Unter Quarantäne stehende Tönnies-Mitarbeiter vor ihrem Haus in Verl: Der Ausbruch in der Schlachtfabrik hat einen großen Einfluss auf den R-Wert.
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Unter Quarantäne stehende Tönnies-Mitarbeiter vor ihrem Haus in Verl: Der Ausbruch in der Schlachtfabrik hat einen großen Einfluss auf den R-Wert.

Coronavirus

Das Rätsel um den R-Wert

  • vonJulia Rathcke
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Der Reproduktionsfaktor ist über das Wochenende gestiegen. Eine zweite Welle droht deshalb jedoch nicht.

Es ist eine Nachricht, die auf den ersten Blick beunruhigend wirkt: Die sogenannte Reproduktionszahl hat über das Wochenende den kritischen Wert von 1 deutlich überschritten. Bei dem aktuellen R-Wert, den das Robert-Koch-Institut (RKI) seit Sonntagnacht mit 2,88 angibt, bedeutet das: Ein Infizierter steckt im Durchschnitt zwei bis drei weitere Menschen an. Mathematisch genauer: 100 infizierte Menschen geben das Virus an 288 andere weiter. Als Prognose wirkt das dramatisch, ist aber zunächst nichts weiter als eine punktuelle Rückschau.

Denn selbst den aktuellen Infektionsstand, den Jetzt-Zustand, bildet der R-Wert nicht ab – er gibt in etwa den Stand von vor eineinhalb Wochen wider: Weil das Coronavirus durchschnittlich nach vier Tagen von einem Menschen zum nächsten weitergegeben wird, berechnet das RKI den R-Wert aus den Infektionszahlen der vier jüngsten Tage des Nowcastings und der vier Tage davor. Das Nowcasting ist das Verfahren, das das RKI einsetzt, um aus den Meldungen und dem Wissen über den Meldungsverzug in unterschiedlichen Altersgruppen die tatsächliche Zahl der Infektionen zu schätzen. Das Nowcasting gibt dabei nicht das Meldedatum an, sondern schätzt das Datum des tatsächlichen Ausbruchs der Krankheit. Daraus ergibt sich eine Spanne, in der der R-Wert liegt.

Dieser Wert ist kurzfristig nun deutlich angestiegen – von 1,79 am Samstag auf 2,88 am Sonntag. Der Grund ist schnell erklärt: Der Wert reagiere auf kurzfristige Änderungen der Fallzahlen empfindlich, verursacht etwa durch einzelne Ausbrüche, wie das RKI am Montag erläuterte. Vor allem bei einer insgesamt kleinen Anzahl von Neuerkrankungen in Gesamtdeutschland könne dies zu verhältnismäßig großen Schwankungen führen.

Zwei Aspekte mildern die Gefahr, die der hohe R-Wert suggeriert, aktuell ab: Einerseits ist die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen mit 537 Fällen binnen eines Tages (Stand Montag) verhältnismäßig gering – andererseits sind die Neuinfektionen allesamt klar lokalisierbar und bislang gut nachverfolgbar. Hohe Zahlen an Neuinfizierten meldete das RKI in den vergangenen Tagen jeweils in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf sowie in Magdeburg und im Berliner Stadtteil Neukölln – also an Orten, wo sich jüngst konzentrierte Corona-Hotspots gebildet haben. So ist der Anstieg in Gütersloh allein auf den Ausbruch im Tönnies-Werk zurückzuführen. Auch die Infektionszahlen in Warendorf stehen damit im Zusammenhang, da viele Tönnies-Mitarbeiter ihren Wohnsitz in dem benachbarten Landkreis haben und dort in die Statistik einfließen.

Die übrigen Hotspots sind bislang ebenfalls eingrenzbar: In Magdeburg gibt es laut RKI einen Ausbruch, von dem mehrere inzwischen geschlossene Schulen betroffen sind. In Göttingen sind nach dem Corona-Ausbruch in einem Hochhauskomplex nach wie vor 700 Bewohner unter Quarantäne gestellt. Und in Berlin-Neukölln geht es laut RKI um Infektionen im Umfeld einer Glaubensgemeinschaft.

Grundsätzlich ist der R-Wert nur ein Parameter, um die Dynamik der Corona-Infektionen zu beurteilen. Wichtig ist auch die Zahl der Neuinfektionen. Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland schätzt das RKI derzeit weiter insgesamt als „hoch“ ein. Die Zahl der Neuinfektionen ist momentan allerdings noch auf so niedrigem Niveau, dass es vielmehr darauf ankommt, dass sich alle Fälle gut nachverfolgen lassen.

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