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Edwin "Buzz" Aldrin auf dem Mond am 21. Juli 1969.

Buzz Aldrin

„Raumfahrt inspiriert uns alle“

Pionier Edwin „Buzz“ Aldrin spricht im FR-Interview über Kriegserfahrungen in Korea, sein hartes Leben nach der ersten Mondlandung, sein umstrittenes Abendmahl im All und Astronauten als Vorbilder für die Menschheit.

Mr. Aldrin, viele Ihrer Kollegen aus dem Apollo-Programm haben erklärt, durch ihre Reise zum Mond hätte sich ihre Einstellung zum Leben gewandelt. Wie war das bei Ihnen?
Für mich machte das Ganze keinen großen Unterschied. Das, was ich erlebte, war nicht so schockierend neu und einzigartig, dass ich mich dadurch großartig verändert hätte.

Bei der ersten Mondlandung dabei zu sein war nichts Einzigartiges?
Ich dachte immer schon futuristisch und verstand genau, was wir da taten. Also empfand ich das Ganze als nicht so umwerfend. Und der ganze geologische Teil der Landung mit dem Steinesammeln interessierte mich sowieso nicht so besonders. Für mich als Person war die Mondlandung eigentlich nur indirekt wichtig. Denn sie beschleunigte einige Veränderungen in meinem Leben, die sonst wohl viel später eingetreten wären.

Wurden Sie dadurch menschlich reifer?
So kann man es leider nicht ausdrücken. Das Ganze lief etwas komplizierter ab. Das Problem war, dass ich nach dem Apollo-Programm eine neue berufliche Perspektive brauchte, aber die weitere Strategie der Nasa war für mich nicht interessant. Das Skylab-Weltraumlabor war nicht mein Fall, und ich hatte auch keine Lust bis zu den Space Shuttle-Missionen zu warten. Also kehrte ich in mein ursprüngliches Metier zurück - zum Militär, wo ich ja auch ausgebildet worden war. Ich war ja ursprünglich Kampfflieger gewesen. Deshalb rechnete ich damit, dass man mich an die Luftwaffen-Akademie schicken würde. Aber da herrschte ein Konkurrenzdenken, mit dem ich nicht zurecht kam, und so wurde mir leider jemand vorgezogen. Stattdessen bat man mich, eine Schule für Testpiloten zu leiten. Davon hatte ich allerdings keine Ahnung, und das war so frustrierend, dass ich aus der Armee ausschied.

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Ein harter Schnitt - haben Sie das nicht als Absturz erlebt?
Sicher, denn in der Armee war ich ein sehr strukturiertes Leben gewohnt, wo man dir sagt, was du zu tun hast. Und plötzlich war diese Struktur weg, und damit kamen alle möglichen Probleme hoch, mit denen ich mich nie auseinandergesetzt hatte. Ich litt an Depressionen, wurde alkoholabhängig, meine erste Ehe ging in die Brüche. Jahrzehnte lang war ich damit beschäftigt, meine Fähigkeit, mit diesem Leben zurechtzukommen, zu verbessern. Das ist mir auch gelungen. Ich trat den Anonymen Alkoholikern bei, dadurch bekam ich meine Sucht in den Griff, ich habe wieder geheiratet, mein spirituelles Verständnis ist gewachsen, und ich habe jetzt wieder viel mehr Struktur in meinem Leben. Das alles war viel, viel wichtiger für mich als die Mondlandung. Aber wäre ich kein Astronaut geworden, dann wäre das alles wohl erst viel später passiert.

Sie nahmen auch als Kampfpilot im Koreakrieg teil, schossen zwei russische Flieger ab. Wie haben Sie das verarbeitet?
Wissen Sie, ich war damals eine Abenteurer-Natur. Klar war das eine sehr bedrohliche und manchmal furchtbare Situation, wenn du mitbekamst, wie deine Kameraden sterben. Aber ich verstand damals gar nicht so richtig, worauf ich mich da einließ. So brachen wir einfach viele Regeln. Eigentlich war es uns verboten, in den Luftraum der Mandschurei einzudringen, und die Russen, die die meisten feindlichen Jets flogen, wussten das und fühlten sich dort sicher. Also hielten wir uns nicht an die Vorschriften und schossen sie ab. Und wir kamen trotzdem ungeschoren davon. Das war in gewissem Sinne eine größere Herausforderung als die Mondlandung, denn du warst ständig mit sich verändernden Gefahrensituationen konfrontiert. Aber meine Erinnerung an diese Erlebnisse ist nicht mehr so klar. Es gibt ja auch keine Filme, die mir dabei helfen würden.

Durch das Apollo-Programm waren Sie vom Dienst in Vietnam befreit. In der neuen Film-Dokumentation zur ersten Mondlandung meinte einer der Astronauten, er habe deshalb ein schlechtes Gewissen gehabt. Sie auch?
Nein, ich hatte ja schon meine Kampferfahrungen gesammelt - und ich war auch froh, so etwas in meinem Lebenslauf zu haben. Ich hatte also nicht das Gefühl, dass ich mich hier in die ruhmreiche Welt der Raumfahrt davonstehle. Abgesehen davon war es bei uns auch nicht gerade ungefährlich. Wir verloren ja einige Leute bei tödlichen Unfällen.

Neben dem Vietnamkrieg wurde die US-Gesellschaft auch von der Bürgerrechtsbewegung und den Rassenunruhen aufgewühlt. Was bekamen Sie in Ihrer abgeschotteten Sphäre von den Umwälzungen der damaligen Zeit mit?
So abgeschottet waren wir gar nicht. Da gibt es ganz andere Beispiele: Ein Kamerad aus dem Koreakrieg, mit dem ich meine Ausbildung absolviert hatte, wurde 1965 in Vietnam abgeschossen und verbrachte sechseinhalb Jahre in Kriegsgefangenschaft. Der erfuhr von nichts - nicht mal, dass sein Kumpel auf dem Mond gelandet war. Ich dagegen stand zum Beispiel in engem Kontakt mit einem Prediger meiner Presbyterianerkirche, und nach der Ermordung Martin Luther Kings veranstaltete er eine Trauerprozession, an der ich teilnahm. Was die Leute im Raumfahrtprogramm übrigens gar nicht so toll fanden.

Warum?
Sie fragten: "Was hat er denn da verloren?" Die Nasa hatte nichts mit der Bürgerrechtsbewegung zu tun. Deshalb war das auch nie ein Thema, über das wir uns unterhielten. Alle persönlichen Beweggründe blieben außen vor. Als gläubiger Christ feierte ich das Abendmahl, nachdem wir auf dem Mond gelandet waren. Als die Verantwortlichen das erfuhren, sagten sie mir, ich solle niemand davon erzählen. Denn das war nur eine individuelle christliche Angelegenheit, und wir waren ja für die ganze Menschheit gekommen.

Wie war es, danach von der ganzen Menschheit gefeiert zu werden? Stieg Ihnen das nicht zu Kopf?
Bloß weil man dich als Helden behandelt, heißt das ja nicht, dass du einer bist. Das war mir schon vorher klar. Aber wir wurden auch nicht immer gefeiert. Nach der Rückkehr mussten wir eine Zeit in Quarantäne verbringen. Man wollte sicher gehen, dass wir nicht mit unbekannten Mikroorganismen oder Bakterien verseucht waren. Danach flog man uns zu unserem ersten öffentlichen Auftritt in der Universität von Milwaukee, wo wir eine Medaille bekommen sollten. Und als unser Auto vorfuhr, begannen es die Studenten mit Eiern zu bewerfen.

Was war der Hintergrund?
Die wollten nur gegen das Establishment protestieren, ohne weiter nachzudenken. Ich erzähle heute noch davon, denn ich hoffe, dass einer von denen sich daran erinnert und nochmal darüber nachdenkt.

Zweifel am Raumfahrtprogramm hat es immer gegeben. Schließlich ist die Menschheit mit wesentlich dringenderen Herausforderungen konfrontiert, als ins All zu fliegen.
Ein Geiger hört doch deshalb auch nicht auf zu spielen, bloß weil es andere Probleme gibt. Und ich bin eben jemand, der sich mit Raumfahrt auskennt, also engagiere ich mich in diesem Metier.

Nur dass Ihr Metier im Gegensatz zu einem Konzert Unsummen verschlingt. Bis zur Mondlandung wurden 25 Milliarden US-Dollar in das Apollo-Programm gesteckt.
Aber gemessen an den Staatsausgaben war das nicht so viel. Das waren rund 3,5 Prozent. Heute geben die USA rund 0,6 Prozent für die Raumfahrt aus. Und das ist ja nicht verschwendet, wir bekommen dafür etwas zurück.

Welchen Nutzen sehen Sie heute in der Raumfahrt?
Sie bietet eine Inspiration, die wir unbedingt brauchen. Denn sie inspiriert die Menschen, die Naturwissenschaften weiterzubringen. Der materielle Nutzen für den Einzelnen ist gering. Die Bezahlung in diesen Bereichen ist spärlich. Es gibt auch keinen großartigen Ruhm.

Aber Ihr Name oder der von Kollegen wie Armstrong und Gagarin sind doch Legende?
Aber wer weiß schon, wer einen Shuttle fliegt? Die Leute nehmen dich bestenfalls zur Kenntnis, wenn dein Raumschiff explodiert. Denn alle interessieren sich nur für die Frage „Was springt für mich dabei heraus?“ Und keiner will auf irgendetwas warten. Wenn Sie dagegen ein Schiff zum Mond oder zum Mars schicken wollen, dann müssen Sie Geduld haben. Nur mit dieser Einstellung, dieser Opferbereitschaft und Beharrlichkeit kann sich die Menschheit weiterentwickeln. Und die Raumfahrt ist dafür ein Vorbild. Das ist für mich die beste Rechtfertigung, warum wir ins All fliegen sollten. Und deshalb bin ich froh, dass ich auf dem Mond gelandet bin.

Das Interview führte Rüdiger Sturm

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