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Rätselhafte Häufung vonHepatitis bei Kindern in mehreren Ländern

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Von: Pamela Dörhöfer

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In Großbritannien gibt es eine Häufung von unerklärten Hepatitis-Fällen bei Kindern. (Symbolbild)
In Großbritannien gibt es eine Häufung von unerklärten Hepatitis-Fällen bei Kindern. (Symbolbild) © imago/blickwinkel

Der Lockdown, ein verändertes Adenovirus, ein Zusammenspiel mit dem Coronavirus – zu den möglichen Ursachen haben Forschende verschiedene Theorien.

Vor zwei Wochen berichtete die britische Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) erstmals von einer ungewöhnlichen Häufung schwerer Hepatitis bei Kindern unter zehn Jahren. Mittlerweile haben weitere Länder Fälle von akuter Leberentzündung in dieser Altersgruppe gemeldet. Im Einzelnen sind es Dänemark, die Niederlande, Irland und Spanien, neun Verdachtsfälle gibt es zudem im US-Bundesstaat Alabama. Aus Deutschland seien bislang noch keine Fälle bekannt, sagte der Kindergastroenterologe Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, dem Science Media Center. Man sei durch die Fallzahlen aus Großbritannien noch nicht beunruhigt, müsse die Sache aber „ernst nehmen“.

In Großbritannien werden derzeit 74 Fälle untersucht, die seit Januar aufgetreten sind, die meisten davon bei Kindern im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. 74 Fälle im gesamten Vereinigten Königreich – das klingt zunächst nicht viel. Normalerweise aber verläuft eine Hepatitis bei Kindern symptomlos oder mit nur milden Beschwerden wie Übelkeit oder leichtem Unwohlsein. Bei den gemeldeten Fällen verhält es sich anderes, hier entwickelte sich die Erkrankung schwer, die Kinder mussten mindestens sechs Tage im Krankenhaus behandelt werden. Bei einigen kam es zu akutem Leberversagen, die kleinen Patientinnen und Patienten mussten in spezialisierte Kinderleberstationen verlegt werden. Manchen ging es sogar so schlecht, dass ihnen eine Leber transplantiert werden musste.

Zur Einordnung der Zahlen berichtet Public Health Scotland, dass mit 13 Fällen in Schottland Stand Mitte April innerhalb weniger Wochen fast doppelt so viele Kinder wegen einer schweren Hepatitis in eine Klinik mussten wie sonst in einem ganzen Jahr.

Die Ursache für die Hepatitis-Fälle bei den Kindern kennt man bisher noch nicht. Auffällig ist, dass bei keinem der Jungen und Mädchen eine Infektion mit einem der Hepatitisviren A, B, C, D oder E nachgewiesen werden konnte; sie sind eigentlich die häufigsten Auslöser für die Erkrankung. Allerdings können auch andere virale Infektionen eine Leberentzündung nach sich ziehen, etwa solche mit dem Epstein-Barr-Virus, mit Herpesviren oder Adenoviren.

Außerdem kann sich eine Leberentzündung als Folge von Alkohol- oder Drogenkonsum, der langfristigen Einnahme bestimmter Medikamente oder einer Fettleber entwickeln. Auch durch eine Fehlfunktion des Immunsystems kann die Leber angegriffen werden, in diesem Fall spricht von man von einer Autoimmunhepatitis. Eine Covid-Impfung hat laut der britischen Gesundheitsbehörde keines der erkrankten Kinder in Großbritannien erhalten, sie kommt damit als Ursache nicht in Frage.

Einige der kleinen Patientinnen und Patienten, die im Vereinigten Königreich wegen ihrer Leberentzündung im Krankenhaus behandelt werden mussten, wurden allerdings positiv auf das Coronavirus und einige positiv auf Adenoviren getestet. Adenoviren zählen zu den Erregern grippaler Infekte. Typische Symptome sind die üblichen Erkältungsbeschwerden, auch Bindehaut- und Blasenentzündungen sowie Magen-Darm-Grippe können bei einer Infektion auftreten, manchmal verursachen Adenoviren zudem Lungenentzündungen.

Hepatitis lösen Adenoviren eher selten aus – wenn ja, dann vor allem bei immungeschwächten Menschen. Ob bei den Kindern die Infektion mit Adenoviren in Zusammenhang mit der Hepatitis steht, ist unklar. Sollte es der Fall sein, so könnte das laut einem Artikel im britischen Wissenschaftsmagazin „The Conversation“ bedeuten, „dass eine neue Variante des Adenovirus entstanden ist, die leichter Hepatitis verursacht“. Der Autor des Beitrags, der Mikrobiologe Conor Meehan von der Nottingham Trent University, sieht das Adenovirus als die „wahrscheinlichste Erklärung“ an, „da es eine häufige Infektion bei Kindern ist und Hepatitis verursachen kann“. Auch die Gesundheitsbehörde von Alabama vermutet eine Verbindung zum Adenovirus 41, wie das „Ärzteblatt“ berichtet.

Eine Autoimmunhepatitis hingegen sieht Conor Meehan als „sehr unwahrscheinlich“ an, da diese sehr selten sei und normalerweise bei Frauen im mittleren Alter auftrete. Das Coronavirus hingegen käme nach Ansicht des Mikrobiologen schon eher als Auslöser in Frage. Allerdings seien vereinzelte Fälle einer Hepatitis bisher nur als Komplikation bei Erwachsenen mit schwerem Covid.19 beobachtet worden. Auch Kinder- und Jugendmediziner Burkhard Rodeck hält einen Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion zwar „theoretisch“ für denkbar, aber für „nicht sehr plausibel“.

Conor Meehan könnte sich als weitere Möglichkeit vorstellen, „dass dies ein neues Symptom ist, das sich aus der Interaktion zwischen Viren ergibt“ (zwischen dem Adeno- und dem Coronavirus) – oder dass es durch „ein völlig anderes Virus verursacht wurde, das man noch nicht entdeckt hat“.

Graham Cooke, Infektiologe am Imperial College London, vermutet hingegen eher, dass die bei einigen Kindern gleichzeitig mit der Hepatitis festgestellten Infektionen mit Sars-CoV-2 und Adenoviren ein Zufall sind, wie er dem britischen Science Media Center sagte. „Sollte die Hepatitis eine Folge von Covid-19 sein, so wäre es überraschend, dass man angesichts der derzeit vielen Infizierten nicht mehr Fälle sieht.“

Burkhard Rodeck bringt noch eine ganz andere Theorie ins Spiel – die er als die wahrscheinlichste ansieht. So hält es der Arzt für gut möglich, „dass mit den Lockerungen in Großbritannien zunehmend Kinder und Jugendliche in relativ kurzer Zeit aus der Isolation kommen und auf einmal vielen Keimen ausgesetzt sind, mit denen sie zuvor aufgrund diverser Lockdown- und anderer Maßnahmen nicht in dieser Fülle in Kontakt gekommen sind“. Grundsätzlich sei das auch ein Szenario, „das wir in Deutschland bei weitgehenden Lockerungen sehen können“.

Das Immunsystem befindet sich bei Kindern bis zum Alter von etwa zehn Jahren in einer intensiven Lernphase: Es macht vor allem durch Kontakte im Kindergarten und in der Schule nach und nach Bekanntschaft mit den verschiedenen Erregern, speichert nach jedem Infekt die Erinnerung ab und entwickelt sich so weiter, um beim nächsten Mal besser gewappnet gewesen sein. Durch die Isolierung während der Lockdowns ist dieser Prozess gestört worden.

Die europäische Gesundheitsbehörde European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) fordert Ärztinnen und Ärzte an Kliniken in der EU auf, Fälle von akuter, schwerer Hepatitis bei Kindern, bei denen eine Infektion mit den Hepatitis-Viren A bis E ausgeschlossen wurde, den nationalen Gesundheitsämtern der betroffenen Länder zu melden. Die Mitgliedsstaaten der EU sollen Informationen über solche Verdachtsfälle über die Epi Pulse-Plattform der EDCD weitergeben, um eine systematische Untersuchung der Ursachen zu erleichtern.

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