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Normalerweise ist die Prostata so groß wie eine Kastanie.

Medizin

Prostataverkleinerung auf die sanfte Art

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Spezielles Verfahren an der Frankfurter Uniklinik: Mit einer Embolisation lässt sich eine gutartige Prostatavergrößerung auch ohne Messer behandeln.

Ein „übliches Männerleiden“ war es, wie er sagt, nichts Außergewöhnliches, kein Krebs. Doch in seiner Lebensqualität fühlte sich der frühere Zahnarzt aus Heidelberg extrem beeinträchtigt: Eberhard B. litt an einer gutartigen Vergrößerung der Vorsteherdrüse, so wie viele Männer ab einem gewissen Alter. Rund 70 Prozent der über 60-Jährigen sind betroffen – in unterschiedlich starkem Maße, mit mehr oder weniger ausgeprägten Beschwerden.

Die „symptomatische benigne Prostatahyperplasie“ führt dazu, dass die normalerweise kastaniengroße und etwa 20 Gramm schwere Drüse wächst, zum Teil auf das bis zu Sechsfache ihres einstigen Volumens und Gewichts. Als Folge kommt es zu Problemen beim Wasserlassen: Typische Symptome sind heftiger Harndrang, schwacher oder ständig unterbrochener, „tröpfelnder“ Urinfluss oder auch nächtliche Blasenschwäche. Ohne Behandlung kann es dazu kommen (muss es aber nicht), dass sich die Prostata immer weiter vergrößert und irgendwann so stark gegen die unmittelbar über ihr gelegene Blase drückt, dass kein Urin mehr abfließen kann. Dann drohen lebensbedrohliche Komplikationen. Die Gefahr einer Entartung indes besteht so gut wie gar nicht.

Transurethrale Resektion das Standardverfahren bei Prostatavergrößerung

Bei dem ehemaligen Zahnarzt aus Heidelberg waren die Beschwerden so massiv, dass er einen Katheter tragen musste. „Ich konnte kein Wasser mehr lassen“, erzählt er. Sein Urologe riet zu einer transurethralen Resektion der Prostata (TURP). Bei diesem chirurgischen Eingriff wird über die Harnröhre eine elektrische Hochfrequenz-Schlinge in die Prostata eingeführt und diese ausgeschält. Das geschieht meist unter Vollnarkose, manchmal auch unter einer Regionalanästhesie mit Betäubung der ins Becken und in die Beine führenden Rückenmarksnerven. Die transurethrale Resektion ist bis heute in Deutschland das Standardverfahren bei einer behandlungsbedürftigen Prostatavergrößerung, wenn eine medikamentöse Therapie keine Linderung mehr bringt.

Doch Eberhard B. behagte der Gedanke an die Operation nicht. Denn obwohl minimal-invasiv, kann der Eingriff einige unangenehme Folgen haben. Dazu zählen als häufigste Nebenwirkung eine retrograde Ejakulation, der Samenerguss in die Harnröhre. Weitere Komplikationen können eine erektile Dysfunktion, eine Einengung der Harnröhre oder Inkontinenz sein.

Prostata-Arterien-Embolisation als alternatives Verfahren

„Ich wollte auf gar keinen Fall zum Bettnässer werden oder irgendeine Art männlicher Verstümmelung hinnehmen“, drückt es der Zahnmediziner drastisch aus. Er sagte den bereits vereinbarten Operationstermin ab und machte sich selbst im Internet kundig. Bei seinen Recherchen stieß er auf ein alternatives Verfahren, die Prostata-Arterien-Embolisation, die bislang nur an einigen Kliniken in Deutschland angeboten wird. Eberhard B. entschied sich für das Universitätsklinikum Frankfurt, wo der Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Thomas Vogl, eine eigene, verfeinerte Technik entwickelt hat.

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Anders als bei der Resektion bekommt der Patient nur eine lokale Betäubung, kann noch am gleichen Tag die Klinik wieder verlassen. Die Behandlung dauert in der Regel knapp eine Stunde, danach muss der Patient noch einige Stunden im Bett liegen. Gefürchtete Nebenwirkungen wie Inkontinenz und Impotenz sollen bisher nicht beobachtet worden sein. Eberhard B. hat den Eingriff selbst auf dem Bildschirm verfolgt. Mit dem Ergebnis ist er rundum zufrieden: „Ich kann wieder ganz normal zur Toilette gehen“, erzählt der heute 75-Jährige.

Die Prostata-Arterien-Embolisation ist ein noch relativ junges Verfahren in der Medizin. 2008 hat es ein brasilianischer Radiologe erstmals angewandt. 2010 publizierte der Südamerikaner seine Ergebnisse dann in der Fachpresse. Im Prinzip geht es bei der Embolisation darum, den Blutfluss an einer bestimmten Stelle zu unterbrechen. Seit mehr als 20 Jahren werden damit Beckenblutungen behandelt, etwa nach Operationen. Im Falle von Wucherungen geht es darum, einer Geschwulst die Blutzufuhr abzuschneiden und sie darüber zum Schrumpfen zu bringen. In der Gynäkologie wird diese Methode bereits seit längerem angewandt, um Myome – gutartige Wucherungen der Gebärmutter – zu verkleinern.

Vor dem Eingriff: Untersuchung im MRT

In Frankfurt wird die Prostata-Arterien-Embolisation mittlerweile seit drei Jahren Jahren angeboten, Thomas Vogl hat seither mehr als 160 Patienten auf diese Weise behandelt. Der Professor für Radiologie erklärt, was genau bei diesem Verfahren gemacht wird: Wichtig sei es zunächst, vorher sicher zu klären, dass tatsächlich ein Adenom – eine gutartige Wucherung des Drüsengewebes – vorliegt und kein Krebs, aber auch keine Entzündung der Prostata. Auch sollten nur solche Patienten behandelt werden, bei denen Medikamente nichts oder nichts mehr ausrichten.

An der Frankfurter Uniklinik geht dem Eingriff eine Untersuchung in einem besonders leistungsfähigen Magnetresonanztomographen (MRT) voran. Mit diesem bildgebenden Verfahren, das ohne Röntgenstrahlen arbeitet, lassen sich Gefäße dreidimensional darstellen. „Die Anatomie im Beckenbereich ist sehr komplex, die Arterien dort sind sehr klein“, erklärt Vogl. „Plant man vorher mit dem MRT, so kann man später genauer und sicherer arbeiten, benötigt weniger Kontrastmittel und kann die Strahlenbelastung während der Embolisation geringer halten.“

Für den eigentlichen Eingriff wird der Patient örtlich betäubt. Dann wird mit einer Nadel in der Leistengegend ein kleines Loch gestochen und ein Schlauch als Schleuse gelegt. Über diese Schleuse bringt der Arzt dann einen flexiblen Katheter in die zur Prostata führende Arterie ein. „Bei uns steuert ihn ein kleiner Roboter, bis er an der richtige Stelle ist“, erläutert Vogl. „Hat der Katheter den Zielort erreicht, injiziert man kleine Kunststoffpartikel in die Seitenäste der Arterie.“ Diese winzigen Kügelchen sind 300 bis 500 Mikrometer und damit kaum einen halben Millimeter groß, ihre Haltbarkeit beziffert der Frankfurter Radiologe auf hundert Jahre. Sie sollen die feinen Gefäße „verstopfen“, damit das Adenom in der Prostata nicht mehr ausreichend mit Blut ernährt und in der Folge vom Körper abgebaut werden kann.

Wucherung soll sich zurückbilden, nicht absterben

Bei diesem Vorgang ist vom Arzt viel Feingefühl und Erfahrung gefragt. Denn zum Einen dürfen die feinen Gewebestrukturen nicht verletzt werden. Zum Anderen darf man aber auch die Blutzufuhr nicht komplett abschneiden, erklärt Vogl: „Es müssen weiterhin Zellen, die das Adenom abbauen, passieren können.“ Denn die Wucherung soll sich zurückbilden, aber nicht absterben.

Inzwioschen hat der Chef der Frankfurter Radiologie die Daten von mehr als 100 seiner von ihm auf diese Weise behandelten Patienten ausgewertet. Das Ergebnis: „Bei 75 Prozent war die Therapie ein voller Erfolg. Bei weiteren zehn bis 15 Prozent sind die Beschwerden besser geworden.“

Als Nebenwirkungen der Behandlung können unter anderem Blutungen beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang, eine entzündliche Reaktion oder Blut im Sperma auftreten. Diese Beschwerden seien allerdings in der Regel nur vorübergehend, sagt Vogl. Das Risiko schwerwiegender Komplikationen bewertet der Mediziner als sehr gering, sie seien bei weniger als einem Prozent der Patienten zu erwarten. Während bei der transurethralen Resektion die durch die Prostatahyperplasie verursachten Beschwerden bereits unmittelbar nach der Operation verschwunden sind, dauert das bei der Embolisation etwas länger – der Körper muss schließlich erst daran arbeiten, die Vergrößerung abzubauen. Nach drei bis vier Wochen sei eine Besserung zu spüren, sagt Vogl, nach maximal zwei Monaten sollte der Prozess abgeschlossen sein. Eine Kontrolle empfiehlt der Arzt etwa drei Monate nach dem Eingriff.

Eberhard B. geht es nach wie vor gut. Ihn ärgert es jedoch, dass ihm die Methode nicht als mögliche Alternative zur Operation vom Urologen genannt wurde. In Deutschland ist die transurethrale Resektion nach wie vor die Methode der ersten Wahl bei einer fortgeschrittenen gutartigen Prostatavergrößerung. In den USA hingegen würde bereits weitaus häufiger die Embolisation angewandt, sagt Vogl. Dort werde dieses Verfahren nicht nur von Radiologen praktiziert, sondern auch von Urologen, die sich darauf spezialisiert hätten. „Es müsste ja keine Empfehlung für die Embolisation geben“, sagt Eberhard B. „Aber ich würde mir wünschen, dass man als Patient wenigstens gesagt bekommt, dass es noch eine andere Möglichkeit als nur die Operation gibt.“

Weitere Informationengibt es auf der Webseite radiologie-uni-frankfurt.de. Auf der Startseite das Stichwort „Patient“ anklicken, dann „Interventionelle Radiologie“, dann „Onkologische Interventionen“, dann „Prostata-Embolisation bei benigner Prostatahyperplasie“.

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