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"Reform der Reform ist unvermeidbar"

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Die Universität Potsdam.
Die Universität Potsdam. © ddp

Nach Protesten gegen den Bologna-Prozess will die Präsidentin der Uni Potsdam, Sabine Kunst, beim Bachelor kräftig nachbessern.

Frau Professor Kunst, auch in Potsdam haben Studenten für eine bessere Bildung gestreikt. Sie haben versprochen, Forderungen zu berücksichtigen. Was heißt das konkret?

Es gab schon im Vorfeld des Bildungsstreiks Dialogveranstaltungen an den drei Potsdamer Campi, bei denen aus der Ecke der Fachschaften eine ganze Reihe von Problemen auf den Tisch kamen. Etwa in der Studienorganisation. Es ist nicht immer möglich, Fächer im Bachelor ohne Zeitverlust miteinander zu kombinieren. Diesen Punkt gehen wir an: Wir werden Pilotprojekte ausbauen, bei denen die strikte Bachelor-Struktur von sechs Semestern verlassen wird. Als Vorstandsmitglied des Deutschen Akademischen Austauschdienstes habe ich mich im Bereich der Internationalisierung von Studiengängen zudem für Förderprogramme eingesetzt, über die Hochschulen in Deutschland internationale Bachelor-Programme erproben können. Mit dem Ziel, Zeitfenster für Auslandsaufenthalte und Praktika aufzumachen.

Das Thema ist bei Ihnen also Chefsache?

Ja. Und dabei besteht immer ein gewisser Konflikt mit den Fakultäten. Als ich als Präsidentin nach Potsdam kam und bei den Bachelor-Programmen noch einmal nachbessern wollte, haben natürlich viele gestöhnt: Wir haben sie doch gerade erst eingeführt, jetzt sollen wir noch einmal von vorne anfangen und die neuen Studiengänge wieder entmüllen. Ich kann die Überforderung der Kollegen schon sehr gut verstehen, die sich durch volle Wochen arbeiten und neben der Einführung noch das Alltägliche bewältigen müssen. Aber wenn Sie sich den Schaden bei Licht ansehen, ist es unvermeidbar, dass die Reform der Reform ansteht.

Die Ostländer sind über den Hochschulpakt angehalten, ihre Studienplätze trotz schwindender Abiturientenzahlen zu halten. Dafür soll es bis 2015 für Brandenburg 40 Millionen Euro Geld geben. Was machen Sie mit Ihrem Anteil?

Ich setze beim Hochschulpakt auf Qualitätsicherung in der Lehre. Also auf mehr Personal, mehr Betreuung im Mittelbau und neue Studienstrukturen. Im Gegensatz zu anderen Hochschulen im Osten ist die Uni Potsdam sehr gut nachgefragt. Wir sind randvoll. Unsere Auslastung liegt derzeit bei über 100 Prozent.

Insofern sind Sie eine Insel im Osten. Liegt das an der Nähe zu Berlin?

Es liegt an den guten Studienprogrammen der Hochschule und natürlich auch an dem Sog Berlins. Studenten nehmen uns wie die vierte Berliner Uni wahr.

Dann haben Sie keine Werbekampagne laufen wie andere Ostunis?

Doch, aber wir lancieren sie auf der qualitativen Ebene, über Studienprogramme, für die wir gesondert werben aufgrund ihrer besonderen Struktur, ihrer Internationalität, der Forschungsnähe und einer guten Betreuung. Es geht also nicht allgemein um den Standort Ost.

Wie erfolgreich lassen sich denn Westabiturienten über die aktuellen Initiativen in die neuen Bundesländer locken?

Rein statistisch hatten wir im vergangenen Wintersemester mehr Studienanfänger aus den westdeutschen Bundesländern als in den Jahren zuvor. Aber eine Schwalbe macht ja noch keinen Sommer. Die steigende Tendenz führe ich auf unsere Studienangebote zurück. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nicht nur bei uns groß. Überall gibt es deutliche Anstiege bei den Studierendenzahlen. Ich würde mich noch nicht trauen zu sagen, dass das allein an unserem Angebot liegt.

Wie attraktiv kann Ihre Uni durch die Mittel aus dem Hochschulpakt für Wissenschaftler werden?

Wir können über diese Mittel mehrjährige Vertragsverhältnisse schließen und für Nachwuchswissenschaftler Perspektiven eröffnen. Weil die Mittel aber befristet sind, werden wir keine weiteren Professuren darüber finanzieren. Zumindest nicht im ersten Schritt.

Der parteilose Wissenschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, sagt, die wirklich guten Wissenschaftler machen einen Bogen um den Osten. Hat er Recht?

Auch wir haben derzeit Mühe, unsere ausgeschriebenen Stellen zu besetzen. Aber wir bekommen auch sehr gute junge Leute. Und wenn man sich anschaut, wie international und sehr gut ausgewiesen die Neuberufenen im letzten und vorletzten Jahr waren, kann ich den Eindruck von Herrn Olbertz nicht bestätigen. Die Wissenschaftsregion Potsdam-Berlin ist hoch attraktiv. Aber wo Themen doppelt und dreifach ausgeschrieben werden, etwa im Zuge der Exzellenzinitiative, ist es nicht so einfach, Positionen zu besetzen. Das geht wohl allen Hochschulen so.

Sie wollen sich für eine Neuauflage der Exzellenzinitiative qualifizieren. Welche Rolle spielt dabei der Forschungsverband "pearls"?

"Pearls" ist eine Dachmarke, die über unsere Uni koordiniert wird. Ich habe die Initiative dafür ergriffen. Mit 20 außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die uns umgeben, arbeiten wir an Elementen einer strategischen Forschungsplanung. Es gibt wohl fast nirgends eine solche Dichte von Instituten wie direkt um Potsdam rum. Viele sind aus den alten Akademien der Wissenschaften hervorgegangen. Da hat die Wende den Segen gebracht. Mit den Erd- und Biowissenschaften haben wir zwei Themenfelder besonders gut besetzt. Sinn und Zweck der Übung ist, dass wir über das Netzwerk vor allem Nachwuchsforschergruppen zusammenführen und neue Zukunftsthemen herausarbeiten.

Die Idee erinnert an das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das ja bei der Exzellenzinitiative bereits sehr erfolgreich war.

Der Unterschied ist, dass wir in Potsdam multilaterale Projekte stemmen können. So haben jetzt zwei große Potsdamer Forschungsprojekte in der Geoforschung und der Biotechnologie beim BMBF-Wettbewerb "Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern" erfolgreich abgeschnitten. Wir waren etwa mit dem Projekt "Progress" erfolgreich, in dem die Universität mit dem Deutschen Geoforschungszentrum der Helmholtz-Gesellschaft, dem Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung und dem Institut für Klimafolgenforschung zusammenarbeitet.

Sie sind zwar nicht die einzige deutsche Hochschulpräsidentin, aber eine Frau an der Spitze einer Universität ist immer noch selten. Laut einer neuen Studie bringen die meisten Menschen die Forschung eher mit Männern in Verbindung als mit Frauen. Hatten Sie schon mal Schwierigkeiten als Wissenschaftlerin?

Nicht wirklich. Vielleicht ist dabei von Vorteil, an einer ostdeutschen Uni zu sein. Die Berufstätigkeit und gleichwertige Entwicklung von Frauen im Beruf ist für viele hier als Automatismus einfach drin. Viele Mitarbeiter in der Hochschulverwaltung sowie im Ministerium sind ja in der DDR sozialisiert. Vor Potsdam war ich in Hannover an einer sehr ingenieurwissenschaftlich ausgerichteten Universität. Ich glaube, dort hätte man noch mehr Verdauungsprobleme mit einer Hochschulpräsidentin.

Die umstrittene Präsidentin der Universität Hamburg, Monika Auweter-Kurtz, wurde gerade geschasst. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Geschichten hören?

Der Job einer Präsidentin ist ein politischer. Eigentlich leitet man ein Großunternehmen, wenn Sie die Zahl der Personen sehen, die dahinterstehen. Gleichzeitig gibt es eine ganz besondere Struktur, in der unternehmensähnliche Entscheidungsstrukturen nicht funktionieren. Letztlich muss man ja ein System kommunizierender Röhren bedienen und dabei sehr gut verhandeln können. Alle Entscheidungen einer Hochschulleitung, die vom Haus wirklich getragen werden, sind das Ergebnis langer Verhandlungsprozesse. Nach der Melodie: einen Schritt vor, anderthalb zurück, dann vielleicht zwei vor. Man braucht auf jeden Fall ein gesundes Handwerkszeug aus dem Wissenschaftsbereich, um zu wissen, wie die Personen ticken, mit denen man zusammen eine solche Universität voranbringen will. Da gibt es gewisse Ehrenkodexe, die man möglichst nicht verletzen sollte.

Interview: Katja Irle und Yvonne Globert

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