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Im Film gilt Rauchen seit ewigen Zeiten als cool. Hier Ingrid Thulin im Film „Die Lady“ von 1964.

Rauchen im Film

Qualmen ohne Limit

  • vonEckart Roloff
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In den Kino kommt demnächst das Werbeverbot für Tabak. In deutschen Filmen wird jedoch unvermindert kräftig geraucht.

Welch eine schwere Geburt, welch ein jahrelanges Hin und Her! Es ging um die Frage, wo und wie künftig für Tabakwaren geworben werden darf. Am 18. September hat der Bundesrat für einige weitere Einschränkungen gestimmt; Die Mehrheit des Bundestages hatte sie schon Anfang Juli beschlossen.

Um nur eine der neuen Regelungen herauszugreifen: Sie verbietet es vom 1. Januar 2021 an, in Kinos vor dem Hauptprogramm Tabakwerbung zu zeigen. Jedenfalls dann, wenn der folgende Film für Kinder und Jugendliche freigegeben wurde. Erlaubt ist Werbung demnach noch bei Filmen für über 18-Jährige.

Auch dazu gab es vor allem im Parlament und dem zuständigen Ausschuss – übrigens nicht dem für Gesundheit, sondern dem für Ernährung und Landwirtschaft – schier uferlose Debatten. Die Lobby der Tabakbranche, darunter der Verband der deutschen Rauchtabakindustrie, war eifrig dabei, alle möglichen Restriktionen zu verhindern oder wenigstens zu verwässern und zu verzögern. In Presse, Radio und Fernsehen ist die Tabakwerbung längst untersagt. Das HB-Männchen sprang schon seit Jahrzehnten nicht mehr in die Luft – einem Millionenpublikum Entspannung durch Qualmerei zu verheißen, das war ausgeschlossen.

Bald gibt es also auch im Kino keine Spots mehr für Zigaretten und andere Tabakprodukte. Was sich aber überhaupt nicht ändert, ist dies: In den dort gezeigten Filmen darf ohne jedes Limit geraucht werden, da regiert allein der Regisseur mit dem Drehbuch.

Man muss nur einmal darauf achten, wie oft Glimmstängel eine Rolle spielen. Besonders groß war die im Film „Die Spur der Mörder“, den das ZDF am vergangenen Montag von 20.15 Uhr an zeigte. Da saugt Heino Ferch als Kommissar in fast jeder Szene an seinen Zigaretten, sogar in Lokalen und in Besprechungszimmern auch vor vielen KollegInnen, in seinem Büro sowieso.

Offenbar haben solche Sequenzen spezielle Absichten. Mal, um Nervosität und Anspannung zu vermitteln, mal Verlegenheit oder weil es so lässig und genussvoll wirkt, mal aus Geselligkeit und um sich aus einer Runde nicht auszuschließen. An Motiven ist kein Mangel.

Und auch nicht an Daten. Der Psychologe und Soziologe Reiner Hanewinkel, Leiter des Kieler Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung, erfasst sie seit einigen Jahren sehr detailliert. So fand er heraus, wie er im Fachblatt „Pneumologie“ (Heft 11/2018) darlegte, dass 87 Prozent von 61 Filmen Rauchszenen enthalten. Das waren aber nicht x-beliebige Streifen, sondern jene, die von 2016 bis 2018 für den Deutschen Filmpreis, die Lola, nominiert waren, sehr begehrt und hoch dotiert dank staatlicher Zuschüsse.

Darunter sind viele Filme, die auch Kinder ansehen dürfen. So kann der Griff nach Zigaretten für sie zu etwas ganz Alltäglichem werden. Was Filme vorführen, kann verführerisch wirken. Dabei ist erwiesen, dass der Tabakkonsum meist in Jugendjahren beginnt. Verstärkt wird das dadurch, meint Hanewinkel, „dass die Filme das Rauchen in aller Regel positiv darstellen“ und gewiss nicht stigmatisierend oder anklagend. Bemerkenswert auch, dass oft so freundlich vom „blauen Dunst“ gesprochen wird. Ist der nicht eher grau?

Wer als Jugendlicher E-Zigaretten probiert, so Hanewinkel in einer späteren Untersuchung („Pneumologie“, Heft 1/2020), neigt überdies dreimal häufiger dazu, später zu „echten“ Zigaretten zu greifen. Besonders junge Leute mit einem niedrigen Risikoprofil könne das verleiten, sich auf die nur scheinbar harmlosen E-Zigaretten einzulassen. Er und andere Fachleute fordern deshalb ein umfassendes Werbeverbot. Das aber wird dafür erst 2024 kommen.

Zurück zu den Filmen. Mustergültige Aufklärung dazu bietet die Website www.rauchfreiefilme.de. Übersichtlich nennt sie die wenigen früheren und auch aktuellen Offerten (etwa „Tenet“ und „Meine Freundin Conni“), in denen nicht gepafft wird, und ebenso die sehr vielen, in denen es nicht ohne geht. Gut erläutert vermittelt sie zudem, wie es damit bei den Oscar-prämierten Werken aussieht: Zwischen 2015 und 2020 bekamen 71 Prozent das Etikett „nicht rauchfrei“. Außerdem ist Woche für Woche abzulesen, wohin der deutsche „Tatort“ tendiert, nämlich höchst selten zu „rauchfrei“.

Um den Verzicht auf das Qualmen zu belohnen, gibt es sogar einen Preis, das „Rauchfrei-Siegel“ des Aktionsbündnisses Nichtrauchen e. V. Zu dem gehört auch das Deutsche Krebsforschungszentrum, das ebenso wie die Weltgesundheitsorganisation WHO seit Jahrzehnten vor den schädlichen Folgen des Rauchens warnt, das Milliarden Euro an Behandlungskosten verursacht. Dieses Siegel bekam zuletzt „Fritzi – eine Wendewundergeschichte“.

Rauchszenen gibt es da nicht. „Unsere Hauptfiguren sind auch ohne Tabakkonsum starke und prägnante Charaktere“, so Matthias Bruhn, einer der Regisseure. Andere Filmemacher meinen, das Rauchen gehöre nun mal zum Leben, das lasse sich nicht einfach ausblenden.

Zum Thema lässt sich auch diese Website nutzen: www.tobacycle.de. „Wir haben das ehrgeizige Ziel, Zigarettenkippen aus der Umwelt und aus dem Restmüll zu verbannen“, heißt es da. „Zigarettenkippen verursachen einen immensen Schaden in der Umwelt. 4300 Milliarden Zigarettenkippen fallen jährlich weltweit an.“ Und weiter: „Bereits ein kleiner Regen genügt, um die enthaltenen Giftstoffe auszuwaschen und in das Grundwasser zu leiten.“

Um das zu ändern, bietet Tobacycle ein Sammelsystem für Kippen an. Es verspricht, sie restlos zu verwerten, einschließlich Asche und Giftstoffen. „Wir recyceln das zu einem spritzfähigen Granulat und stellen hieraus die Behälter für unser Sammelsystem her. Alle hergestellten Produkte können wieder vollständig in die Verwertung gegeben werden.“

Wird sich das durchsetzen? Auch gegen all die Filmszenen, die so gern zeigen, wie cool es ist, Zigarettenkippen achtlos wegzuwerfen?

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