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Makake in Gefangenschaft.

Versuche

Die Qual der Tiere

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Die umstrittenen Bremer Affenversuche beleuchten einen Grundsatzkonflikt zwischen Wissenschaftsfreiheit und Tierschutz. Von Eckhard Stengel

Andreas Kreiter (45) ist ein freundlicher Familienvater mit meist sanfter Stimme. Der Bremer Neurobiologe wirkt so, als könnte er keiner Fliege etwas antun. Und so einer "foltert" Affen, wie Tierversuchsgegner behaupten? Wie sehr der Hirnforscher seinen Makaken tatsächlich Leid zufügt, darüber streitet man sich in Bremen schon seit über einem Jahrzehnt - und neuerdings auch verstärkt bundesweit. Denn die Bremer Tierschutzbehörde will Kreiters Affen-Experimente nicht länger genehmigen und hat damit den alten Grundsatzstreit um Tierversuche neu belebt.

Wie leidensfähig und schutzbedürftig Tiere sind, darüber wird schon ewig disputiert. Der Philosoph Descartes meinte im 17. Jahrhundert noch, die Schreie gequälter Tiere seien nichts anderes als das Quietschen von Maschinen. Dagegen verlangt das bundesdeutsche Tierschutzgesetz von 1972 gleich in Paragraph 1: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen."

Das hat sich zwar noch nicht bei allen Massentierhaltern und Viehtransporteuren herumgesprochen, und auch die Verbraucher denken bei Frühstücksei oder Schnitzel selten an das Leiden von Legehennen oder Mastschweinen. Aber sobald es um Tierversuche geht, werden viele hellhörig. Vor allem, wenn die Forschungsobjekte dem Menschen ähneln. 2007 mussten in Deutschland fast 2500 Affen und Halbaffen der Wissenschaft dienen.

Gegen solche Versuche lassen sich viele Bürger schnell mobilisieren. So unterschrieben vor zwei Jahren 65 000 Berliner einen Aufruf gegen beantragte Affenversuche am Universitätsklinikum Charité. Beim Berliner Senat rannten sie damit offene Türen ein: Er versagte die Genehmigung, weil die Experimente ethisch nicht vertretbar seien.

In Bremen hatten bereits 1997 mehr als 35 000 Wahlberechtigte einen Bürgerantrag gegen die von Professor Kreiter gerade frisch beantragten Makaken-Versuche unterzeichnet. Sie verhinderten zwar nicht die Genehmigung, erreichten aber, dass der Tierschutz in der Landesverfassung verankert wurde. Erst nach zwei weiteren Bürgeranträgen 1999 und 2001 beschloss 2007 auch das Bremer Parlament einmütig einen "geordneten Ausstieg" aus Kreiters Versuchen - kurz vor der damaligen Bürgerschaftswahl.

Aber das war leichter gefordert als getan. Denn die Genehmigung darf nur bei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz versagt werden - oft reine Interpretationssache. Laut Gesetz müssen die Experimente "unerlässlich" sein, sei es für die Behandlung von Krankheiten oder für die Grundlagenforschung. Versuche mit Wirbeltieren sind nur erlaubt, "wenn die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Versuchstiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind".

Aber was heißt das konkret? Dürfen Hirnforscher wie in Bremen den Affen einen Bolzen auf den Schädel montieren, sie damit in einem "Primatenstuhl" aus Plexiglas fixieren, ihnen haarfeine Elektroden durch ein Loch im Schädel schmerzfrei ins Gehirn schieben, sie stundenlang Wahrnehmungsaufgaben am Bildschirm lösen lassen, ihnen für das Messen von Augenbewegungen einen feinen Goldring unter die Bindehaut einsetzen, sie vor den Versuchen stundenlang dursten lassen und ihnen erst beim Lösen der Aufgaben etwas Saft spendieren?

Ist das alles gerechtfertigt, weil Kreiters Team dadurch neues Grundlagenwissen über Gehirnfunktionen gewinnen will - Wissen, das später vielleicht genutzt werden könnte, um Epilepsie zu behandeln oder um mit drahtlos empfangenen Hirnsignalen Armprothesen zu steuern?

Fragen über Fragen. Um sie besser beantworten zu können, müssen die Genehmigungsbehörden eine beratende Kommission berufen. In Bremen hatte die für den Tierschutz zuständige Gesundheitssenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD) das Pech, dass die Kommission sich nicht dem Ausstiegswunsch des Parlaments anschloss, sondern empfahl, die auslaufende Genehmigung zu erneuern - allerdings mit Auflagen, um die Belastung der Tiere zu senken.

Aber die Senatorin hatte noch ein Trumpf im Ärmel: Professor Jörg Luy, Fachtierarzt für Tierschutz, Philosophie-Magister und Chef des Instituts für Tierschutz und Tierverhalten an der Freien Universität Berlin, schätzte die Belastungen für die zwei Dutzend Makaken als so erheblich ein, dass die Versuche nicht mehr zu verantworten seien - egal, welchen Nutzen sie für den Menschen bringen könnten. Ähnlich wie beim absoluten Folterverbot fordert Luy auch für Tiere eine "abwägungsfreie Schutzzone", also "einen Schutz vor schweren Belastungen, die ein menschlicher Proband als unerträglich bezeichnen würde", wie er der Frankfurter Rundschau sagte. Darin glaubt er sich einig mit der großen Mehrheit der Bioethiker.

Mit Luys Ferndiagnose im Rücken lehnte die Behörde schließlich weitere Versuche ab. Der vertrauliche Bescheid lobt nach Informationen der FR zwar das "hohe Verantwortungsbewusstsein" Kreiters und zweifelt nicht an seiner Darstellung, dass er "besonders gute Haltungsbedingungen geschaffen und schonende Behandlungsmethoden eingeführt" habe. Aber letztlich seien die einzelnen Belastungen in ihrer Summe und durch die jahrelange Dauer so erheblich geworden, dass der Forschungszweck sie nicht länger rechtfertigen könne. Daher seien sie "aus ethischer Sicht nicht vertretbar".

Was allerdings völlig fehlt in dem Ablehnungsbescheid, sind verfassungsrechtliche Abwägungen. Für Forscher gilt die Wissenschaftsfreiheit - ein individuelles Grundrecht. Auch der Tierschutz steht seit 2002 in der Verfassung, aber nur als eines von mehreren allgemeinen Staatszielen.

Was hat da Vorrang? Für Professor Kreiter und Universitätsrektor Wilfried Müller keine Frage: die Wissenschaftsfreiheit. Voll hinter ihnen steht auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Kreiters Arbeit ebenso fördert wie das Bundesforschungsministerium oder die VW-Stiftung. Kreiter selbst spricht gar von staatlicher "Willkür" und wirft Politikern wie Tierschutzverbänden "Vernichtungsabsicht" vor: "Wir sollen kaputt gemacht werden."

Wolfgang Apel, der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes und Chef des Bremer Tierschutzvereins, freut sich dagegen über das "Ende der Affenqual": "Auch die Forschung muss sich an gesellschaftlichen Maßstäben orientieren."

Hat denn Kreiter, der früher schon Morddrohungen erhielt und zeitweise unter Polizeischutz stand, gar kein Mitgefühl? "Das sind keine Schmusetiere, sondern Nutztiere", meinte der Hirnforscher im Gespräch mit der FR. In freier Wildbahn hätten sie es auch nicht leicht. Immerhin seien sie "sehr viel robuster als wir" und könnten tagelang ohne Trinken auskommen. Aber: "Wir achten sehr darauf, so gut wie irgend möglich mit den Tieren umzugehen." Auch aus Eigeninteresse: Wenn sich die Makaken nicht wohlfühlen, arbeiten sie nicht richtig mit.

Eigentlich sollte am 30. November Schluss sein. Aber die Behörde gewährt noch Aufschub, bis das Bremer Verwaltungsgericht über einen Eilantrag der Universität entschieden hat. 130 Seiten ist er lang, und er fordert eine einstweilige Anordnung, damit Kreiters Team vorerst weiterarbeiten kann, bis der Rechtsstreit endgültig im Hauptsacheverfahren entschieden ist. Das allerdings kann dauern. Die Forscher sind nämlich wild entschlossen, durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht zu ziehen.

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