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Idylle der Zukunft: Die Menschheit soll auch unabhängig von der Erde überleben. 

Raumfahrt

„Weltraumnation Asgardia“ will irdische Grenzen überwinden

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Die vor drei Jahren gegründete Organisation bereitet den Aufbruch in unendliche Weiten vor - und das professionell: Zu den „Staatsbürgern“ gehören viele Wissenschaftler.

Der Portier des Darmstädter Hotels kann sich ein mehrdeutiges Lächeln nicht verkneifen, als er gefragt wird, wo im Hause die Weltraumnation „Asgardia“ tage. Nach oben geht es, die gesamte erste Etage ist drei Tage lang für einen wissenschaftlichen Kongress der Organisation reserviert; der Titel lautet: „Paving the road to living in space“ – „Den Weg für ein Leben im Weltraum pflastern“. Was erwartet die auch skurrilem Treiben zugeneigte Besucherin dort? Menschen in Uniformen der Sternenflotte womöglich, die daran arbeiten, das Star-Trek-Universum Realität werden zu lassen?

Wie können Menschen im Weltraum reisen und leben?

Das nicht. Die meisten Teilnehmer tragen Jackett und Krawatte (Männer sind deutlich in der Mehrzahl) und viele einen Doktor- oder Professorentitel. Das Programm der Konferenz klingt anspruchsvoll, die Referenten sind Wissenschaftler von Universitäten und Forschungsinstituten, die ebenso wie die Zuhörer aus den verschiedensten Teilen der Welt nach Darmstadt gereist sind. Man findet Japan, die USA, Kanada, Russland, die Niederlande oder Spanien als Herkunftsländer, auch deutsche Experten, etwa vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt oder dem Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, sind vertreten.

Alle Vorträge kreisen um das Thema, wie Menschen künftig im Weltraum reisen und leben können, mit welchen Problemen dabei zu rechnen ist und wie diese letztlich zu lösen sind. Es geht um Konzepte für künftige Raumschiffe, für Stationen und Laboratorien, um künstliche Schwerkraft, effektiven Schutz vor Strahlen, um Reproduktion im Weltraum oder darum, ob sich negative Effekte langer Flüge durch den Weltraum durch künstlichen Winterschlaf reduzieren lassen.

Keine Spinnerei von Nerds

Man mag sich an der einen oder anderen Stelle verwundert die Augen reiben: Aber zu alldem wird tatsächlich geforscht, die an die Wand geworfenen Präsentationen lassen keinen Zweifel offen. Was hier besprochen und diskutiert wird, ist keine Spinnerei irgendwelcher Nerds – auch wenn beim interessierten Gast zuweilen ein zartes Gefühl des Unwirklichen aufkommt: Wahnsinn, die diskutieren hier gerade über die Geburt von Babys im All ...

So könnte „Asgardia“ aussehen

„Asgardia“ mit Blick auf den Saturn.
„Asgardia“ mit Blick auf den Saturn. © James Vaughan Photo
Wie ein Ballsaal im All: Auch Luxus muss man im Weltraum nicht verschmähen.
Wie ein Ballsaal im All: Auch Luxus muss man im Weltraum nicht verschmähen. © James Vaughan Photo
Geht es nach „Asgardia“, so wird bald einiges los sein im Weltraum.
Geht es nach „Asgardia“, so wird bald einiges los sein im Weltraum. © James Vaughan Photo
Künstlerische Darstellung einer künftigen Arche im Weltraum
Künstlerische Darstellung einer künftigen Arche im Weltraum © James Vaughan Photo
Eine moderne Utopie unter Glas.
Eine moderne Utopie unter Glas. © James Vaughan Photo
Ein paar Villen stehen „im Grünen“.
Ein paar Villen stehen „im Grünen“. © James Vaughan Photo
Gemeinsam alt werden in einer Art Stadthaus im Weltraum.
Gemeinsam alt werden in einer Art Stadthaus im Weltraum. © James Vaughan Photo

Auch bei der „Weltraumnation Asgardia“ handelt es sich nicht um eine Fiktion oder ein Grüppchen von Rollenspielern mit überbordender Begeisterung für einschlägige Science-Fiction-Serien. Es mag irre klingen, aber es gibt die Weltraumnation wirklich, gänzlich ironiefrei – wenn auch noch nicht an ihrem Sehnsuchtsort, sondern nur auf der Erde. Gegründet wurde die Organisation am 12. Oktober 2016 von dem russischen Raumfahrtwissenschaftler Igor Ashurbeyli. Der 56-Jährige, der sich selbst als Philanthrop bezeichnet, hat in seinem bisherigen Leben schon allerlei getan: Er machte als junger Mann 1988 in der damaligen Sowjetunion eine kleine Software-Firma auf, die heute mehr als 10 000 Mitarbeiter beschäftigt, er war mal im Vorstand eines Rüstungsunternehmens, wurde von der Unesco für seine Nanoforschung ausgezeichnet und gründete 2013 in Wien das „Aerospace International Research Center“, das seit Juli 2018 „Asgardia Independent Research Center“ heißt.

„Weltraumnation Asgardia“: Ein Name aus der nordischen Mythologie

Die Idee einer Weltraumnation scheint bei vielen, die von einer besseren Zukunft jenseits der Erde träumen, einen Nerv getroffen zu haben. Mittlerweile sollen nach eigenen Angaben mehr als eine Million Menschen von „235 earthly nations“, wie es heißt, Bürger von „Asgardia“ geworden sein. Der Name stammt übrigens aus der nordischen Mythologie und bezeichnet dort den Wohnort des Göttergeschlechts der Asen. Anders als in irdischen Gefilden sind die Geschlechter ziemlich ungleich verteilt: 80 Prozent sind Männer, 18 Prozent Frauen, zwei Prozent divers, wie in einer Informationsbroschüre aufgeführt ist. Im Gegensatz zu vielen Industrienationen hat die Weltraumnation nicht mit Überalterung zu kämpfen: Das Gros der Bevölkerung ist zwischen 18 und 39 Jahre alt, gerade mal sechs Prozent haben die 50 überschritten. Die Sprache, in der man sich verständigt, ist Englisch.

Was soll das Ganze, mag sich ein im Hier und Jetzt fest verankerter Geist fragen. Das Ziel von „Asgardia“ ist es, dass die Menschen den Weltraum besiedeln – in einem friedlichen Miteinander. „Wir sind eine Weltraumnation“, heißt es in der Broschüre, „aber wir residieren auf der Erde“; noch, versteht sich: „Asgardia sieht nicht die Grenzen auf der Erde und kreiert keine Grenzen im Weltraum.“ Jedem Menschen solle unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Religion ein Zugang dorthin gegeben werden, erklärt Lena de Winne, Ministerin für Information und Kommunikation.

„Asgardia“ verfügt über ein eigenes Parlament

Ministerin? So ganz von irdischen Strukturen trennen mögen sich die Weltraumbürger dann doch nicht: „Asgardia“ verfügt über ein eigenes Parlament und eine Regierung mit zwölf Ministerien, die geführt wird von Premierministerin Ana Mercedes Diaz, einer Richterin aus Venezuela. Außenminister ist Eric Yong-Joong Lee, Professor für Internationales Recht an der Dongguk Universität im südkoreanischen Seoul (Kurze Irritation: Für was ist eigentlich der Außenminister einer Weltraumnation zuständig?), Wissenschaftsminister der Physikprofessor Floris Wuyts aus dem belgischen Antwerpen, Kultusministerin Olimpia Niglio, Professorin für Architekturgeschichte an der Päpstlichen Theologischen Fakultät Marianum. Die meisten Regierungsmitglieder sind Wissenschaftler. In der Bevölkerung sei der ganze Querschnitt vertreten, sagt Lena de Winne: „Forscher, Lehrer, auch Fußballspieler“.

Selbst im Weltraum kommt man offenbar nicht ohne Geld aus, schade eigentlich, deshalb wurde schon eine nationale Währung geschaffen: der Solar, wobei bei Investitionen notgedrungen noch auf schnöden herkömmlichen Mammon zurückgegriffen werden muss. Die Flagge von „Asgardia“ zeigt, wohin die Reise gehen soll: Auf dunkelblauem Grund ist in ihrer Mitte die Sonne zu sehen, umgeben von neun gelben Ellipsen – sie stehen für die Planeten unseres Sonnensystems – und drei weißen Bahnen, Symbolen für die unendlichen Möglichkeiten neuer Entdeckungen im All.

Die Nasa stellt den Weltraumbahnhof

In Zukunft soll eine extraterrestrische Infrastruktur aufgebaut werden, unter anderem mit Außenposten im Erd- und Mondorbit sowie einem Abwehrsystem für Gefahren aus den Tiefen des Alls wie Asteroiden auf Kollisionskurs. Langfristiges – sehr langfristiges – Ziel ist das Schaffen einer Arche Noah 2.0. „Die Menschheit soll überleben, unabhängig von der Erde und sich auch unabhängig von ihr fortpflanzen“, sagt Lena de Winne. Einen symbolischer Anfang für die angestrebte Besiedelung des Weltraums hat „Asgardia“ am 12. November 2017 gemacht, als ein kleiner Satellit vom Weltraumbahnhof „Wallops Flight Facility“ in Virginia aus ins All geschossen wurde. Er kreist seither als erstes Territorium von „Asgardia“ in 450 Kilometern Höhe um die Erde.

Den Weltraumbahnhof für den Start des Satelliten hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa zur Verfügung gestellt. Grundsätzlich weiß man bei den großen Weltraumbehörden jedoch nicht so genau, wie man mit „Asgardia“ umgehen soll. „Man ist dort eher skeptisch“, räumt Lena de Winne ein. So war als Veranstaltungsort für die Konferenz „Paving the Road to living in Space“ zunächst das Kontrollzentrum Esoc der europäischen Weltraumorganisation Esa in Darmstadt vorgesehen. Doch nicht alle Mitarbeiter des Esoc waren damit einverstanden, deshalb fand der Kongress dann vom 14. bis 16. Oktober in einem Darmstädter Hotel statt. „Es gibt kontroverse Haltungen zu uns“, sagt Lena de Winne, „und auch Leute, die uns für verrückt halten“. Wissenschaftsminister Floris Wuyts sieht „Asgardia“ damit in guter Tradition: „Das war schon immer der Preis von Visionären. Sie wurden oft nicht ernst genommen.“

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