklärt Paolo Ferri, man hoffe aber, dass danach die Solarzellen genug Sonnenlicht einfangen und die nötige Energie liefern.

Die Stromversorgung ist eine von etlichen Unwägbarkeiten dieser an heiklen Momenten reichen Mission. Einer der schwer wiegendsten davon war das Aufwecken der Sonde nach 957 Tagen Winterschlaf im Januar 2014. als problematisch erwies sich auch das Finden eines geeigneten Landeplatzes, denn die Struktur des Kometen präsentierte sich anders als erwartet. Insbesondere die vergangene Nacht hat die Nerven strapaziert. Es gab Komplikationen mit dem Gasantrieb, der dafür sorgen sollte, dass das Landegerät die Kometenoberfläche mit ihrer schwachen, im Vergleich zur Erde hunderttausendfach geringeren Anziehungskraft erreichen und sich mit Hilfe von Harpunen in der Oberfläche verankern kann. „Wir wussten nicht, ob es gelungen ist, den Antrieb einzuschalten“, erklärte Paolo Ferri. Auch sei nicht klar, ob die beiden Harpunen des Forschungsroboters ausgelöst werden konnten. Lande-Manager Stephan Ulamec erklärte, dies bedeute, dass der Lander im Kometenboden "nicht verankert" sei. "Philae" liefere aber bereits Daten von der Kometenoberfäche.

"Es ist sehr schwierig zu verstehen, was während und nach der Landung geschehen ist", sagte Ulamec. Die empfangenen Daten legten die Vermutung nahe, dass die Landeeinheit nach einer ersten Berührung der Kometenoberfläche noch einmal abgehoben habe. "Vielleicht sind wir heute nicht einmal gelandet sondern zweimal", sagte Ulamec. Dies sei allerdings Spekulation. Genaueren Aufschluss über die Vorgänge bei der Landung könnten erst weitere Daten bringen, die am Donnerstag die Erde erreichen sollen.

Great shot! MT @Philae2014: .@ESA_Rosetta See for yourself! ROLIS imaged #67P just 3km away! #CometLanding pic.twitter.com/1FwWs1tioF

— ESA Rosetta Mission (@ESA_Rosetta)

12. November 2014

Insgesamt ging aber alles gut – wie das Abkoppeln des Landeroboters von der Muttersonde gestern um 10 Uhr und das Ertönen des ersten Signals wenig später, das eine funktionierende Kommunikation zwischen „Philae“ und „Rosetta“ bestätigte.
Sechseinhalb Milliarden Kilometer hat die Sonde (technisch mittlerweile ein „Oldtimer“) seit dem Start am 2. März 2004 im europäischen Weltraumhafen Kourou in Französisch-Guayana zurückgelegt, ein Vielfaches der eigentlichen Entfernung zur Erde. Der riesige Umweg war nötig, weil „Rosetta“ auf der komplizierten Bahn zu ihrem Ziel mehrfach Schwung holen musste.

Der Komet selbst verharrt während des Besuchs von der Erde natürlich nicht still im All, er beschreibt einen elliptischen Orbit und rast dabei auf das Innere des Sonnensystems zu. „Philae“ wird mit dem Himmelskörper gemeinsam in die Hitze – und damit in den eigenen Tod fliegen. Bis zuletzt wird der Roboter die Menschen Zeugen sein lassen. Und die Muttersonde? Die entschwebt, wenn ihr die Energie ausgegangen ist, in die unendlichen Weiten des Weltraums.

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